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Thomas Broich im Interview: "Mit meinen Eskapaden wäre das früher explodiert"

Thomas Broich spielte sieben Jahre bei Brisbane Roar.
© getty

Thomas Broich arbeitet seit seinem Karriereende als Experte und hat bei DAZN ein neues Taktikformat zur Champions League am Start, in dem er sich in der ersten Folge mit Cristiano Ronaldo (Valencia vs. Juve, Mi. 21 Uhr auf DAZN ) beschäftigt.

Im Interview spricht der australische Fußballer des Jahrzehnts über seine Entwicklung weg vom alten Mozart-Image, die Wertschätzung für Ballbesitzfußball a la Guardiola sowie darüber, welche Kritik an Mesut Özil ihn an seine aktive Zeit erinnert.

SPOX: Herr Broich, gibt es eine Frage, die Sie nicht mehr hören können?

Thomas Broich: Manchmal ist es schade, immer noch auf das damalige Image des Rebellen und Intellektuellen reduziert zu werden. Ich war jung und naiv. Das Image war damals schon nicht glücklich. Mittlerweile könnte das der Realität nicht mehr ferner sein. Ich bin nicht mehr der Mozart. Ich war in Australien und habe mich in eine komplett andere Richtung entwickelt. Das geschah aber logischerweise nicht vor den Augen der Menschen.

SPOX: Wären Sie als 22-Jähriger im aufgeregten 2018 überhaupt noch denkbar?

Broich: Auf keinen Fall. Ich hatte mehr Glück als Verstand, dass ich früher da war. Mit meinen Eskapaden und meinen Haltungen wäre das wesentlich früher explodiert. Nach drei Jahren wäre die Karriere vorbei gewesen. Auf der anderen Seite hätte ich davon profitiert, den Fußball besser zu verstehen. Wenn man einen Trainer wie Nagelsmann, Tedesco oder Guardiola hat, wird einem vieles klarer. Rückblickend habe ich das Gefühl, dass ich lange keinen Plan vom Fußball hatte. In den letzten Jahren in Australien war ich da viel weiter. Wir hatten einen sehr guten Trainer in Brisbane.

SPOX: Ange Postecoglou.

Broich: Erst unter ihm habe ich angefangen, den Fußball zu verstehen. Das war ein sehr theoretischer Ansatz, der in der Praxis hervorragend funktioniert hat. Das hätte ich mir früher gewünscht. Aber vielleicht hatte ich ja immer schon fähige Trainer und habe einfach nicht richtig hingehört.

Thomas Broich über Guardiola-Fußball in Australien

SPOX: Postecoglou hat sich den Fußball von Guardiola beim FC Barcelona zum Vorbild genommen. Was bedeutete das konkret?

Broich: Er hat Barca-Spiele beobachtet und das Eins zu eins kopiert. Am Ende hatten wir ähnliche Rotationen im Spiel. Eine Zeitlang war es ja gang und gäbe, dass der Sechser oder Achter abkippt und der Außenverteidiger hochschiebt. Oder dass der Außenstürmer den Halbraum besetzt. Das haben wir 2010 schon in Brisbane gespielt, bevor es zum fußballerischen Allgemeingut wurde. Australien ist ein Fußball-Entwicklungsland. Aber ich hatte unfassbares Glück mit diesem Typen. Er war sehr modern.

SPOX: Wie hat sich das im Training ausgewirkt?

Broich: Bei uns gab es zum Beispiel keine Bälle über Hüfthöhe. Es ist schwer genug, einen Ball über 15 Meter an den Mann zu bringen. Also warum sollten wir sie über 30 Meter spielen? Der Ansatz war: Wenn wir es hinbekommen, viele Pässe über kurze Distanzen zu spielen, permanent in Bewegung zu sein und den Ball zu 75 Prozent zu haben, gewinnen wir jedes Spiel. Wir waren eine durchschnittliche Mannschaft und am Anfang war es echt zäh. Wir haben in der Vorbereitung richtig auf die Mütze bekommen. Aber als die Mechanismen griffen, waren die Gegner nur noch am Hinterherhecheln. Wir haben 36 Mal in Folge nicht verloren, zwei Meistertitel gewonnen. Wir waren ja nicht der FC Bayern Australiens. Wegen des Salary Caps sind mehr oder weniger alle Teams gleichstark. Da so lange ungeschlagen zu bleiben, ist eine unfassbare Leistung.

SPOX: War es das, was Sie sich von Ihrem Wechsel nach Australien erhofft hatten?

Broich: Ich hatte keine hehren Motive. Ich musste einfach weg. Es ging gar nicht darum, die Lust am Fußball wieder zu entdecken, sondern halbwegs wieder mit dem Leben klarzukommen. Australien war super, weil es so verdammt weit weg war. Ich bin dort nicht angetreten, um etwas zu reißen. Ich habe einen Dreijahresvertrag unterschrieben und dachte, maximal ein Jahr zu bleiben. Es ging auch erst mal so weiter. Man nimmt sich selbst überall hin mit. Das Problem ist in den seltensten Fällen die Stadt, der Verein oder die Mitspieler. Ich hatte schnell wieder die gleichen Gedanken.

Thomas Broich über seine persönliche Entwicklung in Australien

SPOX: Welche?

Broich: Ich dachte, dass das Leben für mich entscheidet, ob es gut oder schlecht läuft. Auch mein Verhalten hat sich nicht über Nacht verändert. Ich bin angekommen und habe in der Kabine Zeitung gelesen. Im Endeffekt lief ich Gefahr, den gleichen Quatsch zu wiederholen. Aber es konnte ja nicht sein, dass ich am anderen Ende der Welt bin und alles genauso läuft. Außerdem habe ich wahrgenommen, dass das Umfeld nicht so vorbelastet war. Deswegen waren viele meiner Haltungen der Situation nicht angemessen.

SPOX: Wie meinen Sie das?

Broich: Ich hatte kein Problem mit dem Fußball, sondern nur mit meinen Nebenkriegsschauplätzen. Als ich diese abgestellt hatte, hatte ich wieder unglaublich Lust auf Fußball. Wenn du begreifst, dass das große Ganze wichtiger ist als das Ego, wird vieles einfacher. Das ist ein Prozess, den man durchmacht, wenn man älter wird.

SPOX: Welchen Anteil hatte Postecoglou?

Broich: Er hat mich gelehrt, was es heißt, Verantwortung für sein Leben zu übernehmen. Ich habe immer schnell mit dem Finger auf andere gezeigt, lamentiert und mich beschwert. Aber Rückschläge gehören zum Leben dazu. Er hat den Prozess auch immer über das Ziel gestellt. Das hat mich geprägt.

SPOX: Hat er viele Einzelgespräche geführt?

Broich: Er war sehr distanziert. Einzelgespräche waren selten. Wenn es sie aber gab, waren sie bedeutungsvoll. Wenn ich mich ihm gegenüber respektlos verhalten habe, war er knallhart.

SPOX: Nennen Sie ein Beispiel.

Broich: Es gab eine Situation, bei der ich mir das Schlüsselbein gebrochen, aber trotzdem weitergespielt hatte. Ich habe zwei Tore vorbereitet und dann auch eins verschuldet. Kurz danach hat er mich ausgewechselt. Ich konnte es nicht fassen, habe die Augen verdreht und eine abfällige Geste gemacht. Da hat er gesagt: "Bist du bescheuert? Meinst du, ich habe dich rausgenommen, weil du einen Fehler gemacht hast?" Ich war sein bester Spieler, trotzdem sagte er: "Wenn du das noch einmal machst, spielst du keine Minute mehr. Mir ist auch scheißegal, ob wir dann Spiele verlieren, das toleriere ich nicht."

SPOX: Haben Sie sich selbst überhöht?

Broich: Im Erfolg macht der Mensch die größten Fehler. Als ich auf dem Weg zum Profi war, habe ich unfassbar hart gearbeitet und war diszipliniert. Als ich es dann geschafft hatte, begann ich, mich fehlzuentwickeln und mich selbst zu wichtig zu nehmen. Davon gab es in dieser Phase wieder Anwandlungen. Ich war der beste Spieler in der Liga und der Trainer konnte nicht auf mich verzichten. Diese Art von Verhalten würde ich ja nie an den Tag legen, wenn ich etwas zu beweisen hätte.

Seite 1: Broich über seine Entwicklung und Guardiola-Fußball in Australien

Seite 2: Broich über Social Media, Parallelen zu Mesut Özil und Öffentlichkeit

Seite 3: Broich über Öffentlichkeit und die Schwierigkeiten des Trainerjobs

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