Leverkusen vor dem CL-Spiel gegen Tottenham

Konstant wie Windows 95

Mittwoch, 02.11.2016 | 12:00 Uhr
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Obwohl Bayer Leverkusen in dieser Saison bereits starke Auftritte zeigte, startete die Werkself in der Liga so schlecht wie seit zehn Jahren nicht. Von Konstanz ist weit und breit nichts zu sehen. Das peinliche Pokalaus und die Posse um Coach Schmidt sorgen zudem für Zündstoff. Bei Tottenham (20.45 Uhr im LIVETICKER) sollte nun eine Pleite möglichst verhindert werden, um in der Champions League die Chance aufs Weiterkommen zu wahren. Denn: Der Ton wird rauer.

Stefan Kießling ist ein erfahrener Fußballer. 380 Mal lief der 32-Jährige inzwischen in der Bundesliga auf den Platz, ein ganzes Jahrzehnt kickt er inzwischen unter dem Bayer-Kreuz. Seit seinem Wechsel aus Nürnberg im Jahr 2006 machte der Stürmer bei Leverkusen alles mit. Höhen. Tiefen. Zahlreiche Trainer. Und unzählige Trainingseinheiten.

Obwohl Kies inzwischen längst kein unumstrittener Stammspieler mehr ist, hat sein Wort im Klub weiterhin Gewicht. Wenn er etwas sagt, hören sie im Verein und im Umfeld genau hin. Umso erschreckender hallt ein aktuelles Zitat des Routiniers deshalb durch die Bayer-Flure. Mit der vollen Wucht seiner 10-jährigen Klub-Erfahrung trommelte der Stürmer auf den Alarmglocken herum: "Das ist die schwierigste Situation, seitdem ich im Verein bin."

Minuten vor der Aussage hatte sich Leverkusen im DFB-Pokal beim Drittligisten Sportfreunde Lotte bis auf die Knochen blamiert. Trotz personeller Überzahl und einer 2:1-Führung musste die Werkself die Koffer packen. "Wenn du in der Verlängerung mit einem Mann mehr führst und dann noch verlierst, dann ist das an Dämlichkeit nicht zu überbieten", brodelte Sportdirektor Rudi Völler.

Ein Ergebnis, das dem bisherigen Saisonverlauf der Leverkusener eine erschreckend hässliche Krone aufsetzte. Lediglich fünf der 14 Pflichtspiele konnten die Leverkusener in dieser Saison bislang gewinnen.

Ein Sommer ohne Sorgen

Dabei herrschte vor eben diesen 14 Partien heiter Sonnenschein im Bergischen Land. Dank eines furiosen Hechtsprungs an den letzten neun Spieltagen bekam Bayer trotz einer zwischenzeitlichen Krise noch die Hand an die prall gefüllten Geldtöpfe der Champions League. Zudem konnten schmerzhafte Abgänge wie die von Ömer Toprak, Jonathan Tah, Julian Brandt oder Chicharito allesamt verhindert werden.

Hertha-Coach Pal Dardai brachte die Bayer-Elf sogar als Meisterkandidat ins Gespräch. So weit wollte Trainer Roger Schmidt zwar nicht gehen, doch auch eher ließ sich zu einer überraschend optimistischen Aussage hinreißen und kündigte die beste Saison unter seiner Führung an. Mit der erfreulichen Sommerpause im Rücken stellte man sich bei Bayer auf die Zehenspitzen und nagelte die Erwartungshaltung am obersten Limit fest.

Auf dem Weg zu Vizekusen

Vor allem mit den vehementen Transferabsagen in Richtung Dortmund und der Verpflichtung von Kevin Volland machten sie insgeheim klar, am schwarzgelb gefärbten Platz zwei kratzen zu wollen. Schließlich stellt sich die Konkurrenz aus Dortmund und Gelsenkirchen gerade großflächig neu auf. Ein Umstand, der genutzt werden soll.

Das hässliche Wort Vizekusen könnte endlich wieder in den täglichen Sprachgebrauch rutschen und gleichzeitig einen positiven Anstrich bekommen. Zu spüren ist davon allerdings noch nichts. Vielmehr klafft zwischen der Erwartungshaltung und der Realität derzeit ein riesiges Loch. Statt auf einem CL-Rang findet sich Bayer nach bereits vier Ligapleiten derzeit erst im zweiten Teil der Tabelle wieder. Schlechter startete Bayer zuletzt vor zehn Jahren in die Saison.

Die knifflige Situation weckt unmittelbar düstere Erinnerungen an die letzte Spielzeit. Damals war die Werkself nach dem 25. Spieltag auf Rang acht abgerutscht, die Qualifikation für den internationalen Wettbewerb wackelte nach einer Pleitenserie schwer. Zudem schied Bayer gegen Villarreal im Achtelfinale klar aus der Europa League aus.

Festhalten an Schmidt

Trotz des heftigen medialen Gegenwinds hielt das Bayer-Management wie in allen sportlichen Krisen bislang kompromisslos an Coach Schmidt fest. Die Begründung war dabei stets die gleiche: Man sei von der sportlichen Entwicklung und der Spielidee des Trainers zu 100 Prozent überzeugt. Von tagesaktuellen Schwankungen lasse man sich nicht blenden.

Dass es das Team dank des furiosen Endspurts in der letzten Saison trotzdem noch in die Champions League schaffte, spricht für die Theorie der Bayer-Führung.

Auch die generelle Tendenz unter Roger Schmidt, der gegen Tottenham auf die Trainerbank zurückkehrt, zeigt klar in die richtige Richtung. In den letzten Jahren feilte er kontinuierlich an seinem anfänglichen Überfall-Fußball und justierte an einigen Stellschrauben nach.

Aus dem aggressiven Umschaltspiel ist inzwischen eine kontrollierte Offensive mit mehr Ballbesitz und weniger Risiko geworden. Das führt dazu, dass Bayer im Ranking der zurückgelegten Kilometern ligaweit von Rang eins (116,1 Kilometer) auf zehn abrutschte (112,1 Kilometer). Auch die Entwicklung der Ballbesitz-Zahlen sowie der Pässe ins Angriffsdrittel zeigen die Evolution des Bayer-Fußballs deutlich.

Die Entwicklung zentraler Statistiken unter Führung von Schmidt

Das derzeitige Tief in Leverkusen nun allerdings am veränderten Spielstil oder an vereinzelten Faktoren festzumachen, wäre sicherlich der falsche Ansatz und eine vereinfachte Darstellung eines hochkomplexen Gebildes. Wie bereits in der letzten Saison hat Bayer beispielsweise auch in dieser Saison wieder reichlich mit Verletzungen zu kämpfen. Die Ausfälle von Stammspielern wie Toprak, Tah, Bender und nicht zuletzt des Langzeitverletzten Bellarabi wiegen schwer.

Der Ton wird schroffer

Das offensichtlichste Problem der Werkself ist sicherlich (wieder einmal) die fehlende Konstanz. Auf starke Auftritte in der Champions League oder einen 2:0-Sieg gegen Dortmund folgten oft komplette Systemabstürze in der Liga (1:2 gegen Frankfurt, 1:2 gegen Bremen, 0:3 gegen Hoffenheim). Das führt dazu, dass der Umgangston vonseiten der sportlichen Führung aktuell schroffer wird. Von einem alternativlosen Festhalten am Trainer war zumindest im Affekt nach dem Pokalaus nicht mehr die Rede.

"Er hat natürlich unsere Unterstützung. Roger weiß aber, dass geliefert werden muss und dass er gefordert ist. Denn eines ist auch klar: Wir gehen von unseren Erwartungen nicht zurück", erklärte Völler nach der Pleite gegen Lotte. Der Kicker berichtete sogar, dass der Klub den Trainermarkt bereits nach möglichen Alternativen sondiere.

Das erneute Fehlverhalten Schmidts gegen 1899-Coach Julian Nagelsmann, den er als "Spinner" bezeichnete, tat zusätzlich zur sportlichen Entwicklung sicherlich sein Übriges. "Mit seinem Verhalten hat er dem Klub geschadet. Es ist klar, dass ihm das nicht mehr passieren darf. Ich bin überzeugt davon, dass es nicht wieder passiert. Aber ich war auch vorher davon überzeugt, dass es nicht noch einmal passiert", hob beispielsweise Geschäftsführer Michael Schade mahnend den Zeigefinger.

Die "wichtige Woche"

Mit etwas Abstand zum Pokalaus schoben die Bayer-Bosse einer Trainerdiskussion letztlich dennoch klar den Riegel vor und stellten sich in gewohnter Manier vor den Trainer. Eine Bedingung ist daran jedoch gekoppelt: Ab jetzt sollte die Entwicklung wieder in die richtige Richtung gehen. "Wir stehen vor einer wichtigen Woche, die für die ganze Saison entscheidend sein kann", gab Völler vor dem Spiel gegen Wolfsburg zu Protokoll.

Spiel eins dieser eminent wichtigen Woche gewann das Team bereits und bewies wieder einmal Moral. Gegen die Wölfe kam Bayer in dieser Saison bereits zum dritten Mal nach einem Rückstand zurück und drehte das Spiel noch (zuvor bereits gegen Mainz und Hamburg).

Keinem anderen Bundesligateam gelang das sonst häufiger als einmal. Im Wembley Stadion soll gegen Tottenham nun der zweite Schritt folgen. Aber das mit der Konstanz ist in Leverkusen ja so eine Sache.

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