WAHNSINN! Iniesta trifft in der Nachspielzeit

Von Thomas Gaber
Mittwoch, 06.05.2009 | 22:49 Uhr
Andres Iniesta (r. mit Samuel Eto'o) schoss Barcelona in letzter Sekunde ins Finale
© Getty
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Der FC Barcelona steht durch ein Tor von Andres Iniesta in der dritten Minute der Nachspielzeit zum 1:1 (0:1) beim FC Chelsea im Champions-League-Finale und trifft am 27. Mai in Rom auf Manchester United. Michael Essien hatte Chelsea in der 9. Minute in Führung geschossen.

Chelsea war in der ausverkauften Stadion an der Londoner Stamford Bridge die klar bessere Mannschaft, vergab aber reihenweise gute Torchancen und wurde von Schiedsrichter Tom Henning Övrebö nicht gerade begünstigt. Der Norweger verweigerte den Blues mehrere klare Strafstöße.

"Dieser Mann ist eine verdammte Schande", schrie Chelsea-Stürmer Didier Drogba vor laufenden Fernsehkameras.

Guardiola: Iniestas Talent und Glück

Barcelona konnte nicht annähernd die Leistung des 6:2-Sieges bei Real Madrid am vergangenen Samstag wiederholen, steht aber im Finale. Dort werden Dani Alves wegen der dritten Gelben Karte und Eric Abidal (Rote Karte) fehlen.

"Am Ende haben uns Iniestas Talent und ein bisschen Glück ins Finale gebracht", sagte Barca-Coach Pep Guardiola.

Der SPOX-Spielfilm:

Vor dem Anpfiff: Chelsea-Coach Hiddink setzt auf ein 4-3-3 mit Anelka (rechts) und Malouda (links) auf den Flügeln und Drogba im Sturmzentrum. Bosingwa kehrt auf die rechte Verteidigerposition zurück, links spielt Ashley Cole.

Barcelona muss aufgrund von Sperren und Verletzten umstellen. Für Kapitän Puyol (Gelbsperre) spielt Yaya Toure in der Innenverteidigung. Busquets und Keita komplettieren das Mittelfeld mit Xavi. Iniesta rückt für den verletzten Henry nach links in den Angriff.

9., 1:0, Essien: Den hält kein Keeper dieser Welt! Essien hämmert eine Bogenlampe aus 22,5 Metern mit vollem Risiko volley unter den Querbalken. Der Ball geht irre ab. Valdes ist absolut ohne Chance. Ein unglaubliches Tor!

18.: Malouda marschiert die linke Bahn runter, spielt zurück auf Lampard. Und der haut den Ball aus 14 Metern direkt drauf. Ab in den Oberrang.

24.: Glück für Barca! Elfmeterverdächtiges Foul von Alves an Malouda. Der Schiedsrichter entscheidet auf außerhalb. Aber das Geschiebe der beiden war klar im Strafraum!

25.: Drogba bolzt einen Freistoß aus einem unmöglich spitzen Winkel von links aufs Tor. Valdes sieht den Ball spät, kriegt aber irgendwie das linke Knie an die Pille. Klasse Tat.

26.: Die nächste strittige Szene. Jetzt wird Drogba von Abidal im Strafraum erst gehalten und dann getreten. Övrebö zeigt wieder nicht auf den Punkt. Und erneut hätte man Strafstoß geben müssen...

53.: Zwei Riesen-Chancen für Chelsea! Anelka setzt Drogba glänzend in Szene. Der Ivorer lässt Pique sieben Meter vor dem Tor ins Leere grätschen. Drogba schießt - Valdes klärt per Fuß. Nachschuss Malouda - Außenetz!

66.: Langer Ball auf Anelka. Dann ein Zupfer von Abidal. Anelka entscheidet sich 18 Meter vor dem Tor fürs Fallen. Und dann zückt Tom Övrebö auch schon die Rote Karte!

90.+3., 1:1, Iniesta: UNFASSBAR! Iniesta haut den Ball aus 18 Metern in den rechten Torwinkel! Der erste Schuss aufs Tor überhaupt sitzt!

90.+5.: Wieder kein Elfmeter für Chelsea! Ballack drischt Eto'o den Ball an den Oberarm! Ballack flippt total aus. Er bestürmt Övrebö und holt die Gelbe Karte ab.

So lief das Spiel: Barcelona in den ersten Minuten viel am Ball, Chelsea mit Repektsabstand. Schnell wird klar: Chelsea spielt nur auf dem Papier 4-3-3. Bei Ballbesitz Barca sortierten sich Malouda und Anelka ins Mittelfeld ein, Drogba blieb einzige Spitze. Neun Minuten lang beschnupperten sich beide Teams, dann schoss Essien ein Zidane-Leverkusen-Finale-2002-Gedächtnistor. Der erwartete Sturmlauf der Gäste blieb daraufhin aus. Chelsea spielte deutlich zielstrebiger, mit kurzen schnellen Pässen wurde das Mittelfeld überbrückt. Barca-Keeper Valdes und Schiedsrichter Övrebö, der Chelsea zwei Elfmeter verweigerte, verhinderten einen höheren Rückstand. Bis zur Pause hatte Barcelona nicht eine einzige Torchance.

Nach dem Wechsel das gleiche Bild. Barca rannte kopflos an, Chelsea erstickte jede Gefahr im Keim. Barcelona kam nie dazu, sich in der Chelsea-Hälfte festzubeißen. Daran änderte sich bis zum Schlusspfiff nichts. Mit einer Ausnahme: Iniestas Schuss in der Nachspielzeit...

Der Star des Spiels: Frank Lampard. Chelseas Mittelfeldspieler lief zwölf Kilometer, eroberte viele verlorene Bälle zurück, gewann die Vielzahl seiner Zweikämpfe scheinbar mühelos und bildete zusammen mit Ballack und Essien ein nahezu perfekt aufeinander abgestimmtes Dreieck.

Die Gurke des Spiels: Dani Alves. Barcas Rechtsverteidiger hatte in der Defensive nicht viel zu tun, wenn er aber in den Zweikampf gegen Malouda gehen musste, verlor er ihn. Foulte den Franzosen elfmeterreif, holte sich auf Höhe der Mittellinie eine unnötige Gelbe Karte ab, wodurch er das Finale verpassen wird, turnte bisweilen in der Mittelfeldzentrale rum und schlug schlechte Flanken.

Die Lehren des Spiels: Manche mögen die Spielweise des FC Chelsea verteufeln, doch die Blues machten wie schon im Hinspiel sehr viel richtig. Mit unbändiger Physis, enormer Laufarbeit, perfektem Verschieben, Zweikampfstärke und Disziplin bis zum Erbrechen machte Chelsea dem FC Barcelona den Garaus.

Bei Ballbesitz Barca waren fast alle Spieler stets hinter dem Ball, bei eigenem Ballbesitz ging's blitzschnell und schnörkellos nach vorne. Das Mittelfelddreieck Ballack/Lampard/Essien harmonierte brillant. Griff Lampard früher an, wurde er von Ballack abgesichert und umgekehrt. Essien machte den gesamten Korridor 30, 40 Meter vor dem eigenen Tor dicht.

Wenn der Gegner das derzeit spielstärkste Team der Welt hat, zu zwei Dritteln des Spiels den Ball hat, sich dabei aber keine einzige Torchance herausspielt, dann muss man viel richtig gemacht haben. Einziger Vorwurf: Chelsea hätte das Spiel früher entscheiden müssen - und wurde in der Nachspielzeit bitter dafür bestraft.

Bei Barcelona lief wie im Hinspiel in der Offensive nicht viel zusammen. Guardiolas Maßnahme, Eto'o zu Beginn des Spiels auf den linken Flügel zu setzen, ging nach hinten los. Das Sturmzentrum war verwaist, Messi und Iniesta konnten sich nicht einigen, wer das Vakuum füllen sollte. Nach einer halben Stunde beorderte Guardiola Eto'o in die Mitte.

Barca versuchte, das Spiel in die Breite zu ziehen - ohne jeglichen Raumgewinn. Weder Xavi, noch Iniesta, noch Messi konnten die Partie an sich reißen. Barcas Spiel ist so reich an Genialitäten, in London gab es davon praktisch nichts zu sehen. Kein Pass in die Tiefe, keine Tempoverschärfung, kein vernünftiger Torabschluss.

Barca konnte die Ausfälle Puyol, Marquez und Henry nicht kompensieren. Warum die Katalanen dennoch im Finale stehen, lag am starken Keeper Valdes, Schiedsrichter Övrebö und dieser einen genialen Aktion von Iniesta.

FC Chelsea - FC Barcelona: Daten & Fakten

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