Prinz Charles in Katalonien

Montag, 04.05.2015 | 15:14 Uhr
Marc-Andre ter Stegen wechselte für zwölf Millionen Euro von Mönchengladbach nach Barcelona
© getty
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Vor der Saison wechselte Marc-Andre ter Stegen von Borussia Mönchengladbach zum FC Barcelona. Bei den Katalanen spielt er in der Champions League und im Pokal, in der Liga ist er nur Ersatz. Trotzdem wird er im Sommer in die Nationalmannschaft aufrücken und versuchen, Manuel Neuers Position streitig zu machen. Doch da lauert auch sein ewiger Rivale.

Auf einen gemütlichen Couchnachmittag mit Fußball und Freunden wird Marc-Andre ter Stegen verzichten müssen. Dabei wäre die Gelegenheit außerordentlich verlockend. Samstag 15.30 Uhr, rheinisches Derby, Gladbach gegen Leverkusen, Duell um die Champions League.

Ter Stegen verfolgt den Weg von Borussia Mönchengladbach noch immer sehr intensiv. Der Kontakt in die Heimat ist auch nach seinem Wechsel im Sommer vergangenen Jahres zum FC Barcelona nicht abgerissen. Aber gut eine halbe Stunde nach Abpfiff des Bundesligaspitzenspiels tritt der Torhüter am Samstagabend im Camp Nou gegen Real Sociedad San Sebastian an.

Wobei das Antreten im Fall von ter Stegen wieder einen Platz auf der Bank beinhaltet. Es ist hinlänglich bekannt, dass sich Barca-Trainer Luis Enrique in dieser Saison für eine gesplittete Torhüterlösung entschieden hat. Der Chilene Claudio Bravo steht in der Liga im Tor, ter Stegen in der Champions League und im Pokal.

Heimatliebe oder Karriere

Bekannt ist auch, dass weder Bravo noch ter Stegen die Situation hundertprozentig schmeckt. "Natürlich möchte ich in der Zukunft mehr spielen", sagt ter Stegen. Aber: "Es wäre naiv gewesen zu glauben, dass es einfach sei, die unumstrittene Nummer eins beim FC Barcelona zu werden."

Ter Stegen hat mit Anfang 20 die große Herausforderung gesucht. Es war keine leichte Entscheidung, seinen Herzensklub zu verlassen. Er sei "durch und durch Borussia" sagte ter Stegen im Januar 2014 mit brüchiger Stimme, als er seinen Abschied offiziell bekannt gab und dabei mit den Tränen rang.

Für Sportler mit dem Anspruch eines ter Stegen kommt irgendwann der Moment, in dem sie sich zwischen Heimatliebe und Karriere entscheiden müssen. Es ist eine der Parallelen zu Manuel Neuer, der einen vergleichbaren Weg einschlug. Auch bei ihm flossen Tränen, als er Schalke verließ und sich dem FC Bayern anschloss.

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Nächster Schritt früher als Neuer

Und so gehört das Duell zwischen ter Stegen und Neuer auch zu den vielen Geschichten, die sich im Vorfeld des Champions-League-Halbfinals zwischen dem FC Barcelona und dem FC Bayern (Mi., 20.45 Uhr im LIVE-TICKER) erzählen lassen.

Neuer war auf Schalke ein international anerkannter Torhüter, der schon eine WM gespielt hatte, aber noch nicht die Erscheinung war, die er heute ist. Neuer ist in München als Führungspersönlichkeit und zum besten Keeper der Welt gereift.

Ter Stegen wagte den Absprung in einem früheren Stadium seiner Karriere, er war drei Jahre jünger als Neuer zu diesem Zeitpunkt und international ein eher unbeschriebenes Blatt. Bekannt war da nur sein kapitaler Fehler im Länderspiel in den USA.

Die Opta-Statistiken von ter Stegen und Neuer in der CL-Saison 2014/15

Perfekter Torwart für Barca

Doch Barcelona wollte ihn unbedingt. Der mittlerweile entlassene Sportdirektor Andoni Zubizarreta, selbst eine Torhüter-Legende bei Barca, hatte ihn über Jahre hinweg als perfekten Nachfolger für Victor Valdes gescoutet und ihm auch die Nummer 1 auf dem Trikot gegeben.

Ein mitspielender Torwart, stark mit dem Fuß, sicher im Passspiel, reaktionsschnell auf der Linie. Viele Experten halten ihn als Fußballer für noch besser als Neuer. "Marc ist jung, aber schon so komplett, der perfekte Torwart für unsere Spielweise", sagt auch Trainer Luis Enrique. Und trotzdem holte Barca mit Bravo aus San Sebastian einen erfahrenen Torwart.

Dass der 31-Jährige in der Liga spielt, hat sicher auch damit zu tun, dass ter Stegen die ersten beiden Spiele der Saison aufgrund einer Verletzung verpasste und Bravo seitdem souverän agiert. Ob Enrique auch in der kommenden Saison die Einsätze unter seinen Torhüter aufteilt oder ob er sich doch für einen entscheidet, ist im Moment offen.

Ewige Nummer zwei hinter Neuer?

Noch kann ter Stegen von einem erfolgreichen Schritt ins Ausland sprechen, der ihn sportlich wie menschlich weiterbringt. Auf Dauer wird er aber einen festen Platz im Tor brauchen, auch an Wochenenden, um alle Wünsche und Vorstellungen, die er mit seinem Wechsel verbunden hat, zu verwirklichen.

Der 23-Jährige gilt als Nummer eins in der Thronfolge der Nationalmannschaft nach Manuel Neuer. Wobei ter Stegen ein ähnliches Schicksal droht wie Prinz Charles, der im britischen Empire auch zum ewigen Kronprinzen geworden ist, weil es einfach keinen Nachfolger braucht.

Neuer ist erst 29 Jahre alt, nach allgemeiner Lesart hat er damit das beste Torhüteralter noch gar nicht erreicht. Außerdem zwingt ihn sein Ehrgeiz dazu, selbst bei Spielen gegen Gibraltar zwischen den Pfosten zu stehen.

"Das Problem für die Jungen ist ja: Wir suchen zurzeit gar keine Nummer eins", sagte Bundestorwarttrainer Andreas Köpke der "Süddeutschen Zeitung", "und bei Manuel Neuer gehe ich davon aus, dass er mindestens noch zwei Turniere spielt." Und selbst nach der WM 2018 wäre er erst 32.

Umbruch beim DFB

Auch ter Stegen hält Neuer für den besten Torhüter der Welt und sieht sich aktuell in keinem direkten Konkurrenzverhältnis. Langfristig soll sich das aber nicht nur aus Sicht ter Stegens ändern.

Beim DFB wollen sie das Gefälle zwischen Nummer eins und Nummer zwei auf Dauer deutlich verringern, weshalb auf der Torhüterposition im Sommer ein Umbruch stattfinden wird. Nach der U21-EM werden ter Stegen und sein gleichaltriger Rivale Bernd Leno in die A-Nationalmannschaft aufrücken und Roman Weidenfeller und Ron-Robert Zieler ablösen.

Auch Leno hat in dieser Saison einen großen Schritt nach vorne gemacht und sich in der Champions League sowie in den direkten Duellen mit dem FC Bayern ausgezeichnet. Sein größter Befürworter Rudi Völler hat ihn schon mehrmals als "klare Nummer zwei in Deutschland" tituliert.

Deutsches Duell im Clasico?

Das Verhältnis von Leno und ter Stegen gilt als nicht gerade einfach. Seit Jahren marschieren beide gemeinsam durch die U-Nationalmannschaften und haben sich dabei Vergleiche mit Oliver Kahn und Jens Lehmann erarbeitet.

Es ist also nicht ganz frei jeder Ironie, dass ausgerechnet Barcas ewiger Rivale Real Madrid um Leno buhlt und ihn als möglichen Nachfolger von Iker Casillas auf dem Zettel hat. Bevor es im Clasico aber zu einem deutschen Torhüterduell kommt, muss sich auch ter Stegen erstmal bei Barca als Liga-Torwart etablieren.

Der Einzug ins Finale und der Titelgewinn im Olympiastadion in Berlin wären zumindest schon mal gute Argumente für die kommende Saison.

Marc-Andre ter Stegen im Steckbrief

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