"Van Gaal sorgte für einen Aha-Effekt"

Samstag, 06.06.2015 | 14:00 Uhr
Louis van Gaal verlor mit dem FC Bayern das CL-Finale 2010 gegen Inter Mailand
© getty
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Wolff Fuss kommentiert am Samstag das Champions-League-Finale zwischen Juventus Turin und dem FC Barcelona (20.45 Uhr im LIVE-TICKER). Im Interview spricht der Sky-Kommentator über das Endspiel, die Arbeit des Kommentators, Kritik der Zuschauer und ein besonderes Erlebnis mit Louis van Gaal.

SPOX: Herr Fuss, Sie kommentieren am Samstag das Champions League-Finale Juventus Turin gegen den FC Barcelona. Aufgeregt?

Wolff Fuss: Nein, eigentlich nicht. Eher voller Vorfreude. Aber am Ende ist es nur ein Fußballspiel, elf gegen elf - ohne das jetzt kleinreden zu wollen. Das Besondere ist, dass das Spiel in Deutschland stattfindet, in einem Stadion, in dem ich schon bei Hertha gegen Freiburg saß und es bei 35.000 Zuschauern recht zugig war. Jetzt weiß man, das Ding ist voll, es ist alles sehr feierlich und die beiden größten Mannschaften Europas spielen gegeneinander.

SPOX: Sind Juve und Barca für Sie aktuell auch die beiden besten Teams?

Fuss: Barcelona zählte spätestens mit Beginn der Rückrunde zu den absoluten Top-Favoriten. Juventus, da erzähle ich nix Neues, gehörte nicht zum ultimativen Favoritenkreis. Aber das ist eine Mannschaft, die sportlich in der Lage ist, die Größten der Welt zu schlagen und wenn sie das tut, dann steht sie nicht verbotenerweise dort, wo sie steht.

SPOX: Das Spiel wurde schnell unter dem Motto "Kampf der Systeme" angepriesen: Stereotyp oder Wahrheit?

Fuss: Es trifft ein Stück weit die Wahrheit, weil die vielleicht spielstärkste Mannschaft der Welt auf die beste Defensivreihe trifft. Man kann die Partie auf eine Aussage zuspitzen: Es gibt eine Mannschaft in Europa, die sich vor Barca nicht fürchten muss, und das ist Juventus Turin. Klar sagt jeder, Juve ist Außenseiter, aber schauen Sie ins Gesicht von Buffon und Sie sehen keinen Außenseiter. Das gilt auch für Pirlo, Tevez oder Vidal, da kann man alle aufzählen. Wenn ich zu Vidal sage, Juventus ist Außenseiter, lacht er sich kaputt. Im Grunde ist es ein Duell, in dem alles passieren kann und damit kann's kein besseres Finale geben.

SPOX: Zählt das Finale auch für einen Kommentator zu den Highlights der Karriere? Und denkt man vielleicht auch nochmal seine Anfänge zurück, als man mitten in der Nacht bei DF1 quasi unter Ausschluss der Öffentlichkeit kommentiert hat?

Fuss: Ein Champions-League-Finale ist immer ein Highlight. In solchen Flashbacks lebe ich allerdings nicht. Ich sehe auch nicht die Notwendigkeit, sagen zu müssen, jetzt habe ich es geschafft. Wenn ich das Stadion betrete, habe ich das Gefühl, dass ich richtig bin. Ich freue mich aber auch auf jedes Bundesligaspiel.

SPOX: Der Job sind ja nicht nur die 90 Minuten Spiel, es steckt auch eine Menge Arbeit im Vorfeld drin. Wie sieht die Vorbereitung auf das Finale konkret aus?

Fuss: Es gehört zu meiner täglichen Arbeit, sich über die Großen in Europa zu informieren. Wenn feststeht, du kommentierst das Finale, steigst du bei diesen beiden Mannschaften noch mehr in die Tiefe ein. Ich schaue mir Meilenstein-Spiele der Saison nochmal an, spreche mit Trainern, die mit beiden Mannschaften in dieser Saison zu tun hatten. Außerdem haben wir mit Opta auch einen Datenlieferanten, der uns mit 139 Seiten Information versorgt. Mein Anspruch ist, in ein Spiel zu gehen und auf alles vorbereitet zu sein. Wenn Juventus den dritten Torhüter einwechselt, will ich wissen, was der in seinem Leben bisher gemacht hat. Die Vorbereitung ist die Hauptarbeit, die 90 Minuten sind dann nur noch pure Freude.

SPOX: Mit den Trainern deutscher Teams können Sie als Kommentator auch Einzelgespräche vor dem Spiel abseits der öffentlichen Pressekonferenz führen. Ein großer Vorteil in der Vorbereitung, oder?

Fuss: Ja, nur Guardiola spricht nicht. Es ist schade, dass sich Guardiola in diesem Punkt verschließt. Jupp Heynckes hat die Gespräche gemacht, Louis van Gaal auch. Wobei ich Guardiola verstehen kann, er hat zum Teil schlechte Erfahrungen mit der spanischen Presse gemacht. Van Gaal musste man ebenfalls in extremem Maße daran gewöhnen. Er brauchte eine gewisse Zeit, um Vertrauen zu gewinnen. Wenn man das Vertrauen aber hat, kann man extrem davon profitieren.

SPOX: Können Sie ein Beispiel nennen?

Fuss: Van Gaal hat mir beispielsweise auf dem Platz Dreiecke gezeigt, die ich bis dahin nie gesehen hatte. Er hat mir erklärt, wie Einwürfe zugestellt werden. Und dann gab es diese eine Situation mit Manchester United. Er sagte zu mir: ‚Sie müssen aufpassen, Manchester United spielt den ersten Ball nach dem Anstoß immer lang rechts raus, das habe ich meinen Spielern gesagt.' Viertelfinalhinspiel in München. Anstoß Manchester United. Ein bisschen Gefimmel im Mittelfeld, langer Ball rechts raus, Foul Badstuber. Da sah ich ihn schon unten in sein Häuschen beißen.

SPOX: Nach dem fälligen Freistoß erzielte Rooney das 0:1.

Fuss: Und van Gaal flippt an der Seitenlinie total aus. Ich konnte dem Zuschauer erzählen, warum er so ausflippt. Das war eine Information, die dir als Reporter normalerweise verschlossen bleibt, weil du eine Mannschaft im Tagesbetrieb nicht so akribisch auseinander nehmen kannst. Dazu bräuchtest du eine eigene Scoutingabteilung. Van Gaal hat mich an seinen Gedanken teilhaben lassen. Er sorgte bei mir für einen Aha-Effekt. Man redet ja häufig über Matchpläne, in diesem Fall habe ich gesehen, wie viele Gedanken sich Trainer vor einem Spiel machen.

Seite 1: Fuss über das CL-Finale und sein Aha-Erlebnis mit van Gaal

Seite 2: Fuss über Kommentatoren-Kritik und den Unterschied zum Musikantenstadl

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