Hängender Sechser oder so...

Montag, 14.03.2016 | 17:57 Uhr
Kapitän, Dauerbrenner, abkippender Sechser: Philipp Lahm
© getty
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Philipp Lahm gehört abermals zu den Dauerbrennern beim FC Bayern - und lernt mit 32 Jahren eine neue Position kennen, die er bestens bekleidet und die ihm einen neuen Rekord beschert. Lahm kennt die Gründe - und bricht gleich mehrere Lanzen für den Trainer.

Nein, mitgezählt hat Philipp Lahm nicht. Geahnt hat er es auch nicht. Und zwei Tage danach wusste er es auch immer noch nicht. In seinem 301. Bundesliga-Spiel brach der Kapitän des FC Bayern München einen neuen persönlichen Bundesliga-Rekord.

167 Ballaktionen Lahms zählte Opta beim 5:0 gegen Werder Bremen. So viele wie nie zuvor. Lahm war überrascht, als er mit der Bestmarke konfrontiert wurde.

Aber er wäre nicht Philipp Lahm, wenn der Überraschung keine Erklärung folgen würde. "Es liegt sicher an unserer Spielweise. Man weiß, dass wir viel Ballbesitz haben und dass so jeder Spieler auf viele Ballaktionen kommt", sagte er SPOX.

Bayerns Dominanz = Lahms Dominanz

Aber der FC Bayern hat doch immer viel Ballbesitz? Warum erst jetzt der Rekord? Und natürlich hat Lahm auch dafür eine Erklärung: "Bremen hat sehr defensiv gespielt. Wir hatten viel Raum und viel Ballbesitz." Kurzer Zwischenruf, dass es 84 Prozent waren. Lahm lächelt: "Sehr, sehr viel Ballbesitz."

Und tatsächlich war es so, dass der Gast aus Bremen das Spiel in München nicht nur im Vorfeld schon zur Pflicht-Niederlage degradierte, sondern auch genau so agierte. Möglichst keine Beteiligung am Spielgeschehen, der Intention folgend, nur nicht hoch zu verlieren.

Geklappt hat nur der erste Teil. Manager Thomas Eichin sagte später gar, dass er sich überlege, künftig überhaupt nicht mehr mit zu fahren, wenn es nach München geht. Ein Witz, der aber durchaus Substanz hat.

Was ist er denn jetzt?

Den Bayern ist das natürlich egal. Sie haben die Substanz auf dem Platz und eben einen Kapitän, der nicht wie einige seiner Kollegen geschont wurde, sondern durchspielte, um am Ende so oft den Ball zu berühren wie nie zuvor. Dass das aber nicht nur am Gegner lag, weiß auch Lahm. Und überhaupt zeigt seine Ballaktionen-Statistik in dieser Saison aufsteigende Tendenz.

Das liegt auch daran, dass Pep aus seinen Außenverteidigern Aushilfsverteidiger gemacht hat und sie - wenn es die Situation erlaubt - ins Mittelfeld einrücken lässt. So ist Lahm Außenverteidiger und Mittelfeldspieler in einem: "Wie nennen wir das jetzt? Hängender Sechser? Offensiver Zweier?", fragt Lahm lachend und gibt die Suche gleich wieder auf. Hängender Sechser, trifft es wohl am besten.

"Das ist nicht auf mich zugeschnitten"

Hat Pep also nach der falschen Neun eine neue Position erfunden? Lahm grübelt: "Ich weiß nicht, ob es neu erfunden ist, aber in der Art habe ich es vorher auch noch nicht gespielt - bis eben Pep kam."

Auch David Alaba, Juan Bernat auf der linken Seite - oder eben Lahm und Rafinha auf ihrer rechten Seite kamen schon in den Genuss dieser Mixaufgabe mit hoher Spielbeteiligung.

Und daher ist es für Lahm auch keine Sache der eigenen Kunst, so viel Ballbesitz zu haben: "Ich fühle mich sehr, sehr wohl, aber es geht nicht um meine Rolle, sondern immer darum, wie die Mannschaft agiert und wie wir spielen wollen. Das ist nicht auf mich zugeschnitten, sondern auf den Spieler in der Position - eben dann auch mal auf Rafinha, wenn er auf der Position spielt."

Lob für Kimmich - und Pep

Dass das alles so wunderbar klappt, ist nach Lahms Meinung vor allem das Verdienst von Trainer Pep Guardiola und führt da auch das Beispiel Joshua Kimmich an, der als Sechser geboren wurde, aber inzwischen als Abwehrspieler für den Kader der deutschen Nationalmannschaft bei der EURO 2016 gehandelt wird: "Unglaublich, wie sich Josh auf der Position entwickelt hat. Man sieht, was möglich ist, wenn man vom Trainer klare Anweisungen bekommt und diese auch trainiert."

Lahm wird, wenn Guardiola im Sommer seinen Dienst in München quittiert und bei Manchester City anheuert, dem Katalanen eine Träne nachweinen. Nicht nur der Umstand, dass Lahm unter Pep immer spielt und auch in dieser Saison nach Manuel Neuer und Robert Lewandowski der Spieler mit den meisten Startelf-Nominierungen ist, beweist das gegenseitige Vertrauen.

Keine Bange vor Juventus

Pep weiht Lahm in seine Pläne ein, spricht viel mit ihm, auch über die Mannschaft, weil der Katalane weiß, dass er seinen Kapitän auf einer Wellenlänge empfängt. Und Lahm weiß, dass er unter Pep im besten Alter noch einmal ein besserer Fußballer geworden ist und ganz nebenbei noch viel Entwicklungsarbeit mitbekommen hat.

Und da geht es um Details. "Wie er uns zum Beispiel auf das Pokalspiel in Bochum vorbereitet hat, war einfach nur top", sagt Lahm, der zwar für seine Zeit nach 2018 keine Trainerkarriere anpeilt, dennoch wissbegierig ist wie einst als junger Hüpfer.

Und Lahm ist daher auch nicht bange vor der Aufgabe gegen Juventus Turin (Mi., 20.45 Uhr im LIVETICKER), wenn der italienische Meister zum Rückspiel des Champions-League-Achtelfinals nach München kommt. "Man hat im Hinspiel gesehen, dass unser Spiel funktioniert und deswegen werden wir uns nicht großartig ändern", so Lahm.

Lediglich die Fehler müsse man abschalten: "Auf die lauert Juventus. Eben wie eine clevere, italienische Mannschaft."

Warum schießt Lahm keine Tore?

Und idealerweise geht man auch in Führung: "Das wäre top", sagt Lahm. Dass ausgerechnet er das Tor macht, dafür liegen die Quoten irgendwo jenseits von Gut und Böse.

Sein 100. Champions-League-Spiel absolvierte Lahm vor drei Wochen in Turin, getroffen hat er in keinem Spiel in der Königsklasse - und dafür gab es sogar ein "Kompliment" von Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge auf dem Bankett danach.

Überhaupt kam er in dieser Saison auf einen Treffer. Im Jahr davor waren es zwei, davor auch nur einer. Philipp Lahm wäre nicht Philipp Lahm, wenn er nicht auch dafür eine Erklärung hätte: "Meine Kameraden agieren eben nicht so, dass ich als Knipser zur Geltung komme."

Dann wäre das ja auch geklärt.

Philipp Lahm im Steckbrief

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