Fussball

Georginio Wijnaldum vom FC Liverpool: "Fertig mit Fußball" und mit dem Schicksal im Bunde

Von Jonas Rütten
Führte den FC Liverpool nach seiner Einwechslung zur Pause im Halbfinal-Rückspiel gegen Barcelona zu einem der größten Comebacks der Champions-League-Geschichte: Georgino Wijnaldum.

Vor drei Jahren hatte Georginio Wijnaldum die Schnauze gestrichen voll und boykottierte 39 Tage lang den Fußball. Dann wechselte "Gini" zu Liverpool und ist dort mittlerweile ein Schlüsselspieler für Jürgen Klopp. Ein stiller Held auf dem Liverpooler Weg ins Champions-League-Finale gegen Tottenham (Sa., 21 Uhr live auf DAZN und im LIVETICKER), der seine Arbeit oftmals im Verborgenen verrichtet und gerade deshalb Publikumsliebling ist. Dass es so gekommen ist, hat auch etwas mit Schicksal zu tun.

An einem Sommertag im Jahr 2010 platzte die Freude nur so aus Leroy Fer heraus. Er umarmte Georginio Wijnaldum, klatschte mit ihm ab und war in seiner Euphorie kaum zu bremsen. Er konnte es einfach nicht glauben, dass sein Teamkollege Wijnaldum, sein Kumpel "Gini" aus dem Rotterdamer Problembezirk Schiemond, den er seit dem 14. Lebensjahr kannte, es tatsächlich zum großen FC Liverpool geschafft hatte.

"Es ist alles geregelt", hatte Wijnaldum gesagt, als Fer ihn auf die kursierende Sensationsmeldung angesprochen hatte. Eine Zeitung hatte tags zuvor berichtet, dass Liverpool elf Millionen Euro an Fers und Wijnaldums Arbeitgeber Feyenoord überwiesen und der damals 19-Jährige schon den Medizincheck bestanden habe.

"Er war so begeistert und konnte nicht mehr aufhören, davon zu reden und mich zu beglückwünschen. Also musste ich ihm sagen, dass es nur ein Scherz war", erinnerte sich Wijnaldum Jahre später im exklusiven Gespräch mit Goal an jene Ereignisse im Sommer 2010, als er kurzzeitig zum ersten Mal bei Liverpool war.

Wijnaldum: Erst "fertig mit Fußball", dann CL-Held

Mit sechs Jahren Verspätung hatte Fer dann aber doch noch Grund zur Freude. Über die Stationen PSV Eindhoven und Newcastle United wurde Wijnaldum im Sommer 2016 tatsächlich ein Roter. Und das nach einer Saison, nach der er die Schnauze vom Fußball erst einmal gestrichen voll hatte.

"Ich war fertig mit dem Fußball, weil alles so schief gelaufen war", gestand Wijnaldum im Interview mit dem Guardian einige Monate nach seiner Ankunft an der Anfield Road. Von der EM 2016 in Frankreich habe er nur ein einziges Spiel gesehen. Das Finale zwischen Frankreich und Portugal.

Seinen 39-tägigen Fußballboykott beendete er nur, weil sein guter Freund Moussa Sissoko mitwirkte. Der Abstieg mit Newcastle und die verpasste EM-Qualifikation mit der niederländischen Elftal waren Tiefschläge einer Karriere, die bei Sparta und Feyenoord Rotterdam begonnen hatte und am Samstag im Finale der Champions League gegen Tottenham Hotspur ihren vorläufigen Höhepunkt erlebt.

Dass Liverpool überhaupt dort steht, haben die Reds gerade Wijnaldum zu verdanken. Der kam bei einem der größten Comebacks in der Geschichte der Königsklasse erst nach der Pause aufs Feld und traf den FC Barcelona mit einem Doppelschlag binnen zwei Minuten ins Herz. Von "Ginis" doppeltem Haken ans katalanische Kinn erholte sich Barca nicht mehr.

Dass ausgerechnet er zwei Tore zum Finaleinzug beitrug, war ebenso eine Sensation, wie das 4:0 der Reds in dieser magischen Nacht. War das Toreschießen bei Newcastle und Eindhoven noch das, was ihn als Spieler am ehesten ausgezeichnet hatte, so waren seine Offensiv-Statistiken seit seinem Wechsel alles andere als berauschend.

Sauer sei er gewesen, gab Wijnaldum nach dem Rückspiel gegen Barca zu. Sauer auf seinen Trainer. Denn Jürgen Klopp, der stets in höchsten Tönen von ihm spricht, hatte ihn gegen Barca zunächst auf der Bank gelassen. Eine absolute Rarität im Saisonverlauf, zumindest in den ganz wichtigen Spielen. Stand Wijnaldum im Kader, so spielte er in fast 95 Prozent der Fälle von Beginn an.

Wijnaldum bei Liverpool: Oft besungen und trotzdem "unsung"

Warum das so sei, wurde Klopp mehr als nur einmal gefragt. Schließlich gab es da noch für das Dreier-Mittelfeld die millionenschweren Neuzugänge Fabinho und Naby Keita. Oder Jordan Henderson und James Milner. Als Klopp sich dann auch noch Fragen gefallen lassen musste, ob und warum Wijnaldums Rolle übersehen werde und der Niederländer "unter dem Radar" laufe, musste er lachen. "Für euch tut er das! Aber er ist herausragend", betonte Klopp.

Warum? Zum einen, weil der Aufschwung Liverpools in den vergangenen beiden Jahren besonders mit den Namen Mohamed Salah, Roberto Firmino und Sadio Mane in Verbindung gebracht wird. Oder man spricht über Abwehrchef Virgil van Dijk, für viele der aktuell beste Innenverteidiger der Welt.

Alle vier werden in Regelmäßigkeit ekstatisch besungen. In diesem ganzen Trubel scheint Wijnaldum für neutrale Beobachter unterzugehen. Doch an der Anfield Road haben sie ein Gespür für das Kollektiv und jene Qualitäten, die Wijnaldum als eine Art Klebstoff zwischen Offensive und Defensive mitbringt.

Wijnaldums Entwicklung: (K)ein zweiter Frank Lampard

Dass er für viele der "Unbesungene" ist, stört Wijnaldum aber nicht. "Ich habe gehört, dass Leute mich so nennen, aber das ist kein Problem für mich", sagte er dem Guardian: "Ich weiß, wie meine Teamkollegen und der Trainer über mich denken und sie schätzen mich sehr. Sie sehen mich nicht so, wie die anderen. Die, die außerhalb des Klubs sind."

Die sahen in ihm 2016 bei seinem Wechsel nicht wie Klopp den vielseitigen, technisch versierten, ballschleppenden "Box-to-Box"-Spieler auf der Sechser- oder Achterposition, sondern einen offensiven Torgaranten. Einen Mittelfeldspieler, der jede Saison zweistellig trifft.

"Sie dachten, ich wäre nur dieser offensive Freigeist. Ein Dribbler, ein Torschütze, der nicht die Disziplin hat, um zu verteidigen oder ein Gefühl für Bewegungen meiner Mitspieler zu haben", sagte Wijnaldum.

Anlass dazu hatte Wijnaldum selbst gegeben, oder vielmehr seine Trainer. In der Abstiegssaison mit den Magpies schoss er elf Tore, 2014/15 waren es bei der PSV Eindhoven sogar 18. Als Kapitän und Spieler des Jahres in der Eredivisie führte er die PSV zum ersten Meistertitel nach sieben Jahren. Gespielt hatte er dort jedoch fast ausschließlich als Zehner oder auf den Flügeln. Positionen, in die er hineingedrängt wurde. Unter anderem von Gertjan Verbeek, der Wijnaldum aus dem zentralen Mittelfeld abberief und auf Rechtsaußen stellte.

Wijnaldum als Torgarant bei PSV, Newcastle und Feyenoord

VereinSpieleToreTorvorlagen
FC Liverpool1381316
Newcastle United40115
PSV Eindhoven1545624
Feyenoord Rotterdam1352511

Wijnaldums Kindheit in Schiemond: "Dort musst du hart sein"

"Das war in meinem dritten Jahr bei Feyenoord", erinnert sich Wijnaldum: "Ich machte mich dort gut, deshalb wollten sie, dass ich weiter dort spiele. Aber tief in mir drin wusste ich immer, dass ich im Mittelfeld besser aufgehoben bin." Weil er damals aber noch so jung gewesen sei, war es ihm letztlich egal, wo er spielte. Hauptsache er stand auf dem Platz.

"Als ich älter wurde, führte ich viele Gespräche mit meinem Berater, mit Trainern und Präsidenten, um ihnen klar zu machen, dass ich ein Mittelfeldspieler bin - besonders bei Feyenoord", erklärte Wijnaldum seine damalige Situation.

Sich durchzusetzen, seine Meinung kundzutun, Dinge anzusprechen, das musste Wijnaldum auf die harte Art und Weise lernen: auf den Fußballplätzen in Rotterdam-Schiemond, einem damaligen Problembezirk der Hafenstadt. "Dort musst du hart und mutig sein. Wenn du auf den Straßen spielst, musst du für deine Chance kämpfen und deine Meinung vertreten. Tust du es nicht, sehen dich die anderen als Witz an", sagt Wijnaldum.

Aufgezogen wurde er von seiner Großmutter, nachdem seine Mutter nach Amsterdam gezogen war. Francina begleitete ihren Gini immer zu Fuß zum Training, weil in Rotterdam so früh noch keine Bahnen fuhren. 45 Minuten habe das jedes Mal gedauert. Doch das war Francina ebenso egal wie die Hoffnung auf eine Karriere als Profifußballer.

"Sie wollte mich einfach nur von der Straße fernhalten", erzählte Wijnaldum der Daily Mail, als er über ein Treffen mit seiner Großmutter in Paramaribo sprach. In der Hauptstadt der Republik Suriname lebt Francina nun und dort liegen auch Wijnaldums Wurzeln, zu denen er ab und an zurückkehrt und alte Freunde trifft.

Wijnaldums Profidebüt und der frühe Wink des Schicksals

Der Plan, Wijnaldum von der Straße fernzuhalten, trug Früchte. Doch anstelle einer erträumten Turnerkarriere, die er selbst im jungen Alter noch hatte einschlagen wollen, trat der Fußball. Gemeinsam mit seinem Bruder Giliano spielte Wijnaldum erst bei Sparta Rotterdam und wechselte mit 14 Jahren zum Stadtrivalen Feyenoord.

Bei einer 0:4-Pleite im April 2007 gegen Groningen stand "Gini" zum ersten Mal als Profi auf dem Rasen. Mit 16 Jahren und 148 Tagen ist er bis heute der jüngste Debütant in der Geschichte von Feyenoord. Zu verdanken hatte er das dem damaligen Trainer Erwin Koeman.

"Nicht jeder Trainer hat die Eier dazu, einen 16-jährigen Jungen spielen zu lassen, wenn es sowieso nicht so gut für das Team läuft", erinnert sich Wijnaldum. Koeman aber hatte den Mut dazu und Wijnaldums Karriere nahm Fahrt auf.

Seine konstant guten Leistungen bei Feyenoord weckten Begehrlichkeiten und spülten Wijnaldum erst nach Eindhoven und dann in die Nationalmannschaft. Dort begegnete er dem damaligen Liverpool-Profi Dirk Kuyt, der ihm immer wieder einen Wechsel zu den Reds ans Herz legte.

"Er hat mir oft davon erzählt, dass sie dort über mich reden, also wusste ich, dass Scouts mich beobachten", sagt Wijnaldum: "Er sagte, dass der Klub und ich gut zusammenpassen würden."

Einer, der ihn schon damals zu Feyenoord- und PSV-Zeiten intensiv beobachtete, war Reds-Legende Sir Kenny Dalglish. "Er konnte Tore beschreiben, die ich für Feyenoord geschossen hatte, oder wie ich in bestimmten Spielen gespielt hatte. Er wusste noch so viel", erinnerte sich Wijnaldum an ein Treffen mit Dalglish kurz nach seinem Wechsel.

Wijnaldum beim FC Liverpool in der Premier League 2018/19

StatistikWert
Spiele35
Startelfeinsätze32
Einsatzminuten2.725
Tore3
Torvorlagen0
Zweikampfquote52 Prozent
Passquote91 Prozent

Wijnaldum unter Klopp bei Liverpool: Die Allzweckwaffe

Ein Wechsel, der laut Wijnaldum "vorherbestimmt" war, jedoch unmittelbar auch mit Klopp zusammenhing. Der hatte sich nach dem Abstieg von Newcastle wie auch Tottenham-Trainer Mauricio Pochettino intensiv um die Dienste von Wijnaldum bemüht.

Mit beiden habe er gute Gespräche geführt, allerdings sei es bei Klopp nicht nur um Fußball gegangen: "Wir haben viel gelacht und er war nicht nur an dem Fußballer Wijnaldum interessiert, sondern auch an der Person Wijnaldum."

Auf der einen Seite ist der Niederländer nach eigener Aussage "eher schüchtern". Ein zurückhaltender und netter Typ. "So wurde ich eben von meiner Großmutter erzogen. Sie ist genauso. Sie wird auch immer unterschätzt, aber weiß, was sie wert ist."

Andererseits ist der Fußballer Wijnaldum ein Alleskönner. Einer, der sich leichtfüßig aus Drucksituationen befreien kann, taktisch klug agiert, gute Pässe schlägt und dazu noch torgefährlich ist, wenn man ihn lässt. "Ich weiß nicht, wie viele Positionen er schon bei uns gespielt hat, aber er kann das eben", schwärmte Klopp: "Er kann so viele Dinge, die man braucht."

Dinge, die Liverpool am Samstag gegen Tottenham dabei helfen sollen, den größten Triumph der Vereinsgeschichte seit 2005 Wirklichkeit werden zu lassen.

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