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Joel Matip vor dem Champions-League-Finale: Der unterschätzte Anti-Star des FC Liverpool

Von Robin Haack

Er wird öffentlich kaum wertgeschätzt, ist aber beim FC Liverpool längst feste Größe. Der Ex-Schalker Joel Matip steht mit dem Champions-League-Finale gegen Tottenham Hotspur (21 Uhr live auf DAZN und im LIVETICKER) vor seinem Karriere-Highlight.

"This is Anfield" steht am Morgen des 8. Mai 2019 auf den Titelseiten vieler Zeitungen, nachdem sich im Fußballtempel des FC Liverpool ein kleines Wunder zugetragen hat. Getragen von der phänomenalen Atmosphäre hatte es das Team von der Mersey trotz einer 0:3-Bürde aus dem Hinspiel geschafft, den scheinbar übermächtigen FC Barcelona mit 4:0 zu besiegen und damit aus der Champions League zu werfen.

Neben dem polarisierenden Trainer Jürgen Klopp waren es vor allem die beiden Doppeltorschützen Georginio Wijnaldum und Divock Origi, die nach dieser denkwürdigen Nacht in Anfield im Fokus der Öffentlichkeit standen. Der Mann, der einen großen Anteil daran hatte, dass Lionel Messi komplett blass geblieben war, ging dagegen im Siegestrubel beinahe unter. Es war Joel Matip.

Der Erste, der erkannte, dass neben den Offensivstars auch dem schlacksigen Innenverteidiger aus Bochum Ehre gebührt, war Klopp. "Wir sind hier ja bei einer deutschen Plattform, daher muss ich das einfach betonen: Was hat denn Joel Matip bitte heute gespielt?", sagte er kurz nach Schlusspfiff am DAZN-Mikrofon, noch bevor er überhaupt die erste Frage gestellt bekam. "In Barcelona schon und jetzt nochmal hier in Liverpool, das ist ja verrückt. Das hat richtig Spaß gemacht."

"Joel Matip gehört zu den besten Verteidigern der Welt"

Während im Zusammenhang mit der bärenstarken Defensive der Reds zumeist über Virgil van Dijk oder die beiden Außenverteidiger berichtet wird, ist von Matip selten die Rede. Van Dijk, der für eine Rekordsumme von 84 Millionen Euro an die Merseyside gewechselt war, ist der Anführer in der Abwehrkette und wurde jüngst zum Spieler des Jahres der Premier League gewählt. Doch auch Matip hat seinen Anteil an der stabilen Hintermannschaft der Klopp-Elf.

"Alle reden über Virgil van Dijk. Das Geld, das für ihn bezahlt wurde, ist in der Außendarstellung ein riesiger Faktor", sagt Roman Neustädter im Gespräch mit SPOX und Goal. "Aber van Dijk spielt nicht allein in der Abwehr. Das vergessen die Leute gerne. Nach dieser Saison kann man ohne Zweifel behaupten, dass auch Joel Matip zu den besten Verteidigern der Welt gehört."

Aus gemeinsamen Zeiten bei Schalke 04 weiß Neustädter nur zu gut, dass Matip in seiner Laufbahn schon früher unter dem Radar flog. Während der Deutsch-Kameruner auf konstant hohem Niveau spielte, standen in der Regel andere im Fokus. Waren es damals Spieler wie Benedikt Höwedes oder Klaas-Jan Huntelaar, sind es heute die van Dijks, Firminos, Salahs oder Manes.

Joel Matip: Ruhig, introvertiert und bodenständig

Die Ursache dieser Unscheinbarkeit liegt wohl auch in der Persönlichkeit des 27-Jährigen. "Er war schon immer introvertiert. Leute, die ihn nicht kennen, würden sagen, er sei schüchtern", beschreibt ihn sein älterer Bruder Marvin im Gespräch mit SPOX und Goal. "Man darf ihn aber nicht unterschätzen, nur weil er kein Lautsprecher ist. Joel ist kein Spieler, der wild gestikuliert oder die Fans mitnimmt. Von außen wird sein Wert für die Mannschaft deshalb massiv unterschätzt."

Auch Matips langjähriger Mitspieler Neustädter charakterisiert Matip als ruhigen und introvertierten Typen. "Er ist enorm bodenständig und immer noch der gleiche Junge wie zu seiner Anfangszeit auf Schalke. Joel war nie jemand, der mit einem dicken Auto um die Ecke kam oder mit materiellen Dingen geprahlt hat."

Matip sei "komplett auf dem Boden geblieben", sagt Bruder Marvin: "Da habe ich im Fußballzirkus ganz andere Typen kennengelernt. Joel ist grundsolide und das ist in dieser Position nicht selbstverständlich. Wenn er auf der Straße erkannt wird, ist es ihm fast schon peinlich. Er fühlt sich als Star nicht wohl und sieht sich selbst auch nicht so."

Liverpools Anti-Star im Schatten von Virgil van Dijk

Dass Matip als Stammkraft bei einem der größten Klubs der Welt tatsächlich längst ein Star ist, lässt sich nicht leugnen. Mit Blick auf seine öffentlichen Auftritte wirkt er jedoch eher wie ein Anti-Star. "Das Blitzlicht zieht ihn nicht gerade an", sagt Marvin.

Auch aus diesem Grund findet man Matip weder bei Instagram noch bei Facebook oder Twitter. "Soziale Medien sind nicht sein Ding. Er ist lieber in der realen Welt unterwegs", so sein Bruder. "Er braucht das nicht", betont auch Neustädter. "Statt stundenlang auf Instagram rumzuhängen und seine Zeit zu verschwenden, liest Joel lieber ein Buch oder schaut Serien oder Filme."

Von Bochum über den FC Schalke bis nach Liverpool

Dass Matip kein extrovertierter Lautsprecher werden würde, war schon in seiner Kindheit abzusehen.Er wurde als jüngstes von drei Geschwistern in Bochum geboren. Schon mit vier Jahren meldeten ihn seine Eltern beim SC Weitmar an, wo sein Talent schnell erkannt wurde.

Matip war erst sieben Jahre alt, als er zum VfL Bochum wechselte. Mit zehn zog er zu Schalke weiter. Matips Tage waren lang. Nach der Schule ging es zum Training, oft kam er erst abends wieder nach Hause.

"Als er dann später noch sein Abitur durchgezogen hat, blieb praktisch keine Zeit für andere Dinge", erinnert sich der große Bruder.

Bruder Marvin Matip als Vorbild und Bürde zugleich

Marvin Matip diente Joel von Kindertagen an als Vorbild. Zehn Jahre spielte er im Nachwuchs des VfL Bochum, ehe er als 19-Jähriger unter Peter Neururer im Jahr 2004 in der Bundesliga debütierte. Es folgten der Wechsel zum 1. FC Köln und bis heute 383 Einsätze im deutschen Profifußball.

Joel wollte eine ähnliche Karriere einschlagen wie sein großer Bruder - und irgendwie wurde das auch von ihm erwartet, was es dem zurückhaltenden Joel nicht gerade einfach machte.

"Ich habe zwar keine riesigen Fußstapfen hinterlassen, aber gerade in der U17 und U19 war es für Joel nicht einfach, immer mit dem erfolgreicheren Bruder verglichen zu werden", erinnert sich Marvin. Während Joel in der Jugend lange als Überflieger wahrgenommen wurde und stets einer der besten in seiner Mannschaft war, gab es in der U17 erstmals Probleme.

Matip stand auf Schalke vor dem Aus - Elgert rettete Karriere

Zwischenzeitlich stand sogar auf der Kippe, ob der großgewachsene Verteidiger überhaupt den Sprung aus der U17 in die U19 schaffen würde. Nach einem Wachstumsschub hatte Joel mit Koordinationsproblemen zu kämpfen. Wie U19-Trainer-Ikone Norbert Elgert in seinem Buch "Gib alles - nur nie auf" verriet, übernahm er Matip "nur mit Ach und Krach" in den Kader der A-Jugend.

"Wenn Elgert nicht gewesen wäre, hätte er Schalke vielleicht schon früh verlassen. Er hatte in der U17 lange Zeit keine Freude, verspürte Druck und die Lust am Fußball ging ein Stück weit verloren", sagt Marvin. "Ein Abschied von Schalke war damals nicht ausgeschlossen."

Erst mit Elgert kam der Spaß zurück. "Ich glaube, dass Norbert Elgert ein sehr großer Faktor für Joel war. Ohne ihn hätte er den Weg vielleicht nicht gehen können." Und dieser Weg nahm mit der Versetzung in die A-Jugend rasant Fahrt auf.

Mittelstürmer, Innenverteidiger, Traum-Debüt in der Bundesliga

Im Elgert-Team pendelte Joel aufgrund seiner starken Technik und seiner Kopfballstärke in der U19 noch zwischen Innenverteidigung und Sturm. Als er noch zum jüngeren A-Jugend-Jahrgang gehörte, trainierte er erstmals mit den Profis. Im November 2009 feierte er schließlich sein Debüt in Deutschlands Eliteklasse.

Ausgerechnet gegen den großen FC Bayern stand Joel unter dem damaligen Trainer Felix Magath gleich in der Anfangsformation, besorgte nach 43 Spielminuten und einem Freistoß von Lukas Schmitz sogar per Kopf den 1:1-Endstand in der Allianz Arena.

Von diesem Tag an war der damals 19-Jährige auf Schalke gesetzt. Egal, ob unter Magath, Ralf Rangnick, Huub Stevens, Jens Keller, Roberto Di Matteo oder Andre Breitenreiter.

Während Joel seine Trainer Woche für Woche auf dem Platz überzeugte, war das Publikum auf Schalke lange skeptisch. Obwohl er als Junge aus dem Pott, der alle Jugendmannschaften des Klubs durchlaufen hatte, eigentlich ein königsblaues Aushängeschild sein sollte, bevorzugten die Fans andere Spieler. Als es auf Schalke kriselte, wurde Matip gar als Sündenbock deklariert und von den eigenen Fans ausgepfiffen.

Joel Matip beim FC Schalke 04 lange Reizfigur

"Ich habe es immer geliebt, mit Joel zusammenzuspielen und kann mir nicht erklären, warum er immer so kritisch gesehen wurde", erklärt Neustädter, der damals zusammen mit Matip in der Innenverteidigung spielte. "Ich glaube, das ist einfach Schalke. So ist dieser Verein."

"Am Anfang war es sehr schwer für ihn. Speziell, da die Kritik in meinen Augen nicht gerechtfertigt war", sagt Marvin. "Es hat ihn verletzt, auf Schalke ausgepfiffen zu werden. Trotzdem hat er es geschafft, sich nicht verunsichern zu lassen und seinen Stiefel herunterzuspielen."

"Auch aufgrund seiner Statur und seinen langen Beinen, wirkt er manchmal ein bisschen hölzern, aber das ist er nicht. Er weiß genau, was er tut und ist dabei noch ziemlich schnell", erklärt sein Ex-Teamkollege Christian Fuchs SPOX und Goal. "Er hat sich in den letzten Jahren enorm weiterentwickelt."

Neustädter: "Matip der am meisten unterschätzte Spieler"

Während Matip neben dem Platz schüchtern daherkommt, zeichnet der Mut sein Spiel auf dem Rasen aus. Gerade im Aufbau hat sich der Innenverteidiger schon auf Schalke viel zugetraut. Wertgeschätzt wurde das selten. "Auf Schalke ging er komplett unter. Gerade, als er neben Höwedes gespielt hat", meint Marvin.

Die Wahrnehmung änderte sich erst in der Saison 2015/16, seiner letzten Spielzeit in Königsblau, als Matip auch in der Offensive mehr in Erscheinung trat und in 41 Pflichtspielen auf neun Torbeteiligungen kam. "Erst als dann klar war, dass er seinen auslaufenden Vertrag nicht verlängern wird, haben die Fans gemerkt, dass der Verein da einen richtig guten Jungen ziehen lässt", glaubt Neustädter.

"Er hat es nicht durch einen Sechser im Lotto zum FC Liverpool geschafft. Er hat es sich verdient. Heute sieht man, dass der Klub mit ihm die richtige Wahl getroffen hat", führt Neustädter aus. "Joel ist der am meisten unterschätzte Spieler, den ich kenne. Gerade in dieser Saison hat er unter Beweis gestellt, wie gut er wirklich ist."

Champions-League-Finale als Karriere-Highlight

Auch in Liverpool ist Matip weit mehr als nur der Nebenmann von Abwehrchef van Dijk. "Die langen Bälle von van Dijk sind weltweit einzigartig, aber wenn es um einen flachen Aufbau geht, ist Matip der Mann, der das Spiel macht", so Marvin. Liverpool könne froh sein, "einen solchen Spieler zu haben", schwärmt auch Fuchs von den Qualitäten seines Ex-Kollegen.

Wie ein Lottogewinn würde es sich für Joel Matip wohl anfühlen, wenn er das größte Spiel seiner bisherigen Karriere am kommenden Samstag mit dem Champions-League-Titel krönen könnte. "Er ist mittlerweile nicht mehr mein kleiner, süßer Bruder, sondern ein Star", sagt Marvin Matip. Mit einem Finalsieg gegen Tottenham Hotspur würde dieser Status auch für die Öffentlichkeit weiter untermauert und sein Name würde in die Geschichtsbücher des FC Liverpool eingehen.

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