Fussball

DAZN-Moderator Alex Schlüter über das Champions-League-Finale: Was der Fußball mit einem macht ...

Von Alex Schlüter
DAZN-Reporter, -Kommentator und -Moderator Alex Schlüter (l.) und Experte Jonas Hummels.

Alex Schlüter wird für DAZN das Champions-League-Finale zwischen dem FC Liverpool und Tottenham Hotspur moderieren (ab 20.30 Uhr live auf DAZN). Zuvor aber blickt er zurück auf die wohl verrückteste Fußballwoche des Jahres, auf Tränen, böse Blicke und das pure Glück einer magischen Nacht in Anfield.

Es ist dieser typisch englische Greenkeeperblick, den mir der Ordner vor Spielbeginn zuwirft. Wir haben mit DAZN gerade unsere Moderationsposition an der Anfield Road eingenommen und ich schalte mein Handy in den Fotomodus. Social Media, wichtige Sache heutzutage, ist doch klar.

Also versuche ich ein besonders cooles Bild von dem Spielfeld zu machen, auf dem in wenigen Minuten das Halbfinal-Rückspiel zwischen Liverpool und Barcelona stattfinden soll. Ich knie über dem Boden, das Handy knapp über der Grasnarbe - als Motivgarnierung braucht es nur noch das DAZN-Logo vom Mikrofon, das ich auf die Seitenauslinie lege.

Blöd nur, dass ich vergessen habe, wie heilig den Briten ihr Fußballrasen ist. Es dauert einen Wimpernschlag, da erinnert mich der Liverpool-Ordner mit strengen Worten und einer Miene, mit der er tagsüber problemlos den Buckingham Palace bewachen könnte. "I'm sorry, really!", entschuldige ich mich. Verdammt, Social Media wird eh überschätzt.

Jonas Hummels bleibt im Aufzug stecken ...? Egal!

Später am Abend wird der Ordner wieder neben mir stehen. Er wird kurz seinen Blick vom Spielfeld lösen und zu mir schauen - mit einem Lächeln, das so viel über die unglaublichste Fußballnacht seit Jahren erzählt. Vor lauter Glück und Begeisterung wird er Tränen in den Augen haben. Schon verrückt, was der Fußball alles mit einem macht ...

Nun bin ich eigentlich selbst nicht gerade der romantischste Typ der Welt. Es gibt mehr als eine Frau, die das mit Nachdruck bestätigen würde. Und doch bekomme ich auch mit ein paar Tagen Abstand noch Gänsehaut, wenn ich die Bilder von Anfield in meinem Kopf durchgehe.

Die jubelnden Spieler von Liverpool, der geschlagene Held Leo Messi, die ekstatischen Reds-Fans. Und eben dieser Ordner, der vor lauter Emotionen kurz aus seiner Rolle als strenger Platzbewacher herausfiel. Auf den Tribünen wurde die Feierei über das Weiterkommen der Reds so wild, dass unser Experte Jonas Hummels auf dem Weg zum Spielfeld minutenlang im Aufzug steckenblieb.

Der Grund, warum sich kein Fernsehzuschauer fragen musste, weshalb ich allein moderierte? Das komplette Stadion grölte zeitgleich ein markerschütternd schönes "You'll never walk alone" und wir hielten mit den Kameras einfach drauf. Zu reden gab es für uns in dem Moment ohnehin nichts.

Nach dem Wahnsinn ist vor dem Wahnsinn

Als wären wir Flutlichtromantiker nach diesem Spiel nicht schon genug verwöhnt gewesen - es folgte der Wahnsinn in Amsterdam, als Tottenham sich in den Schlusssekunden den Finaleinzug sicherte. Es war die Krönung einer Woche, die uns mit aller Wucht daran erinnerte, warum wir diesen Sport so lieben.

Hand aufs Fußballherz, das ist nicht jede Woche so. Eine Saison ist lang und jedem Wunder von Anfield stehen mindestens fünf torlose Remis gegenüber, bei denen ich in der Nachanalyse mit unseren Experten das "taktisch Wertvolle" erörtern darf. Aber am Ende ist es wohl genau das, was es ausmacht. Du weißt nie, was du bekommst, wenn du am Anfang eines Fußballabends die Pralinenpackung aufmachst.

Beide Teams sind zu Wundervollem in der Lage

Am kommenden Samstag ist die Schachtel besonders teuer. Es steht Finale drauf. Liverpool vs. Tottenham klingt nach feiner Kost, es kann trotzdem zäh werden. Es kann aber auch die nächste magische Nacht auf uns warten. Die Voraussetzungen wären auf beiden Seiten erfüllt: Tottenham, das chronisch unterschätzte Team, das sich ohne Neueinkäufe, trotz großer Verletzungsprobleme um Kane und Co. am Saisonende doch noch die Anerkennung holen kann, die es verdient.

Auf der anderen Seite die Reds, die in der Premier League nur ein Spiel verloren und sich trotzdem mit Platz zwei begnügen mussten. Der Champions-League-Titel würde für alles entschädigen, besonders für Kloppo. Seine persönliche Finalbilanz von sechs Niederlagen am Stück schreit ja nur so nach Happy-End - das würden nicht einmal die Autoren von Game of Thrones versauen.

Dass beide Teams zu Wundervollem in der Lage sind, haben sie bewiesen. Die Spurs in Amsterdam, Liverpool in Anfield. Das Foto vom Spielfeld habe ich übrigens letztendlich doch noch gemacht. Spät am Abend, kurz bevor wir gegangen sind. Der Ordner stand noch immer auf seinem Posten, gab sich aber regelrecht Mühe wegzuschauen. In so einer Fußballnacht kann also selbst der britischste aller Ordnungshüter mal ein Auge zudrücken.

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