England vor dem Deutschland-Spiel

Capello krempelt Three Lions um

Von Für SPOX in Berlin: Stefan Rommel
Dienstag, 18.11.2008 | 20:02 Uhr
Erfolgsmensch: Fabio Capello krempelt die englische Nationalmannschaft um
© Getty
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England plagt seit Jahrzehnten ein Nationalmannschafts-Komplex. Doch seit Fabio Capello das Zepter schwingt, ist alles anders. Vom WM-Titel ist sogar schon die Rede. Ergo: Deutschland (Mi., 20.30 Uhr im SPOX-TICKER) sollte gewarnt sein.

Alles begann mit einem jener herrlichen Wortspiele, die nur die englische Sprache in dieser Form und Anhäufung hervorbringen kann.

Als die englische Nationalmannschaft mit der verpatzten EM-Quali das Land abermals in jene schreckliche Agonie schickte, die die Fans seit dem WM-Titel von 1966 schon zur Genüge gewohnt sind.

Steve McClaren stand an einem frostigen Novemberabend an der Seitenlinie im Londoner Wembleystadion, der Regen prasselte auf ihn nieder - also schützte sich der gute McClaren mit einem Regenschirm.

Schon während des Spiels gegen Kroatien wurde es zu einem Bild mit Symbolcharakter. Nach dem Desaster nahm die Hetzkampagne ihren Lauf, hatten die Fans einen Sündenbock und der Boulevard eine der griffigsten Headlines aller Zeiten.

Capello: Absolute A-Lösung

McClaren war von nun an "the wally with the brolly", der Idiot mit dem Schirm und eine weitere Zusammenarbeit der Football Association mit ihrem blassen Teammanager nicht mehr möglich.

McClaren, von Beginn an argwöhnisch nur als C-, oder D-Lösung betrachtet, musste nach der Niederlage gegen Kroatien und der verpassten EM gehen und die FA hatte ein mächtiges Problem.

Die Premier League spült ganze Heerscharen glänzender Spieler aus dem In- und Ausland an die Oberfläche, aber keinen vernünftigen britischen Trainer, der Lust auf das Traineramt bei den Three Lions verspürt.

Das Experiment mit dem Schweden Sven-Göran Eriksson war schon schief gegangen, von einem weiteren Ausländer auf der Trainerbank waren die Herren in den Gremien nicht unbedingt angetan.

Vier Wochen nach der Schmach von London unterschrieb Fabio Capello dennoch einen Vierjahresvertrag, alimentiert wird er seitdem mit rund acht Millionen Euro netto. Eine Gehaltsstufe, bei der man getrost von einer A-Lösung sprechen kann.

Trümmerhaufen war gestern

Von Anfang an waren die Amtshandlungen des gestrengen Italieners von der nicht überhörbaren Skepsis der Fans flankiert, Capellos zum Teil unpopuläre Maßnahmen ließen unbelehrbare Nostalgiker und die Revolverblätter laut aufheulen.

Capello räumte den Trümmerhaufen Schritt für Schritt beiseite, er griff rigoros durch, legte sich mit den Platzhirschen im Team an - und setzte sich eindrucksvoll durch.

Capello als strenger Kindergärtner

Leidtragende des Capello-Katechismus sind die Freunde des leichten Lebens, von Laissez-faire hält der Italiener so viel wie von einer Wurzelbehandlung beim Zahnarzt. Capello sperrte die WAGs aus, die Wifes And Girlfriends, die bis dahin wie selbstverständlich in den Mannschaftshotels logierten und der Boulevardpresse tonnenweise Stoff für schlüpfrige Geschichten lieferten.

Er führte das gemeinsame Frühstück ein. Zuvor trudelten die Beckhams, Rooneys und Terrys im Speisesaal ein wie Touristen. Jeder wann und wie er wollte. Capello legt für jede Zusammenkunft fixe Zeiten fest, in denen Handys benutzt werden dürfen.

Und er trieb seinen Spielern die Selbstgefälligkeit aus. Als die Mannschaft nach dem fantastischen 4:1 in Kroatien zurückkehrte, wollte keiner etwas von der geglückten Revanche wissen oder davon, dass England nun wieder zu den Topteams in Europa gehöre.

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Lob von Bobby Charlton

Die Spieler sprachen stattdessen die wenigen Missstände an, die das englische Spiel noch offenbarte. Kein Hochmut, keine Arroganz, sondern nüchterne Analyse.

Englands Rekordtorschütze Sir Bobby Charlton verglich den Coach bereits mit Sir Alf Ramsey, dem legendären Trainer der Weltmeister-Elf von 1966. "Capello ist wie Ramsey der Boss. Er weiß genau, was er will und wie man gewinnt. Er hat einen Plan und ein System."

Alles wirkt professioneller

Das sieht vor, seine Spieler in jeder Trainingseinheit besser zu machen, ihnen neue Lösungsvorschläge an die Hand zu geben, sie mit dringenden taktischen Kniffen auszustatten. Capello nimmt das archaische aus dem englischen Spiel und mischt ein wenig Europa und ganz viel Italien mit hinein. Auch Eriksson versuchte sich einst daran - und scheiterte grandios.

"Das Training ist viel intensiver, fast wie bei einer Klubmannschaft. Alles wirkt professioneller", sagt Torjäger Darren Bent, der unter Capello eine Art Wiederauferstehung im Three-Lions-Trikot erlebt.

Der Erfolg gibt Capello Recht: England steht in Qualifikationsgruppe 6 mit vier Siegen aus vier Spielen und einem Torverhältnis von 14:3 schon fünf Punkte vor den zweitplatzierten Kroaten. Das Ticket für die WM scheint bereits sicher.

England: Der Traum vom WM-Titel lebt

Der Italiener lebt einen ganz neuen Siegeswillen vor, er bringt den Engländern bei, dass in erster Linie das Ergebnis zählt - und nicht die Art und Weise der Spielführung.

Eines hat sich aber auch unter Capello bisher nicht geändert: Nach dem Sprung unter die Top Ten der FIFA-Weltrangliste - so fragwürdig diese Statistik auch ist - reifen auf der Insel schon wieder die Träume vom ersten Titelgewinn nach 44 Jahren.

"Ich glaube, dass wir in Südafrika Weltmeister werden. Die Mannschaft ist so gut wie das Team von 1966", unkt Charlton bereits jetzt.

Capello aber bleibt gelassen. Er hatte in den letzten Tagen andere Dinge zu tun. Er musste seine Biographie promoten, die neulich erschienen ist und unter einem Titel firmiert, der treffender nicht sein kann: "Portrait of a Winner."

Die voraussichtlichen Aufstellungen:

Deutschland: Adler (Bayer Leverkusen) - Friedrich (Hertha BSC), Mertesacker (Werder Bremen), Westermann (Schalke 04), Schäfer (VfL Wolfsburg) - Schweinsteiger (Bayern München), Jones (Schalke 04), Rolfes (Bayer Leverkusen), Trochowski (Hamburger SV) - Klose (Bayern München), Podolski (Bayern München)

England: James (FC Portsmouth) - Glen Johnson (FC Portsmouth), Upson (West Ham United), Terry (FC Chelsea), Bridge (FC Chelsea) - Barry (Aston Villa), Carrick (Manchester United) - Wright-Phillips (Manchester City), Downing (FC Middlesbrough) - Defoe (FC Portsmouth), Bent (Tottenham Hotspur)

Schiedsrichter: Busacca (Schweiz)

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