Fussball

Dmytro Chygrynskiy mit AEK Athen gegen den FC Bayern: Guardiolas vergessener Star

Von Maximilian Schmeckel
Dmytro Chygrynskiy spielte einst mit Lionel Messi zusammen - jetzt trifft er mit AEK Athen auf den FC Bayern.
© getty

2009 holte Pep Guardiola für viel Geld mit Dmytro Chygrynskiy seinen Wunschspieler. Am Dienstag (18.55 Uhr im LIVETICKER) trifft er mit Athen auf die Bayern.

Es ist ein milder Februarsonntag im südgriechischen Piräus im Jahr 2018. Die Industriestadt schlummert tagsüber und erwacht dann am Nachmittag mit einem Knall. Der Grund: Top-Spiel, Ausnahmezustand, Fußball-Wahnsinn.

AEK Athen, der traditionsreichste Verein des Landes, ist zu Gast bei Olympiakos Piräus, dem Über-Team der Dekade. Über 30.000 Zuschauer kommen ins Stadio Georgios Karaiskakis, gelbe und rote Bengalo-Schwaden wabern schon weit vor dem Anpfiff durch die Fan-Blöcke.

Dann Anpfiff, Emotionen, Fangesänge, hitzige Zweikämpfe. Das fußballerische Niveau ist nicht hochklassig, aber taktisch sind beide Teams gut geschult. Besonders ein Mann der Gäste aus Athen fällt auf. Mit seinen langen Haaren und seinem Bart sieht er ein wenig aus wie ein Wikinger-Krieger, auf dem Rasen aber ist er ruhig und abgeklärt.

Er leitet den Spielaufbau der Mannen in Gelb und trifft in der 87. Minute mit einem krachenden Linksschuss zum Ausgleich, ehe sein Teamkollege Georgios Giakoumakis mit dem Siegtreffer in der letzten Minute den Athener Fanblock zum Erzittern bringt.

Trotz der augenscheinlichen Klasse, trotz des Tores, trotz des imposanten Auftritts des AEK-Verteidigers, wissen viele nicht, dass Dmytro Chygrynskiy nicht irgendjemand ist, sondern mal einer der teuersten Verteidiger der Welt war.

Und ein Wunschspieler von Pep Guardiola. Er war auf der Titelseite der Mundo Deportivo und spielte an der Seite von Lionel Messi und Xavi für den besten Verein der Welt. Aber der Reihe nach.

Chygrynskiy debütiert gegen den FC Barcelona

Im November 1986 kommt Chygrynskiy in der heutigen Ukraine zur Welt. In der Jugend spielt er als Stürmer, dann im Mittelfeld, die Gründe für seine spielerische Stärke später.

Mit 16 wechselt er zu Schachtjor Donezk. Dort wird er zum Verteidiger, zu einem modernen Typus. Denn bei Donezk erkennt man früh, dass nur Offenheit und taktische Innovation zu Erfolg führt. Der Grundstein für die spätere Ära.

Chygrynskiy gibt im Jahr 2004 sein Profidebüt. Ausgerechnet gegen den FC Barcelona wird er für die letzten beiden Minuten eingewechselt, bei dem neben dem blutjungen Lionel Messi auch Xavi, Carles Puyol und Andres Iniesta in der Startelf stehen. Das von Mircea Lucescu trainierte Schachtjor gewinnt, der Rumäne zeigt sich schon damals als taktisch hervorragender Coach.

Er erkennt schnell, welche Qualitäten Chygrynskiy hat und baut schon bald auf den 1,89 Meter großen Ukrainer. Erst macht er ihn zum Stammspieler, dann zum Abwehrchef. Lucescu entwickelt eine Marschroute, die eigentlich nur echte Top-Teams im Repertoire haben.

Er lässt Innenverteidiger Chygrynskiy den kompletten Spielaufbau initiieren. Das Mittelfeld schiebt weiter nach vorne und die scharfen Zuspiele des jungen Abwehrspielers sorgen für Raumgewinn.

So auch im Dezember 2008. Wieder geht es gegen den FC Barcelona, dieses Mal ist Chygrynskiy längst Stammspieler und ukrainischer Meister. Barca spielt mit einer B-Elf, ist schon für die nächste Runde qualifiziert. Und dennoch hat Pep Guardiola, damals noch lange nicht der Trainerstar, der er heute ist, einen Plan. Sergi Busquets soll als Innenverteidiger den verkappten Spielmacher mimen. Der Plan misslingt gegen Donezks fulminantes Pressing - und Pep muss mitansehen, wie beim 3:2 der Osteuropäer seine Idee ein Mann auf der anderen Seite umsetzt: Dmytro Chygrynskiy.

Barca gewinnt trotz der Niederlage mit Traumfußball die Champions League und als Messi und Co. im Mai 2009 die Henkelpott in die Höhe recken, haben alle den starken Auftritt Chygrynskiys längst wieder vergessen. Fast alle.

Denn Guardiola hatte extra einen Scout abgestellt, der den Donezk-Abwehrchef minutiös unter die Lupe nehmen sollte. Guardiola seziert mit seinen Vertrauten stundenlang Video-Sequenzen, wägt Für und Wider ab. Am Ende kommt man zu einem klaren Ergebnis: Dieser 22-Jährige passt zu Barcas passlastigem Stil wie die Faust aufs Auge.

Pep Guardiola bricht für Chygrynskiy Transfer-Rekord

Im Sommer 2009 wechselt er für 25 Millionen Euro nach Katalonien. Er ist der neuntteuerste Verteidiger aller Zeiten, der teuerste Innenverteidiger in der Geschichte Barcas.

Wie heutzutage bei ManCity wusste Guardiola schon damals, dass er gewisse Spielertypen für sein Spiel braucht. Und Chygrynskiy hatte er genau unter die Lupe genommen. Mit ihm wollte er die Zukunft bauen. Für die Post-Puyol-Zeit. Der Vertrag des Abwehrchefs lief damals noch ein Jahr.

Vonseiten der Fans und Medien mit großer Skepsis empfangen, will Guardiola ihn, Carles Puyol und Gerard Pique rotieren lassen, um die Mission Champions-League-Titelverteidigung erfolgreich zu gestalten. Was bei seinem Debüt gegen Getafe ansprechend beginnt, wird aber schnell zum Albtraum.

Chygrynskiy ist ein sensibler Typ. Er braucht Vertrauen und ein familiäres Umfeld. Dieses bietet Barca zwar, er hat aber große Sprachprobleme und Heimweh. "Ich konnte am Anfang nur mit Gerard und Yaya Englisch sprechen", sagt er selbst über seine ersten Wochen in Katalonien.

Den Fans aber ist völlig egal, woran es liegt, dass seine Leistungen schwanken. Sie sehen nur die 25 Millionen Euro, damals für einen der breiten Masse unbekannten Verteidiger eine unfassbare Summe.

Sie sehen, dass ein Ukrainer plötzlich Eigengewächsen wie Pique oder Puyol oder Publikumslieblingen wie Rafa Marquez den Platz streitig macht.

Und sie sehen das Copa-Spiel gegen den FC Sevilla. Chygrynskiy verursacht einen Elfmeter, man merkt ihm die Unsicherheit in jeder Phase an. Barca verliert mit 1:2, der damals 23-Jährige wird in der Schlussphase gnadenlos ausgepfiffen. Später bezeichnet er das Erlebnis als das schlimmste seiner Laufbahn.

Chygrynskiy flieht nach nur einem Jahr Barcelona

Chygrynskiy spielt anschließend nur noch dreimal für Barca, danach ist allen klar, dass Pep Guardiolas Wunschspieler gescheitert ist. Auf ganzer Linie.

Guardiola selbst setzt sich dafür ein, dass er noch eine Chance bekommt, der damals lange nicht so mächtige Trainer verliert aber intern gegen die Klubbosse, die David Villa finanzieren wollen. Für 15 Millionen Euro und nach nur einem Jahr geht es zurück zu Donezk.

Dort vertraut Lucescu ihm zwar zu Beginn, der selbstbewusste Gigant von einst ist aber verschwunden. Chygrynskiy kämpft mit seinem Knie und seinem Sprunggelenk. Hinzu kommt, dass mit Fernandinho nun ein Sechser den Spielaufbau verantwortet, die Abwehrzentrale soll vor allem eines tun: verteidigen. Nach einem Pokalspiel kritisiert Lucescu Chygrynskiy öffentlich.

Schließlich verliert er seinen Stammplatz ganz, kommt in seinen letzten beiden Saisons in Donezk auf nur vier Ligaspiele. 2015 wechselt er zu Dnipro. Er ist 28 und sein Stern ist längst verglüht. Nach einem weiteren Jahr geht es nach Athen. Eine Flucht nach vorne. Vor der Vergangenheit.

Doch das Pech bleibt ihm treu. Zwar zeigt er starke Ansätze, anhaltende Adduktorenbeschwerden und ein Armbruch verhindern aber, dass er endlich zurück in die Spur findet.

Guardiola: "Habe oft wegen Chygrynskiy telefoniert"

Diese Saison läuft es besser. Zwar fällt er erneut länger aus, inzwischen hat er aber seinen Rhythmus wiedergefunden, steht im Oktober bei allen Pflichtspielen über 90 Minuten auf dem Platz. Meistens als unauffälliger Abräumer.

Doch ab und zu gibt es da diese Auftritte wie in Piräus. In denen man nicht genau hinschauen muss, um zu erkennen, was Guardiola einst in ihm sah. In denen er fast ein wenig an Mats Hummels oder Pique erinnert, den Blick stets nach oben, immer auf der Suche nach einer Lücke, in die er einen seiner raumgreifenden Pässe spielen kann.

"Wir haben bezüglich Chygrynskiy sehr oft miteinander am Telefon gesprochen", erzählte Guardiola einmal über sein Verhältnis mit Lucescu: "Denn ich wusste, dass er ein ganz besonderer Spieler ist. Und Lucescu wusste es auch. Ich habe einfach alles dafür getan, ihn zu verpflichten. Denn er hat etwas, was sehr schwer zu finden ist."

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