Polizeigewalt gegen Auswärtsfans in Spanien: Wenn es eskaliert

Dienstag, 03.04.2018 | 11:30 Uhr
Beim Auswärtsspiel des FC Bayern gegen Real Madrid kam es im vergangenen Jahr zu einem Konflikt mit der Polizei.

Polizeigewalt gegen Auswärtsfans tritt bei Europapokalspielen in Spanien immer wieder auf. Besonders in Sevilla machten deutsche Fans mehrfach Erfahrungen mit "unverhältnismäßigen Einsätzen". Vor dem ersten Auswärtsspiel des FC Bayern in der andalusischen Hauptstadt blickt SPOX auf Fälle der Vergangenheit zurück.

In der Halbzeit im Santiago Bernabeu eskaliert es. Die spanische Polizei stürmt mit einem Sondereinsatzkommando aus etwa 50 Mann den Gästeblock.

Von der Pressetribüne aus ist die Situation unübersichtlich, chaotisch. Doch es ist zu erkennen, dass es zu massiven Übergriffen kommt. Mit Schlagstöcken prügeln die Polizisten auf Fans des FC Bayern ein. Auf stehende Fans, auf sitzende Fans, auf Fans, die sich schützen.

Die Pause des Champions-League-Viertelfinals der Bayern bei Real Madrid wird von den Szenen im Gästeblock völlig überlagert.

In der Bild berichtet ein Augenzeuge später: "Die Polizisten haben mit massivem Einsatz von Schlagstöcken auf alles eingeprügelt, was sich bewegt hat. Das ging eindeutig von den Polizisten aus. Die Bayern-Fans haben nichts gemacht. Mit Beginn der zweiten Halbzeit sind alle wieder verschwunden. Es wirkt, als ob die bewusst die Auseinandersetzung gesucht haben."

Ein 54-Jähriger, der mit seinem Sohn und seiner Tochter im Stadion ist, sagt zur Süddeutschen Zeitung, er habe eine solche Polizeigewalt noch nie erlebt - und das auf seinem 30. Auswärtstrip in der Champions League.

Grund für den heftigen Einsatz ist ein nicht genehmigtes Spruchband der Fans.

FC Bayern legt Beschwerde gegen den Polizeieinsatz ein

Am kommenden Tag verkünden die Münchner in einer Pressemitteilung, gegen die Vorfälle Beschwerde einzulegen: "Der FC Bayern empfindet das Vorgehen der spanischen Polizei als völlig deplatziert und maßlos. Der FC Bayern hat bereits Beschwerde bei der UEFA gegen das Vorgehen der spanischen Polizei eingelegt."

Darüber hinaus wendet sich der Verein sogar an die Bundesregierung, um "im Namen des FC Bayern bei der spanischen Regierung gegen den unverhältnismäßigen, gewalttätigen Polizeieinsatz Protest einzulegen und Aufklärung zu verlangen."

Konsequenzen gibt es letztlich - zumindest offiziell - nicht.

Polizeigewalt in Spanien immer wieder in den Schlagzeilen

Die Bilder aus Madrid waren in der Vergangenheit kein Einzelfall. "Unverhältnismäßiges Vorgehen" der Polizei ist in Spanien bei Europapokalspielen ein bekanntes Problem.

Das Auswärtsfahren ist dort deutlich weniger ausgeprägt als etwa in Deutschland. Entsprechend wirkt die Polizei bei Einsätzen für internationale Partien bisweilen überfordert. Die wiederkehrenden Schlagzeilen über gewalttätige Auseinandersetzungen stützen diese These.

An einem Ort häuften sich derartige Vorkommnisse bei Europapokalspielen besonders: Sevilla.

Erst im November untersuchte der FC Liverpool nach dem Gastspiel im Estadio Ramon Sanchez Pizjuan das Vorgehen der Polizei. Die Guardia Civil hatte Gästefans aufgehalten, nicht ins Stadion gelassen, unpolitische Fan-Banner konfisziert und teilweise zerstört.

In einem Klub-Statement gaben die Reds bekannt, die Berichte der Fans seien "detailliert und verstörend" gewesen und dass der Verein Beschwerde einlegen werde.

Ein halbes Jahr vorher hatte es beim Gastspiel von Leicester City in Sevilla ähnliche Szenen gegeben, als sich Polizisten in der Stadt - nach Ansicht der Bilder offenbar willkürlich - Kämpfe mit englischen Fans lieferten.

Auch deutsche Fans machten schlechte Erfahrungen bei Auswärtstrips in die stimmungsvolle andalusische Stadt.

Sevillas Polizei drischt auf Fans des SC Freiburg ein

Im Jahr 2013 war der SC Freiburg in der Europa League in Sevilla zu Gast. Nach Abpfiff forderten die Polizisten die 1000 mitgereisten SC-Anhänger dazu auf, das Stadion schnellstmöglich zu verlassen. "Das ging ihnen nicht schnell genug und sie haben dann einfach von hinten mit ihren Knüppeln auf unsere Fans eingeprügelt", sagte Freiburgs Präsident Fritz Keller zum SWR.

Als ein Fan einen Polizisten darum bat, ein Foto zu schießen, warf dieser ihn die steile Stadiontreppe hinunter.

Der damalige Pressesprecher Rudi Raschke sprach von einer "absoluten Sauerei" und bestätigte, dass der Verein offiziell Beschwerde bei der UEFA eingelegt habe: "Es gibt dazu auch Videos. Und es gab keinerlei Anlass für dieses Vorgehen", führte er weiter aus. Selbst das Sicherheitspersonal des FC Sevilla habe Unverständnis gezeigt.

FC Sevilla: Bilanz gegen deutsche Mannschaften

GegnerSpieleSiegeUnentschiedenNiederlagenTore
1. FC Kaiserslautern21011:4
1. FSV Mainz 0521102:0
Alemannia Aachen11002:0
Bor. Mönchengladbach43019:6
Borussia Dortmund21103:2
FC Schalke 0421101:0
Hannover 9620112:3
RB Leipzig11001:0
SC Freiburg22004:0
VfB Stuttgart32106:2

BVB-Fans in Sevilla verhaftet

Noch heftiger eskalierte die Situation 2010 beim Auswärtsspiel von Borussia Dortmund in Sevilla. Bereits beim gemeinsamen Fanmarsch begannen die Militärpolizisten, die BVB-Fans einzukesseln und vereinzelt auf sie einzuprügeln.

Später im Stadion setzte sich die gewaltsame Behandlung fort. Augenzeugenberichten zufolge wurde sogar Verletzten eine medizinische Behandlung verweigert.

In der 11 Freunde sagte der BVB-Fanbeauftragte Jens Volke: "So etwas wie in Sevilla habe ich noch nie erlebt. Die Situation war völlig eskaliert. Einer der Polizisten rannte vollkommen grundlos mit geschwungenem Knüppel auf uns zu. Erst als wir unsere UEFA-Ausweise zeigten, ließ er von uns ab."

Polizisten schlugen, Fans warfen Sitzschalen und andere Gegenstände, prügelten zurück, Beamte versuchten, filmenden Zuschauern die Handys und Kameras zu entreißen.

Im Anschluss an die Partie trieben die Einsatzkräfte die Gästefans zusammen, zogen gezielt einzelne heraus und legten sie in Handschellen. 15 Leute nahm die Polizei in Gewahrsam und kündigte ein Schnellverfahren an. 24 Stunden später wurden die Fans freigelassen. Nachdem sie dazu gedrängt worden waren, Geständnisse zu unterschreiben.

14 Fans bekamen wegen Nötigung von Beamten eine Freiheitsstrafe über 12 Monate, ausgesetzt auf zwei Jahre zur Bewährung. Bei dem anderen lag die Bewährungszeit sogar bei vier Jahren.

Dubioses Urteil der spanischen Behörden

Das Urteil war dubios. Unter anderem führte es Verletzungen eines Polizisten an, die nach fünf Tagen verheilt gewesen seien. Und das einen Tag danach.

Im Anschluss an die Vorfälle gründete sich am Lehrstuhl für Kriminologie, Kriminalpolitik und Polizeiwissenschaft an der Ruhr-Universität in Bochum unter der Leitung von Prof. Dr. Thomas Feltes und Dr. Alexandra Schröder die "Task Force Sevilla".

Polizeigewalt und Fußball im europäischen Kontext

In Schröders Dissertationsschrift "Polizeigewalt und Fußball im europäischen Kontext - Das Beispiel Spanien" arbeitete das Team gemeinsam mit der Fan- und Förderabteilung des BVB die Geschehnisse auf und beleuchtete andere Zwischenfälle deutscher Fans mit spanischen Polizisten. Laut Schröder bestätigten auch spanische Strafrechtler die Unrechtmäßigkeit des Verfahrens aufgrund unwürdiger Haftbedingungen und fehlender Begründung. Darüber hinaus sei den Beschuldigten nicht die Möglichkeit eingeräumt worden, einen Dolmetscher hinzuzuziehen.

Zwar sind Vorfälle unverhältnismäßiger Polizeigewalt nicht die Regel, und die Fans nicht in allen Fällen Unschuldslämmer, doch insbesondere bei Europapokalspielen in Spanien häuften sich die Vorfälle, die aus Fan-, Vereins- wie aus neutraler Sicht als unverhältnismäßig bezeichnet werden können. Die bei der UEFA eingereichten Beschwerden verpuffen jedoch regelmäßig.

Stattdessen verzichtet der Verband sogar meist darauf, überhaupt Disziplinarverfahren einzuleiten. Strafen seitens der UEFA musste der FC Sevilla bislang nicht hinnehmen.

FC Bayern erstmals gegen Sevilla

Im Champions-League-Viertelfinale trifft der FC Bayern am Dienstag erstmals überhaupt in seiner Vereinsgeschichte in einem Pflichtspiel auf die Andalusier. Erstmals reisen die Fans der Münchner ins Estadio Ramon Sanchez Pizjuan.

Gegenüber SPOX bestätigte der Fanclubverband Club Nr. 12, dass ein Anwalt vor Ort sein wird, um sich im Fall der Fälle um die Belange der Anhänger zu kümmern.

Denn auch in Sevilla wird es eine gemeinsame Anreise geben. Einen Fanmarsch zum Stadion. Fangesänge, wehende Flaggen. Spruchbänder. Wie wird die Polizei reagieren?

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