Die Gelbe Wand

Von David Kreisl
Dienstag, 27.09.2016 | 09:30 Uhr
Sokratis hat sich über die vergangenen Jahre beim BVB zum Abwehrchef gemausert
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Sokratis ist bei Borussia Dortmund längst Kult und unverzichtbar, dabei saß er vor eineinhalb Jahren auf gepackten Koffern. Der Grieche ist die Antithese zu Thomas Tuchels Spektakel-Fußball - und wird gerade deshalb vom eigenen Anhang so geliebt. Gegen Madrid (20.45 Uhr im LIVETICKER) werden sie ihren Papa wieder brauchen.

Am 30. Mai 2015 wollten die Dortmunder alles wieder gut machen. Eine verdorbene Spielzeit noch retten. Und er musste zuschauen. Grimmig starrte Sokratis an diesem Abend im Berliner Olympiastadion bisweilen vor sich hin, noch grimmiger als ohnehin immer.

Das Pokalfinale vor eineinhalb Jahren war Jürgen Klopps letztes Spiel als Coach des BVB. Und es war das letzte Spiel dieser unwirklichen Saison, in der sich der Meisterschaftskandidat zu Beginn der Rückrunde plötzlich auf dem letzten Tabellenplatz wiederfand, nur um sich am Ende doch noch als Siebter in das internationale Geschäft über die Ziellinie zu werfen. Es war eine fast schon kitschig anmutende Chance für den scheidenden Trainer, Schwarzgelb als Abschiedspräsent noch einen Titel zu schenken.

Nicht mitmachen bei dieser Mission durfte Sokratis Papastathopoulos. Nur grimmig dabei zusehen, wie der BVB mit 1:3 gegen den VfL Wolfsburg unterging.

Es war wie so oft in seinen bisherigen zwei Jahren unter Klopp: Musste in der Verteidigung ein Mats Hummels, Sven Bender oder Neven Subotic ersetzt werden, dann war Sokratis gut genug. Aber sonst?

"Mir hat ein Stück weit die Wertschätzung gefehlt", so der Grieche. "Ich habe, wenn ich ehrlich bin, im Sommer über einen Wechsel nachgedacht."

Der Archetyp des Ruhrpottfußballers

487 Tage ist es jetzt her, dass ein Wechsel für Sokratis fast beschlossene Sache war. Doch nun geht der Innenverteidiger als Abwehrchef, als Kultfigur und unangefochtener Leistungsträger in das Champions-League-Spiel der Borussia gegen Real Madrid (20.45 Uhr im LIVETICKER). Dort, bei seiner Borussia, ist er in seinem vierten Jahr längst zum Publikumsliebling aufgestiegen.

Ausgerechnet der Grieche verkörpert den Archetyp des Ruhrpottfußballers wie kein anderer beim BVB. Den ehrlichen Pöhler mit grimmigem Blick, keine Miene verziehend, der grätscht, der beißt, der sich in jeden Zweikampf schmeißt, der keinen Glamour und keine Show und kein Garnichts braucht und will.

Nur gewinnen.

In dieser fußballerisch grandiosen Mannschaft hat das Schaffen eines Sokratis nicht nur bei den Anhängern den gleichen Jubelwert wie die Aktionen der Zauberer um ihn herum. "Er ist fast ein bisschen besessen vom Verteidigen. Er will das Tor bis zum Schluss beschützen. Und er hat Lust, Zweikämpfe zu führen", beschrieb es sein Coach Tuchel. "Papa ist ein echter Spieler, ein echter Mann. Er spielt Männerfußball."

"Ich spüre absolutes Vertrauen"

Das ist bei Weitem nicht der einzige Grund, warum Tuchel den stoppelbärtigen Griechen nicht ziehen lassen, sondern ihn als fleischgewordene Antithese der glitzernden Sternchen um Pierre-Emerick Aubameyang und Marco Reus halten wollte. Nach dem schmerzhaften Abgang von Kapitän und Abwehrchef Mats Hummels sprach Tuchel davon, die verlorene Qualität auf mehrere Schultern verteilen zu müssen. Einen Löwenanteil trägt Sokratis auf den seinen.

"Tuchel und der Verein haben mir das Gefühl gegeben, dass ich wichtig fürs Team bin. Ich spüre absolutes Vertrauen", sagt der Abwehrmann, der wohl nie ein schimpfender Lautsprecher wie Hummels sein wird, der aber dennoch als tragende Säule nicht mehr wegzudenken ist aus Dortmund. Wo er - und das ist sie wieder, die Antithese - schon vor Jahren Schlagzeilen machte, weil er immer mit einem Fiat 500 beim Training vorfuhr: "Das ist eine Sache, die mich immer daran erinnert, wo ich herkomme."

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Am Dienstag wartet jetzt in Jahr eins nach Hummels die erste ganz große Aufgabe auf Sokratis und den BVB, wenn die Königlichen in den Pott kommen. Dann soll der Herbergspapa dafür sorgen, dass der Laden dicht bleibt. Rufen sich die Dortmunder den wahnsinnigen Sprung ins Gedächtnis, den der Grieche unter Tuchel gemacht hat, könnten sie gegen die momentan ohnehin schwächelnde Truppe um Cristiano Ronaldo fast schon mit Ruhe in das Topspiel gehen.

Der beste Zweikämpfer der Liga

Das ist nicht nur ein subjektiver Eindruck. Nein, auch die Zahlen bestätigen die bärenstarke Form des 28-Jährigen. Im aktuellen Opta-Ranking der besten Zweikämpfer der Bundesliga liegt Sokratis mit beinahe 80 Prozent gewonnener Duelle klar an der Spitze. Für Sokratis bedeutet es im Vergleich zur letzten Saison unter Klopp eine Steigerung von 20 Prozent, im vergangenen Jahr waren es noch 16 Prozent weniger. Die Gelbe Wand, sie steht dieses Jahr nicht nur hinter dem Tor, sondern auch auf dem Platz.

Auch in Sachen Passspiel übernimmt Sokratis nach dem Abgang von Spieleröffner Hummels immer mehr Verantwortung. Durchschnittlich 93 Pässe pro Spiel in den ersten fünf Partien der laufenden Saison sind 33 mehr als unter Klopp.

Die Stimmen, die Sokratis Zeit seines Wechsels nach Westfalen als stumpfen Kämpfer ohne Ballgefühl verschrien haben, sind längst verstummt. "Lass das mal den Papa machen", ist in Dortmund nicht mehr nur der erste, wacklige Social-Media-Gehversuch von Sokratis. Es ist zum Motto der Schwarzgelben Defensive geworden.

Deswegen lieben sie ihn, den ganz normalen Typen, der die Drecksarbeit macht. Der den Pott verkörpert. Da ist es nicht einmal schlimm, dass er mittlerweile seine schwarzen Schuhe gegen bunte eingetauscht hat.

Sokratis im Steckbrief

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