Champions League

Van Gaal jubelt: "Ein großer Schritt"

Von Für SPOX in Turin: Florian Bogner
Mittwoch, 09.12.2009 | 08:47 Uhr
Jubel in Turin: Louis van Gaal stellte sich am Tag nach dem 4:1-Sieg der Bayern den Journalisten
© Imago
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Der FC Bayern ruft in der Champions League beim 4:1 (1:1) bei Juventus Turin eine unheimliche Leistung ab, die selbst die Bayern-Führung erschreckt. Louis van Gaal führte dabei Juve-Coach Ciro Ferrara am Nasenring durch das Stadio Olimpico und in der Mannschaft überragen plötzlich drei Spieler, die vor der Saison niemand so recht auf dem Zettel hatte. Louis van Gaal wähnt seine Mannen auf dem richtigen Weg.

Update Von Beginn an hat Bayern-Trainer Louis van Gaal gerne darauf hingewiesen, ein "Prozesstrainer" zu. Seine Arbeit, sollte das heißen, braucht Zeit. Einen Tag nach dem 4:1-Auswärtssieg des FC Bayern bei Juventus Turin fühlte sich der Niederländer bestätigt. "Ich denke, dass jedes Spiel ein Schritt in unserem Prozess ist, aber das Spiel gestern war ein großer Schritt", sagte van Gaal vor dem Rückflug nach München am Turiner Flughafen.

Und weiter: "Ich denke, dass wir schon oft auf diese Art und Weise gespielt haben. Aber wir haben sonst die Tore nicht geschossen. Wir haben gegen einen sehr guten Gegner sehr gut gespielt. Wir waren dominant und haben die Tore geschossen."

Die Dominanz hatte am Dienstagabend viele Gesichter. Selbst eine halbe Stunde nach dem Spiel hatte Ivica Olic offensichtlich immer noch nicht genug vom Rennen. Dabei war nicht mal ein Ball in der Nähe. Nur Kameras und Mikrophone. Man kennt das ja, nach dem Spiel wollen die Journalisten immer was wissen und man muss reden als Spieler. Manchmal ist das lästig, nach einem solchen Sieg bei Juve eher nicht.

Der Duracell-Hase des FC Bayern

Dumm nur, dass die rund 25 Meter lange Interview-Zone im Stadio Olimpico ins Freie gelegt worden war. Weil Olic nun einerseits jedem höflich Rede und Antwort stehen wollte, in seinem ballonseidenen Trainingsanzug aber andererseits ganz erbärmlich fror, legte er die Meter zwischen den einzelnen Journalistengruppen eben im Sprint zurück und rief damit den ein oder anderen Lacher hervor.

Und weil es gerade so lustig war, wurde Olic gefragt, ob er denn den Duracell-Hasen kenne. "Ja klar", griente der Kroate schräg von einem Ohr zum anderen, weil er verstand, dass der Vergleich auf ihn abzielte und so wunderbar passte an diesem Abend.

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Olic ist wie eine Welle

In der Tat war der 30-Jährige zuvor wie ein batteriebetriebener Plüschhase über den Rasen gerannt, hatte einen Elfmeter geschunden, ein eiskaltes Abstaubertor erzielt und die Juve-Abwehr um den Ex-Weltfußballer Fabio Cannavaro mit seinen brandungsähnlichen Anläufen fast im Alleingang ausgehöhlt. "Das war sicher mein bestes Spiel für eine Vereinsmannschaft", sagte Olic, als er dann doch mal kurz stehen blieb, in der Mixed-Zone: "Ich habe mich lange nicht mehr so gut gefühlt wie in diesem Spiel."

Gegen Haifa, vor vier Spielen, war der Kroate in die Startelf des FC Bayern zurückgekehrt. Seitdem hat der FCB jedes Spiel gewonnen. Auch ein Verdienst von Olic, den vor der Saison angesichts des offensiven Überangebots eigentlich niemand auf der Rechnung gehabt hatte. Jetzt ackert er als feste Größe auf dem Rasen herum, während Miroslav Klose nur noch die Bank wärmt und Luca Toni zuhause beleidigt Telefoninterviews mit italienischen Medien gibt.

Mit Jörg Butt und Bastian Schweinsteiger drückten zwei weitere Bayern dem denkwürdigen Spiel in Turin ihren Stempel auf, die vor der Saison eher kritisch beäugt wurden. Keeper Butt war zum Saisonstart nur Nummer zwei gewesen, Schweinsteiger hingegen hatte von Uli Hoeneß im Sommer den frostigen Ratschlag bekommen, endlich mehr aus seinem Talent zu machen und auch mal in wichtigen Spielen (Länderspiele gegen Portugal ausgenommen) zu brillieren.

Rummenigge adelt Schweinsteiger

Und dann kam dieses Spiel in Turin. Während Olic offensiv immer schon da zu sein schien, wo der Ball hinkam, war es Schweinsteiger in der Rückwärtsbewegung, der Löcher witterte, noch bevor sie sich auftaten und Zweikämpfe gewann, die schon aussichtslos schienen. Und weil ihm die Bewachung von Juves Spielmacher Diego nicht weiter schwer fiel, schaltete er sich zudem immer wieder rotzfrech in den Angriff mit ein, verteilte die Bälle wie ein Großer und gab die meisten Torschüsse der Münchener ab.

Geadelt wurde er dafür von ganz oben. "Schweini hat sein bestes Spiel gemacht, seitdem er bei Bayern München ist", sagte Karl-Heinz Rummenigge und schob eilig nach, dass das schon mindestens 18 Jahre sein müssten, Schweinsteiger also das beste Spiel seiner Karriere gemacht habe. In Wirklichkeit ist er seit elf Jahren Bayern-Spieler, aber das war auch nicht so wichtig.

Wichtiger war es, dass der Nationalspieler das Lob brav an andere weiter gab. "Jeder war für den anderen da, hat Fehler ausgebügelt. Das ist entscheidend. Man merkt, dass wir immer mehr zur Mannschaft werden", sagte Schweinsteiger. Eine bescheidene Aussage eines 25-Jährigen, der gerade auf der zentralen Mittelfeldposition sein Meisterstück gemacht hatte.

"Ich finde, manchmal sehen ihn die Menschen etwas zu kritisch", ergänzte Rummenigge. "Er hat in den letzten Wochen immer klasse gespielt, deswegen finde ich es gut, dass er jetzt auch mal gelobt wird", meinte der Vorstandsvorsitzende und schloss seinen Schweini-Fan-Vortrag so: "Er ist ein ganz wichtiger Spieler bei uns."

Van Gaal über Butt: "Habe viel Vertrauen in ihn"

Jörg Butts Job ist es indes normalerweise, Bälle zu halten. An diesem Abend kam er einfach nicht dazu. Der erste Torschuss der Turiner war gleich drin, der zweite Schuss, der noch auf sein Tor kam, war harmlos. Und dennoch war Bayerns Keeper einer der Hauptprotagonisten, weil er eben als Nebenbeschäftigung auch noch Elfmeter schießt, vornehmlich gegen Juve, alle drei Champions-League-Tore seiner Laufbahn gelangen ihm gegen die Turiner.

"Ich habe immer eine Reihenfolge: Butt ist eins, Robben zwei, Schweinsteiger drei. Wenn Butt in guter Verfassung ist, muss er den Elfmeter nehmen", erklärte van Gaal später die ungewöhnliche Maßnahme, den Keeper schießen zu lassen.

Als in der 30. Minute beim Stand von 0:1 für die Bayern ein Strafstoß verhängt wurde, konnte Butt also gar nicht anders, als einen 80 Meter Sprint hinzulegen und Gigi Buffon auf dem Hosenboden sitzend zu düpieren. "Die Art und Weise war unglaublich", lobte Louis van Gaal seinen eiskalten Schützen: "Ich habe viel Vertrauen in ihn. Wenn ich das nicht hätte, hätte er niemals den Foulelfmeter schießen dürfen."

Perfekte taktische Konter

Zu guter Letzt war der Bayern-Sieg aber auch eine taktische Meisterleistung des Trainers, der die Mannschaft perfekt auf das Spielsystem der Italiener eingestellt hatte und die Handlungen seines Gegenübers Ciro Ferrara immer richtig kontern konnte. Und das auch noch stilvoll.

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Während Ferrara das ganze Spiel über an der Seitenlinie herumturnte und mit fortlaufender Uhr immer mehr zum Häufchen Elend verkümmerte, saß van Gaal das gesamte Spiel über ruhig auf der Bank und schickte allenfalls mal Hermann Gerland für kleinere Korrekturen an die Seitenlinie. Seine Halbzeit-Ansprache beschrieb van Gaal später so: "Ich habe nichts gesagt. Nur: 'Super, super, weiter so.'"

Als ersten klugen Schachzug ließ er den Spielaufbau von Beginn an schneller als üblich von statten gehen, mit vertikalen Pässen gerieten die FCB-Spieler so immer wieder recht unbehelligt in die gefährliche Zone zentral vor dem Strafraum. Juves 4-3-1-2 war damit am Genick gepackt und wurde solange geschüttelt, bis Ferrara klein beigab.

Diego und Ferrara total entnervt

Als der Juve-Coach zur Pause dann auf 4-3-2-1 umstellte und Diego nach links beorderte, um ihn der Bewachung von Schweinsteiger zu entziehen, trug Gerland an der Seitenlinie Philipp Lahm auf, sich doch noch mehr in der Offensive zu engagieren. Prompt liefen die nächsten Bayern-Angriffe alle über rechts und Diego wurde in defensive Zweikämpfe gezwungen, die ihm überhaupt nicht schmeckten.

Vollends entnervt nahm Ferrara den Brasilianer schließlich für Amauri raus und stellte wieder auf sein Ursprungssystem um, was auch nichts mehr half. "Wir waren immer präsent, haben den Ball unter Druck gehalten und die Räume eng gemacht", resümierte ein gelöster van Gaal später auf der Pressekonferenz.

"Wir haben über 90 Minuten die Ordnung gehalten, das haben wir nicht immer geleistet. Das war sehr gut heute. Unser Spiel bei Ballbesitz ist immer besser geworden. Man kann natürlich sagen, dass Juventus schwach war. Aber man kann auch sagen, dass der FC Bayern heute so stark war."

Rummenigge spricht von "magischer Nacht"

Das sah auch Rummenigge so. "Im Italienischen gibt es den schönen Ausdruck 'notte magica', die magische Nacht. Was die Mannschaft heute hier abgeliefert hat, war fantastisch", frohlockte der Vorstandsvorsitzende und fügte hinzu: "Das haben wir sicherlich alle nicht in dieser Art und Weise erwartet."

"Als wir in München abgeflogen sind, hieß es, dass wir ein Wunder brauchen. Aber das, was wir nun erlebt haben, war nicht unbedingt ein Wunder, sondern eine fantastische Leistung der Mannschaft", so Rummenigge.

In der "Stunde des großen Erfolges" wollte er die Mannschaft aber trotzdem daran erinnern, dass bis Weihnachten noch zwei sehr wichtige Bundesliga-Spiele vor der Tür stehen. Rummenigge: "Und wir brauchen noch den ein oder anderen Punkt, damit die anderen da oben wissen, dass wir jetzt wirklich mit Volldampf kommen."

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