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Sonntag, 29.05.2016 | 11:44 Uhr
Gabi führte Atletico Madrid im Finale gegen Real Madrid auf das Feld
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Real Madrid siegt im Finale der Champions League gegen Atletico Madrid und feiert den elften Titel der Vereinsgeschichte im größten Wettbewerb Europas. Es stellt sich im Nachhinein vor allem eine Frage: Wie konnte das geschehen?

Es ertönt die Hymne der Champions League. Laut und voller Inbrunst schallt es aus den Lautsprechern des noch immer zum Bersten gefüllten Stadions. Während die Männer in weiß auf der Tribüne den Pokal, nicht irgendeinen, sondern den mit den großen Ohren, in die Höhe recken, steht ein Mann einsam auf dem grünen Rasen.

Er ist nicht allein, aber in diesem Moment unglaublich einsam. Sein Blick geht nach rechts, sein Blick geht nach links. Noch immer liegt der Geruch von Schweiß in der Luft, die lauten Schreie der Spieler hallen in seinem Hinterkopf wider. Das Spiel ist seit fast 15 Minuten Geschichte, doch noch spürt er nichts. Gar nichts. Nicht, dass sein Trikot am schweißnassen Körper klebt. Nicht, dass die Stutzen langsam das vom Knie herabrinnende Blut aufsaugen. Gabi spürt in diesem Moment nichts. Er ist wie ausgesaugt, ihm stecken lange 120 Minuten in jeder einzelnen Muskelfaser seines Körpers.

Die Mär der zweiten Chance

Er sucht nach Kraft. Irgendwo in diesem 1,82 Meter großen Körper, vielleicht sind es in diesem Moment auch weniger, muss doch noch ein Rest Kraft stecken. Er findet ihn nicht. Erst als er den Blick schweifen lässt, sammelt er das kleine bisschen Energie, das er braucht, um ein paar wenige Meter zu machen.

Es sind nicht annähernd so viele, wie er in den letzten zwei Stunden gemacht hat. Keine 14 Kilometer, nur wenige Schritte. Gabi geht von einem Mitspieler zum nächsten. Manche weinen, manche starren nur wie versteinert vor sich hin. Er weiß, wie es ihnen geht. Aber so darf es ihm in diesem Moment nicht gehen. Er ist der Kapitän.

Einen Satz legt er sich bereit. Spieler für Spieler wiederholt er ihn wie ein Mantra. Er gibt ihm selbst wieder Hoffnung. Mit der Silbermedaille in der Hand geht er in die Hocke, sagt zu jedem der vielen Geschlagenen: "Im Fußball gibt es immer eine zweite Chance."

Die Spieler bleiben Helden

Manch ein Spieler nickt abwesend. Diego Costa starrt nur weiter vor sich hin. David Villa schaut Gabi an, aber sieht ihn nicht. Er ist einer von denen, die wissen, dass es für sie keine zweite Chance geben wird. Das Finale von Lissabon war ihre letzte Möglichkeit, die Champions League zu gewinnen.

Andere dagegen lassen sich von ihrem Kapitän aufhelfen, gemeinsam treten sie den Weg in die Kabine an. Schritt für Schritt, Meter für Meter. Vorbei an den Mikrofonen, vorbei an den Fans, die ihre Spieler noch immer für Helden halten. Sie wollen Autogramme, aber niemand kann sich dazu aufraffen.

"Im Fußball gibt es immer eine zweite Chance." Was war er doch für ein Idiot? Gabi schwenkt den Kopf. Das hier ist nicht Lissabon. Das ist Mailand. Die zweite Chance war zum Greifen nahe. Er hat sie vergeben. Er hat dem Team Mut gemacht, ihnen die zweite Chance versprochen, aber nicht weit genug gedacht. Er hat vergessen, ihnen auch zu sagen, dass diese Chance, dieser kleine Türspalt, nur wenige Sekunden geöffnet ist.

Das ist der Cholismo

Nun ist der Türspalt zu. Cristiano Ronaldo hat ihn zugedonnert. Wieder mit einem Elfmeter, wieder riss er sich das Trikot vom durchtrainierten Leib. Die zweite Chance. Entrissen von einem Portugiesen, der in den Minuten vor dem Elfmeterschießen ein Schatten seiner selbst war.

Gabi war in diesen Minuten über sich hinausgewachsen, wie viele aus seinem Team. Im ehrwürdigen San Siro ist sein Kopf noch viel zu leer, um über das Wie und Warum nachzudenken. "Wir müssen jetzt auf das Team stolz sein. Ich gratuliere Real", wird er in seiner Funktion als Kapitän in eines der Mikros stammeln.

"Wir werden zurückkommen und die Champions League gewinnen", sagt er und meint es so. Gabi ist kein Mann, der Dinge aufgibt. Nicht nach dem ersten Anlauf, nicht nach dem zweiten Anlauf. Das ist der Cholismo, das ist die große Schule von Diego Simeone. Die Mentalität eines Gewinners. Das würde Gabi zumindest gerne sagen.

Die große Debütsaison des Zizou

Tatsächlich ist es so, wie sein Mentor sagen wird: "Niemand erinnert sich an den Zweitplatzierten." Wird in einem, in zwei, in drei Jahren über das Finale der Champions League von 2016 gesprochen, wird niemand die Geschichte von Gabi erzählen. Niemand wird über den jungen Yannick Carrasco reden, niemand wird über die Nicht-Performance des Mannes reden, der sich am Ende sein weißes Trikot vom Körper zerrte.

Alle werden sie reden über die große Debütsaison von Zinedine Zidane. Der Mann, der eine von Rafa Benitez gebeutelte Mannschaft übernahm und sie zum größtmöglichen Triumph führte. Sie werden reden über eine Mannschaft, die allen Widrigkeiten getrotzt hat, um das Finale zu erreichen.

Ein Team aus Spielern, die im letzten Spiel der Saison, im letzten Spiel vor der Europameisterschaft alles aus ihren Körpern herausholten. Ein Dani Carvajal, der unter Tränen ausgewechselt wurde. Ein Gareth Bale, der mit Krämpfen einen Elfmeter verwandelte und so das Herz des walisischen Nationaltrainers mindestens einmal vor Sorge aussetzen ließ.

Es gibt keine Gerechtigkeit

Glorifizierung im Nachhinein ist eine der schlimmsten Unarten des Fußballs. Sprechen wird niemand über den Matchplan von Zidane. Er schickte einen ganz offensichtlich nicht fitten Ronaldo aufs Feld, wechselte bereits in den 90 Minuten dreimal. Sein Team schleppte sich durch die Verlängerung, mit dem Licht des Elfmeterschießens am Ende des langen Tunnels.

Sprechen wird niemand über das fußballerisch furchtbare Halbfinale gegen Manchester City oder das drohende Aus gegen den VfL Wolfsburg. "Es gibt so etwas wie Gerechtigkeit nicht", resümierte Simeone im Anschluss an die Partie und sprach damit aus, was die Fußball-Welt dachte.

Was bleiben wird, ist die Geschichte derer, die wieder aufgestanden sind. Mehrfach. Das kann man Real nicht abstreiten, auf gar keinen Fall. Wer einen 0:2-Rückstand im Viertelfinale der Königsklasse derart souverän dreht, völlig unabhängig vom Gegner, darf sich das ohne schlechtes Gewissen ins Geschichtsbuch schreiben. Das gilt erst recht für ein gewonnenes Finale.

"Das war unser Abend"

Der Fußball fragt nicht nach dem Wie. Das tut er in den nächsten Stunden, vielleicht Tagen. Spätestens nach einer Woche ist das Wie nicht mehr Thema, es wird eingeholt von Hunderten anderer Themen, Diskussionen und Meinungen. Fakt ist: Real Madrid hat die Champions League gewonnen.

Irgendjemand hat einmal behauptet, dass damit die beste Mannschaft Europas gekrönt werden würde. Das ist nicht wahr. Es wird die Mannschaft gekrönt, die alle anderen hinter sich gelassen hat. In einem Turnierbaum, in einem K.o.-System. Erwischt der Gegner, so wie Atletico, keinen guten Tag, ist das die Wahrheit.

Das weiß auch Gabi. Dieses Mal war es Simeone, der von Spieler zu Spieler ging. Der 32-jährige Kapitän blieb in Mailand ganz für sich. "Ich habe meinen Spielern gesagt, sie sollen nicht weinen. Das heute, das war unser Abend", verrichtete Simeone die Arbeit seiner rechten Hand. Kapitän und Trainer. Sie beide werden in dieser Nacht nicht schlafen, sondern sich stundenlang mit einer Frage herumschlagen: Wie konnte das geschehen?

Real Madrid - Atletico Madrid: Daten zum Spiel

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