Real-Madrid-Legende Francisco Gento im Porträt

Der Ronaldo der 50er Jahre

Von Marc Hlusiak
Dienstag, 02.05.2017 | 12:27 Uhr
Real-Legenden unter sich: Raymond Kopa, Rial, Alfredo Di Stefano, Ferenc Puskas und Francisco Gento (v.l.n.r.)
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Francisco "Paco" Gento ist Real-Legende, Ehrenpräsident und gehört bis heute zu den am höchsten dekorierten Spielern im Vereinsfußball. In den 1950ern und 60ern gewann er zwölf spanische Meisterschaften, sechs Mal den Europapokal der Landesmeister, den Weltpokal und wurde mit Spanien Europameister. Eine Titelsammlung, die ihresgleichen sucht, jedoch einen faden Beigeschmack hat.

Am Dienstag kommt es im Halbfinale der Champions League zu einem Klassiker der jüngeren Vergangenheit. Real gegen Atletico. Derbi madrileno. Mal wieder (20.45 Uhr im LIVETICKER).

Im vierten Jahr in Folge stehen sich Spaniens Hauptstadtklubs in der K.o.-Phase der Königsklasse gegenüber. 2014 und 2016 im Finale, 2015 im Viertelfinale, dieses Jahr im Halbfinale. Stammspieler wie Cristiano Ronaldo (bisher 27 Derbi-Einsätze), Sergio Ramos (34) oder Karim Benzema (25) bessern ihr Derbi-Konto rapide auf, jagen der Bestmarke einer alten Real-Legende aber weit hinterher. Der Bestmarke von Paco Gento.

42 Mal lief der ehemals pfeilschnelle Linksaußen für Real gegen den Stadtrivalen auf. Einer seiner vielen Rekorde, die er als Teil des "weißen Balletts" in den 1950ern und "Madrid Ye-Ye", in Anlehnung an den Beatles-Song "She loves you" mit seinem "Yeah, Yeah, Yeah" im Refrain, eine Dekade später aufstellte.

Der Wirbelwind aus Kantabrien

Gento wurde 1933 in Guarnizo, einem kleinen Dorf mit knapp 5000 Einwohnern in der Provinz Kantabrien in Nordspanien unweit der baskischen Grenze, geboren. Als Teenager brach er früh die Schule ab, um seine Familie bei der täglichen Arbeit zu unterstützen.

Die wenige Freizeit nutze er für Fußball und Leichtathletik, eine Trainingskombination, die ihn später zu einem der schnellsten Flügelspieler seiner Generation machte und ihm den Spitznamen "Wirbelwind aus Kantabrien" einbrachte.

Seine Zeit als Fußballprofi begann er im Alter von 19 Jahren nur 15 Kilometer von seiner Heimat entfernt bei Racing Santander.

Nach nur zehn Spielen, in denen er zwei Tore schoss, schnappte sich das große Real Madrid den Flügelflitzer, der in den nächsten Jahren zusammen mit Di Stefano und Puskas eine Ära prägen sollte.

Europapokal? "Wir hatten keine Ahnung"

1954 und 1955 holte er seine ersten Titel im Trikot der Königlichen, als er jeweils spanischer Meister wurde. Im Jahr 1956 hielt mit dem Europapokal der Landesmeister ein neuer Wettbewerb Einzug in den Fußballkalender. Real dominierte die erste Ausgabe angeführt von der damals besten Sturmreihe der Welt bestehend aus Di Stefano, Puskas und Gento und sicherte sich den ersten Titel, auch wenn damals niemand eine Ahnung hatte, was es mit dem Wettbewerb überhaupt auf sich hatte.

"Ich muss zugeben, dass wir keine Ahnung hatten. Wir haben einfach gespielt und das war's. Niemand erklärte uns, was passieren würde. Wir wussten weder etwas über den Turnier-Modus, noch wie wichtig der Wettbewerb in den nächsten Jahren werden würde. Keiner von uns realisierte, was der Pokal bedeutete, bis wir ihn das erste Mal in Paris gewonnen hatten", gestand Gento Jahre später.

Bis einschließlich 1960 gingen auch die nächsten vier Ausgaben des Wettbewerbs an die Königlichen - ein Rekord für die Ewigkeit. Zum Vergleich: Seit Einführung der UEFA Champions League 1992 gelang es keinem Verein, den Titel auch nur ein einziges Mal zu verteidigen.

Fader Beigeschmack durch Franco-Diktatur

Die Dominanz des "Weißen Balletts" in der 50er Jahren kommt allerdings nicht ohne einen faden Beigeschmack daher. So soll das nationalistische Regime unter Diktator Franco erheblichen Einfluss auf die frühen Erfolge Reals auf nationaler wie auch internationaler Ebene gehabt haben.

Vor allem Erzrivale FC Barcelona weist immer wieder darauf hin, dass Francos Regime Real bei seiner Titelsammlung kräftig unter die Arme gegriffen habe. Geschmierte Schiedsrichter (vor allem im Ligabetrieb) sowie erzwungene Transfers sollen den Grundstein des Erfolgs Mitte des vergangenen Jahrhunderts gelegt haben.

So soll Alfredo Di Stefano, der wahrscheinlich größte Spieler in der Geschichte Reals, nicht ganz aus freien Stücken beim Hauptstandklub gelandet sein statt beim Rivalen aus Barcelona.

Auch wirtschaftlich wurden die Königlichen von "Real-Fan" Franco unterstützt. So wurden dem Verein Grundstücke geschenkt oder zu Preisen weit unter Marktpreis verkauft.

Konfrontiert man Gento mit diesen Geschehnissen, reagiert er pikiert. In einem Interview von 2015 mit dem Onlineportal These Football Times sagte er: "Das interessiert mich nicht. Franco hat nicht für Real gespielt. Wir haben die Titel gewonnen. Soweit ich weiß, interessierte sich Franco gar nicht für Fußball."

Rekorde für die Ewigkeit

Wie groß der Einfluss Francos auf Reals Erfolge der 50er und 60er Jahre wirklich war, darüber lässt sich streiten. Über Gentos Stellenwert in den vereinseigenen Geschichtsbüchern jedoch nicht. Mit seinem sechsten Titelgewinn im Europapokal der Landesmeister 1966 ist dem Flügelspieler ein Rekord gelungen, der schon über ein halbes Jahrhundert Bestand hat und noch einige Jahre länger halten wird.

Kein anderer Spieler konnte die wichtigste Trophäe im Vereinsfußball öfter gewinnen als Gento.

Auch seine acht Finalteilnahmen sind eine Bestmarke. Allerdins teilt er sich diese mit Milan-Legende Paolo Maldini. Der Italiener gewann den Titel allerdings "nur" fünf Mal. Auch den Rekord der meisten La-Liga-Titel hält Gento bis heute: zwölf Meisterschaften - und das in 15 Jahren.

Gentos Spielstil war durchaus mit dem des heutigen Superstars Cristiano Ronaldo vergleichbar. Als extrem schneller linker Flügelspieler (er lief die 100 Meter in 11 Sekunden) spielte er seine Gegenspieler regelmäßig schwindelig. Er war zudem beidfüßig, was zu seiner Zeit alles andere als üblich war. Gento bevorzugte den Abschluss aus der Distanz, nutze dafür häufig seinen für einen Außenstürmer untypisch harten Schuss. In insgesamt 511 Spielen erzielte er 150 Tore, legte zudem eine Vielzahl von Treffern für seine Mitspieler auf.

Trainer, Botschafter, Ehrenpräsident

1971, in seinem letzten Karrierejahr, erreichte er einen weiteren Meilenstein. Gegen den FC Chelsea lief er im Finale des Europapokals der Pokalsieger auf und stand damit in drei verschiedenen Dekaden in einem europäischen Finale. Real Madrid verlor im Wiederholungsspiel mit 1:2, Paco Gento beendete danach seine aktive Karriere. Dem Verein bleib er aber als Nachwuchstrainer erhalten.

Aufgrund ausbleibenden Erfolgs als Übungsleiter beendete er seine Trainerlaufbahn jedoch schnell wieder und arbeitete fortan bis zu seiner Pensionierung als Botschafter des Vereins.

Im Jahr 2015 rückte Gento dann nach langer Zeit wieder ins Rampenlicht. Real-Präsident Florentino Perez ernannte ihn im Alter von 82 Jahren zum Ehrenpräsidenten Real Madrids. Er sei "eine von Reals Legenden. Vieles von dem, was wir heute sind, verdanken wir dem Team, in dem er mit Di Stefano spielte", ehrte Perez ihn in der feierlichen Ernennungsrede.

Seit vielen Jahren wohnt Gento in unmittelbarer Nähe zum Estadio Santiago Bernabeu, in einem Stadtteil, in dem auch sein guter Freund und Weggefährte Alfredo Di Stefano, der 2014 im Alter von 88 Jahren verstarb, gelebt hatte. Im Stadion sieht man den mittlerweile 84-Jährigen selten. Die Spiele der Königlichen verfolgt er zuhause mit seiner Enkeltochter vor dem TV-Gerät.

So wahrscheinlich auch am Dienstag, wenn nicht weit von seinem Wohnzimmer entfernt die nächste Episode des Derbi madrileno ausgetragen wird. Der Rekord für die meisten Einsätze im prestigeträchtigen Duell wird ihm auch dann nicht genommen werden.

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