Fussball

Mit "Air Bäron" um die Welt

Von Markus Hoffmann
Auch bei der WM 2006 in Deutschland war das "Air-Bäron"-Banner mit dabei
© Getty

Das Transparent mit der Aufschrift "Air Bäron" hat in der Fußballszene Kultstatus. Doch wer steckt eigentlich hinter dem legendären Banner, das auch beim Länderspiel Deutschland gegen England wieder deutlich zu sehen war? SPOX hat Deutschlands wohl bekanntesten Fan ausfindig gemacht. Beim Treffen erklärt er, wie alles begann, schildert spannende Momente auf seinen Reisen als Super-Fan der Nationalmannschaft und bewertet die aktuelle Situation der DFB-Elf. 

Abpfiff im Berliner Olympiastadion. Deutschland hat den Klassiker gegen England 1:2 verloren.

In der Kurve rollt Frank Niemann enttäuscht sein 4,50 mal 0,80 Meter großes Transparent ein, das er vor dem Spiel wie immer in optimaler Position zu den TV-Kameras platziert hat.

Millionen Fernseh-Zuschauer haben es wieder einmal - zumindest unbewusst - wahrgenommen, das wohl berühmteste Fan-Banner der Republik. Das bekannte Markenzeichen ist inzwischen bei Spielen der Nationalmannschaft genau so wenig wegzudenken, wie die Nationalhymne.

Verantwortlich für den auffälligen Schriftzug "Air Bäron"  ist eben jener Frank Niemann - und das bereits seit 1995. Seitdem war der HSV-Fan bei (fast) jedem Auftritt der DFB-Elf dabei. Insgesamt kommt er auf mehr als 130 Länderspiel-Besuche. Egal wo auf dem Erdball die DFB-Kicker spielen, "Air Bäron" ist dabei und hängt gut sichtbar im Stadion.  

Postbote von HSV-Star inspiriert

Angefangen hat alles 1995. Mit dem Hamburger SV und, klar, Stürmer Karsten Bäron. "Karsten war mein Lieblingsspieler. Groß, technisch versiert, kopfballstark. Dadurch entstand die Idee, das Air von Michael Jordan spaßeshalber mit Bäron zu kombinieren. So entstand der Schriftzug", erklärt Frank Niemann, der seitdem mehr als500 Bundesliga-Spiele seines HSV live vor Ort gesehen hat.

Im richtigen Leben arbeitet der 34-Jährige als Postzusteller und lebt in Westbevern, einer kleinen Ortschaft bei Münster. Von der F- bis zur A-Jugend kickte er selbst, beim SV Ems Westbevern, mal im Sturm, im Tor oder als Libero.

"Danach habe ich beschlossen, mich dem Fußball lieber als Fan zu widmen. Die Sache mit dem Transparent habe ich nicht gemacht, um berühmt zu werden. Dass sich so ein Kult darum entwickelt, hätte ich gar nicht gedacht", erklärt Niemann, der den Großteil seines Postboten-Gehalts in seine Leidenschaft steckt. Pro Jahr sieht er rund 40-50 Spiele live im Stadion.

"Bestätigung der Fans macht mich stolz"

Dabei ist er kein typischer Hardcore-Fan, der mit Trikot, Schal und Kutte rumläuft. Er hält sich eher unauffällig im Hintergrund. Trotzdem freut es ihn, wenn die Leute ihn ansprechen.

"Es macht mich schon stolz, wenn andere Fans mich erkennen und ein Foto mit mir machen wollen. Das ist eine Bestätigung für mich. Ich freue mich, wenn ich gut rüber komme und spreche gerne mit den Menschen. Aber ich möchte betonen, dass ich trotzdem nur einer von vielen bin. Es gibt einige Fans, die sogar noch mehr Spiele sehen als ich", erklärt Niemann.

Seit 1996 kein Turnier verpasst

Schwer vorstellbar, denn seit der EM 1996 war Niemann bei allen großen Turnieren und praktisch jedem Länderspiel der DFB-Elf dabei. Seine Reisen führten ihn bislang in sage und schreibe 53 Länder, unter anderem nach Südafrika (1995), den Oman (1998), USA (1998) und Thailand (2004). Nur Südamerika und Australien fehlen noch auf der Liste der Kontinente.

Als einen der absoluten Höhepunkte bezeichnet er die WM 2006 im eigenen Land: "Die Stimmung in Deutschland war sensationell und bewegte sich in ungeahnten Dimensionen. Das Finale wäre der Hammer gewesen. Aber es hat sicht sollen sein."  

Das letzte (traurige) Highlight war das EM-Endspiel 2008 in Wien: "Ein ganz bitterer Moment. Ich hätte gerne wieder den EM-Titel gefeiert." So wie 1996, als er im Wembley-Stadion das Golden Goal von Oliver Bierhoff bejubeln konnte.

"Fast wäre ich nicht mehr raus gekommen"

Neben dem Besuch der Spiele nimmt sich Niemann stets Zeit für Land und Leute. Logisch, dass er von unzähligen schönen Erlebnissen wie beispielsweise einer Safari auf einem seiner ersten Trips in Südafrika berichten kann. "Ich freue mich immer, fremde Länder und Kulturen kennen zu lernen und auf die Herzlichkeit und Gastfreundlichkeit der Menschen."

Dass auf seinen Reisen nicht immer alles glatt läuft, zeigt das Beispiel Iran 2004: "Beim Weg aus dem Stadion ist mein Pass abhanden gekommen. Ich musste vier Tage im Iran bleiben, bis ich wieder raus konnte. Glücklicherweise haben mir zwei Deutsch-Iraner bei den Behörden geholfen, sonst wäre ich da nicht mehr weg gekommen. Das war richtig heftig", erinnert sich Niemann.

Wie lange er seiner Reiselust noch nachgehen will, vermag er momentan nicht zu sagen. Fest steht, dass er irgendwann kürzer treten wird. "Meine neue Freundin ist kein Fußball-Fan. Daher überlege ich ernsthaft, ob es nicht manchmal schöner ist, Zeit mit ihr zu verbringen, statt sich im Stadion den Hintern abzufrieren." 

Nun steht ja erstmal eine längere Länderspielpause an - die Freundin wird's freuen.

Kein Verständnis für Ballack und Frings

Natürlich hat der Edel-Fan auch eine klare Experten-Meinung zur sportlichen Situation der Nationalmannschaft. "In der WM-Quali sind wir klarer Favorit. Alles andere als der Gruppensieg wäre eine Enttäuschung."

Kritisch sieht er die jüngsten Querelen im  DFB-Team: "Michael Ballack hätte sich nicht öffentlich negativ über den Trainer äußern dürfen. Dafür ist er glimpflich weg gekommen. Auch Frings muss sich damit abfinden können, auf der Bank zu sitzen." 

Trotzdem sieht er Deutschland auf einem guten Weg: "Der Bundestrainer hat eine große Auswahl an jungen, guten Spielern. Da mache ich mir keine Gedanken."

"Wiese kommt nicht gut an"

In der Torwartfrage bevorzugt er Rene Adler: "Er macht seine Sache sehr gut. Wiese kommt bei den Leuten nicht gut an. Der macht mir zu viel Show. Neuer und Rensing finde ich besser."

Einen Lieblingsspieler hat er im Nationalteam nicht, obwohl er "seinen" HSV-Stars Piotr Trochowski und "möglichst bald wieder Marcell Jansen" besonders die Daumen drückt.

Persönlichen Kontakt zu den Nationalspielern hat er übrigens nicht. "Die kennen mich nicht." Nur mit einem (Ex-) Spieler ist er gut befreundet. Natürlich mit Karsten Bäron.

Großes Ziel WM 2010

Jetzt gilt es, die Pleite von Berlin schnell abzuhaken. "Das Spiel und die Stimmung waren enttäuschend."

Denn nach dem Länderspiel ist vor dem Länderspiel. Nächster Termin für den Fan mit dem Kult-Banner ist der 11. Februar 2009, das Spiel gegen Norwegen in Düsseldorf.

Auch dann wird er sich wieder auf den Weg machen, zu einer von vielen Zwischenstationen bis zu "meinem nächsten großen Reiseziel, der WM 2010 in Südafrika." Denn eins steht fest: Qualifiziert Deutschland sich für die WM, ist auch "Air Bäron" wieder mit dabei.

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