Fussball

"Einen Deutschen bräuchte ich nicht"

Der Atletico-Fanklub "Pena Atletica Centuria Germana" zählt mehr als hundert Mitglieder
© twitter

SPOX: Kommt vor einem CL-Spiel gegen eine deutsche Mannschaft speziell viel Arbeit auf sie zu?

Kahle: Ja. Ich gucke mir das Spiel natürlich an, aber mein Tag beginnt relativ früh und endet sehr spät. Zwischendrin darf ich 90 Minuten Fußball schauen. Aber es treten immer wieder Probleme auf. Da kommen 1000 Sachen auf einen zu.

SPOX: Wie oft meldet sich der Verein direkt beim Fanklub? Wie funktioniert die Kommunikation?

Kahle: Wir stehen wöchentlich ein bis zwei Mal in Kontakt. Da geht es dann um Banales wie Autogrammkarten, aber auch darum, Kontakte herzustellen.

SPOX: Kennt man Sie dadurch in Madrid?

Kahle: Ja. Der Fanklub ist bekannt wie ein bunter Hund. Natürlich sind wir auch etwas Besonderes, weil wir Ausländer sind. Und mit der Zeit entstehen dann tatsächlich Freundschaften. Das ist nicht nur so dahin gesprochen. Wir sind wirklich eine rot-weiße Familie.

SPOX: Kennen Sie den Film "Hooligans"?

Kahle: Vom Namen her ja. Und ich weiß, dass der Eine von Herr der Ringe (Elijah Wood, Anm. d. Red.) da mitspielt. Den Film habe ich selbst nie gesehen. Ich habe meine Probleme mit der "Fankultur" Hooligans und Ultras. Was das mit Leidenschaft zum Fußball zu tun haben soll, ist mir nicht ganz klar. Die sollen das alles machen, aber bitte nicht im Stadion.

SPOX: Kommen wir also zum Sportlichen. Atletico galt lange als das Sprungbrett für aussichtsreiche Stürmer-Talente. Der Trend scheint dahin zu gehen, dass genau diese Spieler wieder zurückwollen. Woran liegt das?

Kahle: Das ist jetzt keine Fußballromantik, aber ich denke, Atletico ist einfach ein besonderer Verein. Jeder, der sich mit dem Verein identifiziert hat, lernt schnell, dass man zwar woanders mehr Geld verdient, aber man mit dem Herzen nicht so dabei ist wie bei Atletico. Es scheint den Spielern ein Bedürfnis zu sein.

SPOX: Und darüber hinaus sind die Rojiblancos noch erfolgreich. Würden Sie sagen, dass es keine spanischen Verhältnisse mehr gibt?

Kahle: Atletico ist die Nummer eins in Spanien. Barca und Real kann man nicht zählen, die spielen in einer anderen Welt. Überraschungserfolge sind zwar immer wieder möglich, aber was bei den beiden Teams im Kader steckt, ist von einem anderen Stern. Da kann Atletico nicht mitziehen. Das Ziel muss Platz drei sein, also die sichere Champions-League-Teilnahme.

SPOX: Eine vergleichbare Dominanz hat sich der FC Bayern in den vergangenen Jahren in Deutschland verstärkt aufgebaut.

Kahle: Was wir komplett vergessen ist, dass die Bundesliga im Vergleich zur Primera Division eine krasse Klasse schlechter ist. Bayern ist die volle Ausnahme. Aber die spielerische Qualität der Bundesliga ist schlecht. Ich würde sogar sagen, dass jede der drei besten spanischen Mannschaften in Deutschland Meister werden könnte. Dagegen würde es der FCB in Spanien schwer haben.

SPOX: La Bestia Negra wurde international - gerade von den spanischen Teams - ein wenig gezähmt. Hilft es, dass man Pep Guardiola in der Primera Division so gut kennt?

Kahle: Gute Frage. Ich muss sagen, ich verstehe Guardiola nicht. Wenn du nach Madrid fährst und den Spielstil von Atletico kennst, dann aber einen Thomas Müller - vorausgesetzt er ist fit - auf der Bank sitzen hast ... aber mir soll es Recht sein. (lacht)

SPOX: Vor welchem Münchener Spieler hat man bei Atletico am meisten Respekt?

Kahle: Atletico hat keine Angst vor dem Kader oder einzelnen Spielern der Bayern, aber vor der Geschichte des Klubs. Respekt ist übrigens ein guter Punkt. Vielen deutschen Mannschaften, Funktionären und der Medienlandschaft fehlt dieser - gerade gegenüber Atletico. Wie diese Ballwurf-Affäre um Diego Simeone "hochsterilisiert" wurde, war eine Frechheit.

SPOX: Würde ein deutscher Spieler im Atletico-Trikot eine solche Berichterstattung beeinflussen?

Kahle: Ja! Würde Toni Kroos bei Atletico spielen, läse man solche Aussagen nicht. Man würde Simeone als großen Motivator beschreiben, nicht als unsportlich. Guardiola verhält sich genauso temperamentvoll. Ihm wird es nur nicht negativ ausgelegt.

SPOX: Was ist Ihr abschließender Tipp?

Kahle: Um Atletico zu besiegen, muss Bayern drei Tore schießen oder mit einem 1:0 durch die Verlängerung. Mir ist aber auch klar, dass wir eine Menge Glück brauchen.

SPOX: Ihr Traumszenario sieht also folgendermaßen aus: Atletico kommt mit etwas Glück gegen den FC Bayern ins Finale und besiegt dort Real Madrid. Mit dem CL-Titel werden deutsche Stars angelockt und die Berichterstattung schwenkt ins Positive.

Kahle: Einen Deutschen bräuchte ich nicht. Mein Traumszenario sieht so aus: Atletico kommt gegen die Bayern weiter und zeigt ein faires, sauberes sowie hochklassiges Spiel. Dann kommt das Finale gegen Real Madrid und wir gewinnen in der 92. Minute mit 1:0 durch einen ungerechtfertigten Elfmeter. So ungerechtfertigt wie selten zuvor, quasi Schutzschwalbe Vidal und Möller zusammen. Das wär's (lacht).

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