Fussball

Champions-League-Taktikkolumne von Fabian Hürzeler: Wie Atletico den BVB zu Fall brachte

Von Fabian Hürzeler
Jadon Sancho hatte gegen Atletico Madrid einen schweren Stand.

Fabian Hürzeler ist eines der größten Trainertalente im deutschen Fußball. Der 25-Jährige wird in dieser Saison ausgewählte Highlight-Spiele der Champions League für SPOX unter die Lupe nehmen. Heute geht es um die Nachbereitung der ersten Pflichtspiel-Pleite des BVB unter Coach Lucien Favre bei Atletico Madrid.
 

Dortmunds Pläne mit Christian Pulisic und Jadon Sancho

Beide Mannschaften setzten am Dienstagabend taktisch auf ein ähnliches Konzept. Mit dem Ball in den eigenen Reihen agierten sowohl Atletico-Coach Diego Simeone als auch sein Gegenüber Lucien Favre auf ein 4-2-3-1, gegen den Ball stellen beide Teams dann auf ein 4-4-2 um.

In den ersten Minuten versuchte Atletico den BVB sehr früh und aggressiv unter Druck zu setzen und erschwerte damit Favres Pläne, die Situationen spielerisch zu lösen. Dortmund hatte in dieser Phase große Probleme, den Ball zu kontrollieren. Sobald die Madrilenen in Ballbesitz kamen, suchten sie sofort die vertikale Lösung. Dabei spielten sie ihre große Qualität aus, immer wieder Situationen zu erkennen, in welchen sie aus einem passiven Abwehrpressing schlagartig in ein mannorientiertes Angriffspressing übergeben und das Spiel auf die Seite des Gegners verlagern.

Dortmund dagegen versuchte die beiden schnellen Außenstürmer Christian Pulisic und Jadon Sancho in Eins-gegen-Eins-Situationen zu bringen. Madrid wusste dies jedoch sehr gut zu verteidigen, indem Atleticos Außenverteidiger Pulisic und Sancho direkt bei der Ballannahme angingen und damit verhinderten, dass diese ins Tempo-Dribbling gehen konnten.

Der BVB verpasste es in dieser Phase, die dadurch entstandenen Räume hinter den beiden Verteidigern für sich nutzten. Stattdessen verlagerte der BVB vor allem auf der linken Seite mit Sancho seine Bemühungen mehr und mehr in Richtung Zentrum, um damit hinter dem Engländer agierenden Außenverteidiger Hakimi Raum zu schaffen. Zwar war diese Seite die deutlich aktivere, jedoch auch berechenbarere, da Sancho und Hakimi meist mit ihrem rechten Fuß nach innen zogen und somit leicht zu verteidigen waren. Lediglich in der 43. Minute kam Hakimi durch eine Einzelaktion zum Abschluss. Die für Favres Mannschaften typische Geduld, einen Gegner so lange zu bespielen, bis eine klare Lücke aufgeht, brachte der BVB nur nach der Drangphase der Hausherren bis zur 30. Minute auf den Platz.

Atleticos lange Bälle und der ballferne Raum

Atletico agierte auffällig oft mit langen Bällen. Dabei versuchten sie mit vielen Spielern in den Raum vor der gegnerischen Abwehrreihe zu füllen, was teilweise dazu führte, dass die BVB-Verteidiger in der letzten Linie zu Mann-gegen-Mann-Duellen gezwungen wurden. Dadurch konnte Atletico immer wieder den langen Ball für sich kontrollieren und das Spiel im letzten Drittel fortsetzen.

Zudem kam es dadurch nicht selten vor, dass sich Hakimi und sein Penadant auf rechts, Lukasz Piszczek, in Unterzahlsituationen wiederfanden, da Atletico nach einem langen Ball aus der Verdichtung heraus spielte, und die ballferne Seite mit ins Spiel einbezog. Sancho und Pulisic vernachlässigten dabei ihre Defensivarbeit bzw. verloren ihre direkten Gegenspieler im Rücken. So fiel auch das 1:0. Nach einem langen Schlag nach vorn und dem Gewinn des zweiten Balls wurde die ballferne Seite bespielt. Piszczek konnte den einlaufenden Gäste-Außenverteidiger Filipe Luis nicht mehr am Flanken hindern, da er zuerst den ballführenden Gegenspieler Saul blocken wollte.

Freigeist Reus vs Griezmann

Beide Spieler sind für ihre Mannschaften enorm wichtig. Reus war speziell zu Beginn sehr viel unterwegs, forderte immer wieder dem Ball im Halbraum und war für Steil-Klatsch-Kombinationen anspielbar. Er bekam jedoch sehr wenig Raum, sodass er sich immer wieder fallen ließ, um dann Tempo aufnehmen zu können.

Griezmann dagegen hatte ein anderes Spiel, er hatte wesentlich mehr Raum und dadurch immer wieder die Möglichkeit, schnell umzuschalten. Auffällig war jedoch, dass Griezmann alle enge Situationen so löste, dass seine Mitspieler sofort Tempo aufnehmen konnten bzw. keinen Gegnerdruck hatten und das Spiel vertikal fortsetzen konnten.

Dortmunds Idee

Zu Beginn der zweiten Halbzeit versuchte Dortmund das Spiel mit dem Ball ein wenig umzustellen. Sie versuchten eine Seite zu überlappen und sich dann durchzukombinieren. Dies passierte entweder durch Witsel, der sich zwischen Innenverteidiger und Außenverteidiger fallen ließ, oder durch Reus, der sich öfter als zuvor auf die linke Seite begab, um dort mit Sancho und Hakimi eine Überzahlsituation herzustellen und sich dann durchzuspielen.

Madrid hatte kurzzeitig damit Probleme, konnte dies jedoch sehr schnell lösen. In der Folge fand der BVB dann kaum mehr Lösungen gegen die sehr kompakten Viererketten von Atletico. Einzig nach einem Fehler von Atleticos Youngster Francisco Montero entstand danach noch eine gefährliche Torchance.

Atleticos Umschalten

Atletico setze auch nach dem Seitenwechsel weiterhin auf die Pressingstrategie der ersten Hälfte. In Angriffssituationen des BVB verteidigten alle Spieler, sogar die beiden Stürmer, hinter dem Ball. Schaffte es Atletico den BVB allerdings so unter Druck zu setzen, dass keine vertikale Lösung möglich war, so schalteten die Spanier ins Angriffspressing um. Atletico kam hier zusätzlich entgegen, dass BVB-Keeper Roman Bürki das Spiel meist flach eröffnete und seine Mitspieler durch das frühe Gegenpressing Atleticos oft früh unter Druck brachte. Aus dadurch bedingten Abspielfehlern in der Vorwärtsbewegung resultierten auch die Torchancen von Thomas Partey (38.) und Angel Correa (61.).

Gewann Atletico den Ball im Abwehrpressing, so hatten sie zwar einen langen Weg zum gegnerischen Tor, jedoch auch viel Raum, was sich auch beim 2:0 zeigte. Dabei wurde das von Favre bewusst in Kauf genommene Risiko mit den beiden hochschiebenden Außenverteidigern letztlich zum Bumerang. Hakimi musste in der Situation einen sehr langen Weg zurücklegen, um das Zentrum zu schließen. Zudem schaffte es Dortmund nicht, bei eigenem Ballbesitz schon so den Zugriff auf den Gegner zu bekommen, dass sie die gefährlichen Umschaltaktionen von Atletico verhindern konnten. Dies gelang ihnen auch beim Gegentor nicht und so konnte Madrid eine Umschaltaktion gut in ein Tor ummünzen.

Fazit

Dortmund kam in 90 Minuten zu keinem Torschuss auf das Tor von Atletico. Allgemein fehlte dem BVB die in den vergangenen Wochen verzückende Spielfreude und die Variabilität im letzten Drittel. Dortmund schaffte es nicht, in den Rücken der Abwehr von Atletico zu kommen, dabei fehlten öfters die Tiefenläufe. Zudem war das Team von Favre zu ungeduldig und bereitete die Angriffe nicht so konsequent vor wie zuletzt. Sie machten gegen eine sehr gut eingestellte Mannschaft aus Madrid zu einfache Fehler.

Es wird sich zeigen, wie Dortmund mit dieser Niederlage umgeht, da bereits am Wochenende das nächste Topspiel auf dem Programm steht.

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