Bayern probt die Wachablösung

Dechiffriert und demontiert

Von Für SPOX in der Allianz Arena: Fatih Demireli
Mittwoch, 24.04.2013 | 15:49 Uhr
Lionel Messi (l.) und seine Katalanen sahen gegen furiose Bayern keine Land in der Allianz Arena
© getty
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Das 4:0 des FC Bayern München gegen den FC Barcelona geht in die Geschichte ein und hat eine weit größere Tragweite als nur den sehr wahrscheinlichen Einzug ins Londoner Champions-League-Finale. Der Kantersieg gleicht einer Wachablösung und er wurde mit einem ganz klaren Plan erreicht, dem selbst der Gegner größten Respekt zollt.

Sie waren gut organisiert, die Gäste aus Barcelona. Sie bewegten sich auf engstem Raum, waren stets Herr der Lage und als der Pfiff erfolgte, verließen sie still und leise ihren Platz. Die zahlreich anwesenden Reporter des FC Barcelona bewiesen eine überraschend angenehme Disziplin. Besonders im Vergleich zu dem, was sich bisweilen in den sogenannten Mixed Zones, den Interviewbereichen der Stadien, für Szenen abspielen.

Barcelonas Reporter praktizierten Tiki-Taka in Reinkultur. Sie stellten artig ihre Fragen, hielten dicht zusammen und als Barcelonas Pressechef im wahrsten Sinne des Wortes die Fragerunde kurz vor Mitternacht abpfiff, packten sie zusammen und gingen: gemeinsam, auf engstem Raum.

Eine disziplinierte Leistung, die man eigentlich vom Futbol Club Barcelona erwartet hatte. Aber wenn eine Gruppe von arbeitendem Personal in der mit 68.000 Zuschauern ausverkauften Allianz Arena eine Spur noch disziplinierter war, dann war es die Mannschaft des FC Bayern München.

Ein Spiel für die Geschichte

Das 4:0 (1:0) gegen die vermeintlich beste Fußballmannschaft der Welt geht in die Geschichte ein, so viel steht fest. "So einen Abend habe ich auch noch nicht erlebt und ich bin schon lange dabei", sagte Bayerns Vorstandsvorsitzender Karl-Heinz Rummenigge, im Profifußball seit 1974, hinterher.

Selbst Dauergrantler Franz Beckenbauer (seit 1964 dabei) kam aus dem Schwärmen nicht heraus: "Ein 4:0 hätte ich nicht in den kühnsten Träumen gegen Barcelona erwartet."

Die Frage darf erlaubt sein: Wer hatte das überhaupt erwartet?

Die Stimmen zur Bayern-Gala

Thomas Müller hatte Recht, als er hinterher sagte, dass es "kein Wunder" sei, dass der FC Bayern gegen Barcelona gewinnt, aber die Art und Weise, wie Barcelona besiegt wurde und wie die Katalanen zur Hilf- und Konzeptlosigkeit gezwungen wurden, war beeindruckend.

Bayern hat einen Plan

"Besonders gegen den FC Barcelona musst du ein Konzept und einen Plan haben", sagte Jupp Heynckes. Es war das vieldiskutierte Thema weit vor der Partie. Heynckes verwies auf die Vergangenheit, verwies auf seinen eigenen Fachverstand und die Scoutingabteilung, als es darum ging, ob er sich denn Tipps von Josep Guardiola einholen würde. Der Bayern-Trainer wurde an seinen Aussagen gemessen und bestand den Härtetest mit Bravour.

Der FC Bayern hatte einen genauen Plan, wie man gegen Barcelona bestehen könnte. So wie gegen Juventus, so wie in London gegen Arsenal und so wie in der gesamten Saison. Die Heynckes-Mannschaft hat eine Gabe entwickelt: Die Gabe, in den ersten Minuten einer Partie den Gegner zu analysieren, ihn zu durchleuchten und dann mit der richtigen Idee zum Erfolg zu kommen.

Bayern kommt Gegner auf die Schliche

"Der FC Bayern kann jede Phase eines Fußballspiels spielen", sagte Javi Martinez vor ein paar Tagen. So war es gegen Juventus, und so war es auch gegen Barcelona. Der Gegner machte jedes Mal zunächst den Anschein, das Heft in der Hand zu haben und das Geschehen zu kontrollieren, bis ihm der FC Bayern auf die Schliche kam und eiskalt zuschlug.

Barcelona hatte auch am Dienstagabend wie überhaupt seit mehr als 300 Spielen mehr Ballbesitz als der Gegner. Stolze 67 Prozent waren es gegen die Bayern. Die Überlegenheit in dieser Kategorie trug aber keine Früchte, weil die Bälle nicht erfolgsfördernd gespielt werden konnten.

Alle Stimmen zur Bayern-Gala

"Bayern hat gepresst und gepresst und offensichtlich sehr hart an seiner Taktik gefeilt. Wir hatten nicht viele Chancen, aber das lag an ihnen", sagte Barcelonas Dani Alves völlig richtig. Exemplarisch wie Franck Ribery, einst Defensivmuffel Nummer eins, sein Spiel 90 Minuten als verteidigender Linksaußen definierte. "Ich habe mich wie ein Linksverteidiger gefühlt", lächelte der Franzose.

Ob es ihm wirklich Spaß gemacht hat, sei dahingestellt, doch er erfüllte seine Aufgabe wie alle anderen Bayern-Profis zu 100 Prozent. "Wir waren läuferisch und kämpferisch 1A", sagte Heynckes. Als dann auch das Spielerische passte, entstand die größte Demontage des FC Barcelona der jüngeren Fußballgeschichte.

Die Wachablösung

"Wenn man auf einen stärkeren Rivalen trifft, kann man ihm nur gratulieren", sagte Barcelonas Alves ehrlich. Ob das Attribut "stärker" nur für den Dienstagabend, für die ganze Saison oder den grundsätzlichen Verhältnissen galt, ließ er unbeantwortet. Aber die Partie hatte durchaus etwas von einer Wachablösung an der Spitze Europas.

"In den letzten fünf Jahren hat Barcelona Europa dominiert, da darf man ruhig stolz sein", sagte Arjen Robben.

In der kommenden Woche haben die Münchener nun die Chance, zum dritten Mal binnen vier Jahren in ein Champions-League-Finale einzuziehen.

Doch auch in Barcelona bedarf es einer erneuten Glanzvorstellung, um nicht in die Bredouille zu kommen. "Man hat sie öfters gesehen, diese Magie von Camp Nou. Aber wir wollen der Welt zeigen, dass das nicht für uns zutrifft", sagte Müller. Für Philipp Lahm war München die "halbe Miete". Im Camp Nou müsse man "genauso spielen", vor allem "defensiv".

Die Gelb-Gefahr

Aber da ist noch eine Sache, die vor allem Lahm und fünf andere Kollegen nicht außer Acht lassen dürfen. Der Kapitän, Bastian Schweinsteiger, Javi Martinez, Dante, Luiz Gustavo und Mario Gomez gehen mit Gelben Karten vorbelastet in Rückspiel.

Nicht auszudenken, wenn einer oder mehrere aus diesem Kreis im Finale am 25. Mai im Wembley-Stadion zuschauen müssten. Wie bitter es sein kann, können David Alaba, Holger Badstuber und Luiz Gustavo bezeugen, die im Vorjahr beim Münchener Finale fehlten.

Zumindest kommt ihnen diesmal nicht Viktor Kassai in die Quere, damals und am Dienstag Schiedsrichter und Übeltäter. Als der Ungar die Allianz Arena mit seinen Gefolgsleuten verließ, waren die Barcelona-Reporter längst weg. Alle in einem Bus. Sehr organisiert eben.

FC Bayern München - FC Barcelona: Daten zum Spiel

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