Dortmunder Abwehrsorgen vor Duell mit Sporting

Alternativlos ins Ungewisse

Von Stefan Zieglmayer
Dienstag, 18.10.2016 | 11:34 Uhr
Matthias Ginter (M.) kann sich derzeit als Innenverteidiger bei Borussia Dortmund beweisen
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Am Dienstagabend trifft Borussia Dortmund in der Champions League in Portugals Hauptstadt Lissabon auf Sporting (20.45 Uhr im LIVETICKER). Der BVB kommt gerade in der Defensive arg gebeutelt daher und wird daher wohl mit einer neu zusammengewürfelten Truppe antreten müssen. Für Matthias Ginter könnte sich die aktuelle Abwehrplage jedoch als wertvoll herausstellen.

Der BVB sorgte im Sommer für große Betriebsamkeit auf dem Transfermarkt. Über 100 Millionen Euro gab die Borussia für Neuzugänge aus - so viel wie nie zuvor. Nach den Abgängen von Mats Hummels, Henrikh Mkhitaryan und Ilkay Gündogan investierten die Schwarz-Gelben das eingenommene Geld vor allem in die Breite des Kaders.

Thomas Tuchel bieten sich so extrem viele Möglichkeiten, zumindest in der Theorie. Die Transferpolitik sei "ambitioniert und alternativlos" gewesen, sagte Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke. Doch genauso alternativlos stellt sich Tuchels Auswahl vor der Champions-League-Auswärtsspiel bei Sporting in Lissabon dar.

Nach elf Verletzten, Marcel Schmelzer ist das neueste Mitglied im Lazarett, klemmt's besonders arg in der Defensive. Erst Recht, da der BVB die möglichen Alternativen wie Mikel Merino und Joo-Ho Park nicht für die Champions League meldete.

Ginter derzeit einzige Konstante

Die Offensive litt bislang nicht darunter. Wettbewerbsübergreifend erzielten Pierre-Emerick Aubameyang und Co. bereits 27 Tore in zehn Spielen. Europaweit gelangen nur dem FC Barcelona mehr Treffer (32). Allerdings birgt die Defensive spätestens jetzt ein gewisses Risiko, konstante Verteidigungsleistungen in der hintersten Reihe gab es bislang nur selten.

In Portugal könnte die Viererkette aus dem möglicherweise wiedergenesenen Lukasz Piszczek bestehen, als Linksverteidiger käme wohl einzig Felix Passlack in Frage. Auch auf ein Comeback von Innenverteidiger Marc Bartra hofft der BVB. Die einzige Konstante stellt derzeit aber Matthias Ginter dar.

Für ihn ist die derzeitige Misere eine Chance, sich in der ersten Elf festzubeißen. Nach Bartras Ausfall in Wolfsburg kam der Weltmeister in jedem weiteren Spiel zum Einsatz - jedoch sprang seitdem nur ein einziger Sieg aus vier Partien heraus. Doch Tuchel ist mit Ginters Weg aktuell sehr zufrieden.

Gegenstand von Wechselgerüchten

"Das Spiel gegen Real Madrid war für ihn in seiner persönlichen Entwicklung als Innenverteidiger ein kleiner Durchbruch", sagte Tuchel nach dem starken Punktgewinn gegen die Königlichen. Nach diesem Durchbruch hat Ginter auch gesucht, nachdem er zuvor als Einwechsel-Allzweckwaffe meist nur auf der Bank Platz nehmen musste.

Seine Polyvalenz - er stellt eine Option für die Sechs, den Rechtsverteidiger und eben die Innenverteidigung dar - ist sicher hilfreich, gerade in seinem noch so jungen Alter von 22 Jahren. Ginter hat nun aber auf der Position des Innenverteidigers die Möglichkeit, den Status des Lückenfüllers abzustreifen und wieder stärker in den Fokus zu rücken. Nur eine gute Alternative von der Bank zu sein, ist mittelfristig zu wenig für ihn.

So verwunderte es auch nicht, dass Ginter in den letzten Transferperioden häufig Gegenstand von Wechselgerüchten war. Der Weg in die erste Elf schien jeweils versperrt - und Ginter grübelte. Borussia Mönchengladbach, der Hamburger SV und der VfL Wolfsburg hätten Ginter sehr gerne zu sich geholt.

In Dortmund weiß man den variablen Ginter aber sehr zu schätzen, da ein solcher Defensivallrounder nicht an jeder Ecke zu finden ist.

Grundaggressivität unabdingbar

Ginter ist wandelbar, drängte sich bislang allerdings nicht auf einer Position als unabdingbare Größe auf. Umso wichtiger für seine Entwicklung ist es, dass er die Chancen nutzt, die sich ihm bieten.

Das gelang schon in der vergangenen Saison, als er zum Saisonstart den verletzten Piszczek hinten rechts vertrat und sich von Woche zu Woche enorm steigerte. Ginter bereitete zahlreiche Treffer vor, schoss selbst welche und fing den Qualitätsverlust unaufgeregt auf (insgesamt 14 Torbeteiligungen). Gegen Ende der Hinrunde, als Piszczek wieder fit war, saß Ginter jedoch wieder draußen.

"Wenn er mit einer Grundaggressivität spielt, wenn er sich in einen Zustand bringt, der nicht seinem ursprünglichen Gemütszustand entspricht, weil er ein sehr ruhiger Typ ist, dann kann er herausragend gut spielen. Da liegt für ihn noch Potenzial drin", erklärte Tuchel kürzlich.

Ginter braucht eine breite Brust

Dies trifft den Kern ziemlich gut. Ginter trägt seit jeher ein gewisses Phlegma mit sich herum, ein Lautsprecher wird er nicht mehr. Er muss sich aber im Klaren darüber sein, dass das Feld der Persönlichkeitsentwicklung für ihn noch längst nicht abgearbeitet ist, wenn er eines Tages als Führungsspieler in der Bundesliga auflaufen möchte - ob in Dortmund oder anderswo.

Als Ginter im dramatischen Olympia-Finale im Hexenkessel Maracana als erster deutscher Spieler zum Elfmeter antrat, vor seinem Schuss noch eine ziemlich lange Weile ausharren musste und dennoch verwandelte, brach es aus ihm heraus. Einen ganz kurzen Augenblick nur, aber man bekam die Ahnung einer Emotionaliät, die er sonst konsequent unter Verschluss hält.

"Wir haben alle das Gefühl - und er bestätigt das auch -, dass ihm das im Selbstvertrauen, in der Überzeugung, in seinem eigenen Spiel weitergebracht hat", kommentierte Tuchel die Leistungen seines Schützlings in Brasilien. Ginter braucht eine breite Brust, um die Selbstverständlichkeit in seinem Spiel konstant hoch zu halten.

Sporting als nächster guter Test

Wer auch immer Ginter am Dienstag im Stadion Jose Alvalade XXI zur Seite stehen wird, es wird die nächste Feuertaufe für eine wie schon gegen Hertha BSC neu formierte und daher kaum eingespielte Mannschaft.

Als vorteilhaft könnte sich Sportings Spielweise herausstellen. Coach Jorge Jesus verordnete seiner Elf in den bisherigen beiden CL-Partien gegen Legia Warschau und Real Madrid ein eher passives Pressing.

Sportings Sturm-Duo aus Ex-Wolfsburger Bas Dost und Bryan Ruiz gilt nicht gerade als extrem (an-)lauffreudig, dazu fehlt der zweikampfstarke Kapitän Adrien Silva verletzungsbedingt im Zentrum.

Wie schwer die Aufgabe in Portugals Hauptstadt angesichts der alternativlosen Dortmunder Personalkonstellation wirklich wird, ist kaum vorherzusagen. In jedem Fall ist es ein guter Test, um weiter als Mannschaft zusammen zu wachsen und die nächsten wichtigen Erfahrungen zu sammeln. Für Ginter wie für die intensiven nächsten Wochen.

Matthias Ginter im Steckbrief

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