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Joshua Kimmichs Champions-League-Abend in Turin

Perfektionist in der Schule

Mittwoch, 24.02.2016 | 10:02 Uhr
Joshua Kimmich absolvierte in Turin sein erstes Champions-League-K.o.-Spiel
© getty
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Joshua Kimmich bildete auch im Champions-Achtelfinale bei Juventus Turin zusammen mit David Alaba die Innenverteidigung des FC Bayern. Er zeigte über weite Strecken eine starke Leistung, zwei seiner Unachtsamkeiten trugen aber dazu bei, dass der FCB den Hinspiel-Sieg noch aus der Hand gab. Zum Sündenbock machen ihn die Kollegen aber nicht. Zurecht.

Es gibt diesen vorgegebenen Ablauf nach einem Fußballspiel, dass die Spieler auf dem Weg zum Mannschaftsbus noch einmal durch die Mixed Zone laufen. Man steht der Presse Rede und Antwort. Manch einer mag das mehr, ein anderer dagegen ist froh, wenn er bei den wartenden Journalisten nicht unbedingt Halt machen muss.

Die Spieler des FC Bayern kennen dieses Prozedere aus unzähligen Spielen. Wer mit einem FCB-Logo auf der Brust aus der Kabine kommt, ist immer interessant für die Medien. Es kommt nur selten vor, dass ein Spieler des Rekordmeisters ungefragt an der löchernden Meute vorbeischreiten kann.

Das war am Dienstagabend auch im Juventus Stadium in Turin der Fall. Einer nach dem anderen sprach in die Kameras, Mikrofone, Handys und Diktiergeräte. Einen vermisste man aber: Joshua Kimmich wurde über einen separaten Ausgang zur Abfahrt geschleust. Keine Stellungnahme vom 21-Jährigen.

180-Grad-Wendung in 13 Minuten

Der Grund war so offensichtlich wie verständlich: Beim Stand von 2:0 für die Bayern verschätzte sich der Youngster bei einem Cuadrado-Pass zwar nur um wenige Zentimeter, die Kugel rutschte unter seinem Fuß hindurch jedoch zu Mario Mandzukic.

Er verlor seine eigentlich gute Position, versuchte noch, Mandzukic zu stellen und seinen Fauxpas wiedergutzumachen - aber es war zu spät: Der Kroate nutzte die Lücke, um Paulo Dybalas Tor vorzubereiten.

Doch es kam noch unangenehmer. Beim Ausgleich von Stefano Sturaro wenige Minuten später hatte Bayerns improvisierter Innenverteidiger erneut das Nachsehen: Bei Moratas Hereingabe kam Kimmich mit seiner Grätsche einen Tick zu spät, Sturaro drückte den Ball ins Netz. Binnen 13 Minuten hatte sich der Abend des K.o.-Phasen-Debütanten einmal um 180 Grad gewendet.

Einer der Besten im Bayern-Spiel

Denn Kimmich war die Stunde zuvor einer der besten Spieler auf dem Feld. In Abstimmung mit Alaba und Vidal wies er ein starkes Stellungsspiel auf, von hinten heraus spielte er viele Bälle mit Schärfe und hoher Präzision nach vorne und vor allem im Duell gegen den robusten Mario Mandzukic schlug sich Kimmich bemerkenswert gut.

66,7 Prozent seiner Zweikämpfe entschied er trotz physischer Unterlegenheit für sich, zudem gewann er 60 Prozent der Luftduelle. Mit 115 Ballaktionen lag er nur hinter Arturo Vidal (130), noch dazu trug er entscheidend dazu bei, dass der FCB das Angriffspressing von Juve schnell überspielte und dann in die wichtigen Räume kam: Von allen Bayern-Spielern spielte er die meisten Pässe in der gegnerischen Hälfte (65), 21 davon ins Angriffsdrittel.

Bis zu seinen Unsicherheiten hatte man nicht das Gefühl, einen gerade erst umgeschulten Verteidiger auf dem Platz zu sehen - in seinem ersten K.o.-Spiel der Königsklasse, auswärts. Zu souverän löste er seine Aufgaben, er strahlte große Routine aus.

Am Ende der Fehlerkette

"Wir müssen Joshua keineswegs trösten. Er trägt auf keinen Fall die alleinige Schuld für die Gegentore, deshalb müssen wir ihn auch nicht aufbauen", äußerte sich Neuer stellvertretend für den Rest seiner Kollegen. So war es ja auch.

Vor dem 1:2 spielte Bayern in Juves Hälfte nur ein halbherziges Pressing und lief dann hinterher. Vor dem 2:2 brachte Neuer mit seinem Flugball Lahm in Bedrängnis, der dann Müller nicht fand, der wiederum das taktische Foul an Pogba vermied, ehe Vidal im Niemandsland stand.

Es war eine Fehlerkette, die Kimmich am Ende noch aufbrechen hätte können, aber er kam eben diesen einen Schritt zu spät.

Perfekt, aber unerfahren

Wie stark veranlagt Kimmich ist, darüber gibt es keine zwei Meinungen mehr. Nicht nur Pep Guardiola sieht ihn mittlerweile als künftigen Nationalspieler. Ob in der Verteidigung oder im Mittelfeld: Wenn er sich weiter so entwickelt, steht ihm eine große Karriere bevor.

"Er hat wieder sehr gut gespielt. Der Gegner hatte kaum Chancen", lobte Lahm seinen Nebenmann, wenngleich er auch Abstriche machen musste: "Einzelne Situationen passieren einfach im Spiel. Das gehört zum Fußball." Guardiola dagegen sah keinen Grund für Diskussionen. Er beendete alle Kimmich-Anfragen mit einem einzigen, aber umso effektiveren Satz: "Seine Leistung war perfekt."

Wenn man Guardiolas Anspruch an seine Spieler, seine Idee auf dem Platz umzusetzen, kennt, dann kann man diese Bewertung aus Sicht des Trainers nachvollziehen. Kimmich hat Charakter gezeigt, mit großem Selbstbewusstsein gespielt, Klasse im Aufbau gezeigt und defensiv geschickt agiert. Aber in zwei Szenen knöpfte ihm die Champions League internationales Lehrgeld ab - auf höchstem Level. Gut für ihn: Eine bessere Schule gibt es nicht.

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