Zünglein auf Messers Schneide

Dienstag, 23.02.2016 | 15:30 Uhr
Arturo Vidal spielte vier Jahre lang für Juventus Turin
© getty
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Arturo Vidal stand in dieser Saison in fast jedem Pflichtspiel des FC Bayern München auf dem Platz. Und dennoch: Er scheint noch nicht einhundertprozentig angekommen zu sein. Der Chilene sucht noch nach seiner Berechtigung, das Spiel gegen Juventus Turin in der Champions League (20.45 Uhr im LIVETICKER) könnte ihn endlich erlösen.

Es läuft die 36. Minute in Augsburg. FCA-Mittelfeldmann Dominik Kohr geht auf Höhe der Mittellinie aggressiv in einen Zweikampf, sein Gegenspieler Arturo Vidal tut das gleiche.

Vidal ist zuerst am Ball. Sekundenbruchteile später ist Kohrs Fuß da, wo die Kugel hätte sein müssen. Doch Augsburgs 22-Jähriger steigt dem Chilenen voll aufs Sprunggelenk. Keine Absicht natürlich. Dennoch sieht es schmerzhaft aus.

Vidal schüttelt sich kurz und will sich dann den Ball zum für ihn berechtigten Freistoß zurechtlegen. Doch er sieht: Schiedsrichter Florian Meyer hat diesen dem FCA zugesprochen. Foul Vidal, lautet seine Beurteilung der Situation.

Alles Lamentieren hilft nichts. Der Unparteiische hatte diese Entscheidung im Kopf wohl schon getroffen, bevor es überhaupt einen Körperkontakt der beiden Spieler gab. Arturo Vidal eilt ein Ruf voraus.

Keine vollständige Identifikation

"Wir brauchen solche Protagonisten", hatte Sportvorstand Matthias Sammer noch Ende Juli bei der Vorstellung des Chilenen geschwärmt: "Diese Mentalität und diese Qualitäten werden uns gut zu Gesicht stehen." Doch noch Ende Februar, wird man das unterschwellige Gefühl nicht los, dass die hundertprozentige Identifikation nicht entstanden ist - weder von Vidal mit dem FCB, noch umgekehrt.

Wie ein roter Faden zogen sich die wenigen fehlenden Prozente durch seine bisherige Zeit an der Säbener Straße. Im Sommer stieß Vidal erst zum Ende der Vorbereitung zum Team, nach dem historischen Triumph bei der Copa wurde lange über das möglicherweise lädierte Knie spekuliert.

Und dann waren da noch die Eskapaden um Vidals Alkoholfahrt in Chile, die im Sommer 2015 zusätzliches Öl ins ohnehin sehr heiße Image-Feuer des Mittelfeldmanns gossen. Er war ohnehin nicht gerade als Kind von Traurigkeit bekannt.

Multidimensionale Skepsis von Beginn an

Vidal war von Beginn an durch diese multidimensionale Skepsis belastet. Dabei sprachen die Zahlen stets eine andere Sprache. Es gab in der bisherigen Saison nur ein einziges Pflichtspiel des FC Bayern, in dem Vidal nicht auf dem Platz stand: Es war das Champions-League-Heimspiel gegen Dinamo Zagreb, für das der Chilene aufgrund von Knieproblemen aus dem Kader genommen wurde.

Auf insgesamt 1984 Einsatzminuten kam der 28-Jährige bisher und steht damit in einer Reihe mit Jerome Boateng (2013) und Xabi Alonso (2038). Betrachtet man die nackten Zahlen, zu denen auch drei Tore und sieben Vorlagen gehören, entsteht der Eindruck, Arturo Vidal sei längst angekommen beim FC Bayern.

Doch trotz seiner vielen Einsätze scheint es, als könne Vidal sich bei allem Bemühen nicht selbst von dieser über ihn gestülpten Haut befreien. Er spielte keinesfalls schlecht, und doch wirkte er zuweilen gehemmt.

Dabei hatte Sammer gegenüber Goal.com noch zum Ende der Vorrunde gesagt: "Mit Vidal haben wir etwas Verrücktes gemacht. Wie der auf dem Platz auftritt, da kann Arturo richtig zum 'Tier' werden."

Vidals Stärken bei Pep verzichtbar

Genau das hat er beim FC Bayern aber eben noch nicht gezeigt. Weil er es nicht musste. Weil seine eigentlichen Vorzüge (noch) nicht gefordert waren. Der deutsche Rekordmeister spielt anders, als es Vidal von seinen bisherigen Vereinen und auch der Nationalmannschaft kannte. Das körperbetonte Spiel, das ihn so auszeichnet, braucht es in der Liga nicht.

Unter Pep Guardiola hat sich der FCB mehr und mehr zum Ballbesitz- und vor allem Technikfußball entwickelt. Brenzlige Situationen werden spielend und mit Übersicht gelöst. Physis ist eine Eigenschaft, die sich im katalanischen Spiel verzichtbar gemacht hat.

Turin-Rückkehr als große Chance

Und so sucht der Krieger Vidal in Peps System noch seinen Platz - und irgendwie auch seine Berechtigung. Natürlich vereint der Chilene auch Passspiel, Übersicht und Technik; sein großes Plus ist aber der Kampf.

Passender könnte die Rückkehr nach Turin da nicht kommen. Gegen einen Gegner, der Bayern auch körperlich fordert und gegen den deshalb auch kämpferische Attribute gefragt sind, hat Vidal die große Chance sich beweisen - vorausgesetzt, Pep baut auf den Südamerikaner. Noch dazu ist es Vidals Ex-Verein. Motivieren muss ihn keiner mehr.

"Ich verteidige jetzt das Trikot und die Farben des FC Bayern. Ich werde mein Leben dafür geben, damit wir diese zwei Partien gewinnen und ins Viertelfinale einziehen", sagte Vidal gegenüber der TZ. Er ließ keinen Zweifel daran aufkommen, dass er darauf brennt, im Juventus Stadium das Spiel seiner Karriere zu machen.

Zünglein auf Messers Schneide

Doch genau darin liegt auch die große Gefahr: Vidal kann durch seine Werte und seine Einstellung im CL-Achtelfinale zum Zünglein an der Waage werden. Unglücklicherweise machen ihn dieselben Eigenschaften auch zum wandelnden Pulverfass. Der Hitzkopf neigt gelegentlich in emotionalen und wichtigen Partien zur Übermotivation.

"Ich komme als Gegner, nicht als Feind", beteuerte Vidal im Vorfeld der Partie zwar gegenüber der Gazzetta dello Sport. Seine Aufregung konnte er aber nicht verbergen: "Es wird ein komisches Spiel werden. Es waren immerhin vier Jahre, in denen die Leute eine tiefe Zuneigung zu mir entwickelt haben und umgekehrt."

Spielt Vidal am Dienstagabend, wird er in jedem Fall die Chance nutzen wollen, es allen Kritikern und Voreingenommenen zu zeigen. Die Achtelfinals gegen die Alte Dame könnten für ihn endlich die Spiele sein, auf die er monatelang gewartet hat. Es ist auch ein Kampf fürs eigene Image. Der findet bei Arturo Vidal aber stets auf Messers Schneide statt.

Arturo Vidal im Steckbrief

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