Mythos in neuem Gewand

Von Daniel Reimann
Montag, 11.05.2015 | 16:13 Uhr
Zwei große Gesichter des FC Barcelona: Andres Iniesta und Xavi
© getty
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Die Transformation des FC Barcelona ging auch an Andres Iniesta nicht spurlos vorbei. Doch trotz Umstellung und Kritik ist sein Wert fürs Team auch vor dem Rückspiel gegen den FC Bayern München (Di., 20.45 Uhr im LIVE-TICKER) noch immer gewaltig. Bleibt die Frage: Wann ereilt auch ihn Xavis Schicksal?

Im Nachhinein war es einer der Lichtblicke einer Saison, die als historisches Debakel Barcelonas in die Geschichte eingehen sollte. In einer Spielzeit, die Barca als Tabellensechster abschloss, so schlecht wie in den 15 Jahren zuvor nicht. In der Saison 2002/2003 war es, als Xavi Hernandez und Andres Iniesta zum ersten Mal gemeinsam als Profis auf dem Platz standen.

Gut 13 Jahre später haben sie zusammen über 1300 Spiele für die Blaugrana absolviert, dazu knapp 240 Länderspiele für Spaniens Nationalmannschaft. Mit Barca und Spanien holten sie 24 Titel. "Xaviniesta" war eine Symbiose aus Spielfreude und Genialität.

Ein Duo, das für endlose Passstafetten auf engstem Raum und Dominanz durch Ballbesitz stand. Es war der Inbegriff des Tiki-Taka. Jeder für sich eine Waffe, doch erst gemeinsam so spektakulär einzigartig. Xavi, das passsicherste Mittelfeldgenie seiner Zeit. Iniesta, der Ballstreichler mit dem besonderen Blick für Räume. Zusammen waren sie das Gesicht einer lange währenden katalanischen und spanischen Dominanz.

Im vergangenen Jahr jedoch erlebte jene Dominanz mit Spaniens kolossalem WM-Aus und Barcelonas titelloser Saison ihr (vorübergehendes) Ende. So auch der Mythos Xaviniesta, der schon zuvor allmählich an Glanz eingebüßt hatte. Über ein Jahrzehnt lang gab es sie quasi nur im Doppelpack, doch mittlerweile existiert das einst so kongeniale Duo nicht mehr in seiner einstigen Form.

Umstellung, Kritik - Krise?

Nach Pep Guardiolas Abschied im Jahr 2012 hat es lange gedauert, bis sich auch Barcelona selbst vom Guardiola-Fußball verabschiedet hatte. Weder Tito Vilanova noch Tata Martino waren in der Lage, Barca ein neues und gleichzeitig erfolgreiches Gesicht zu geben. Erst Luis Enrique, der einst Guardiola als Trainer der 2. Mannschaft nachfolgte, vermochte dies.

Doch während Xavi in wichtigen Spielen oft nur noch auf der Bank sitzt, zählt Iniesta auch unter Enrique zum Stammpersonal - wenngleich der neue Coach eifriger rotiert als seine Vorgänger. Da Iniesta insgesamt ein Jahr lang ohne Tor und Vorlage blieb, wurde ihm im April jedoch eine sportliche Krise angedichtet.

Barca in der Taktikanalyse: Was vom Guardiola-Fußball übrig blieb

Zweifel wurden laut, ob der mittlerweile 31-Jährige ähnlich wie sein Pendant den Zenit schon überschritten habe. Ob er in Sachen Spieltempo und Intensität überhaupt noch mithalten könne.

11Freunde fragte in einem Artikel: "Was ist los mit Andres Iniesta?" Der Mythos Iniesta trug erste Kratzer davon. Dabei lässt sich seine bescheidene Scorer-Ausbeute nicht bloß auf sein fortgeschrittenes Alter und Enriques Systemänderungen zurückführen.

Ein Hauch von Xavi

Zwar ist Enrique vom Ballbesitzfußball, auf den sich Barcelonas Gegner zum Ende der Guardiola-Ära immer besser eingestellt hatten, abgerückt, um seinem Team wieder mehr Variabilität zu verleihen. Enriques Barca beherrscht nun beide Stilmittel: Erdrückende Dominanz mit Ball sowie ein überfallartiges Umschaltspiel.

Mit Luis Suarez und Neymar hat der Verein in der Post-Pep-Ära zwei Waffen hinzugewonnen, die offensive Unberechenbarkeit zelebrieren wie nur wenige ihrer Zunft. Schon seit der Ankunft des Brasilianers zu Saisonbeginn 2013 wird Iniesta auch nicht länger als Teilzeit-Linksaußen gebraucht, wie es zuvor noch der Fall war. Doch erst unter Enrique änderte sich Iniestas Rolle noch einmal grundlegend.

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Seit knapp einem Jahr übernimmt der Spanier auch zunehmend Aufgaben, die seinem einst unverzichtbaren Nebenmann Xavi zukamen. Iniesta denkt mittlerweile defensiver und sichert häufiger ab, um dem Offensivtrio den Rücken freizuhalten.

Da sich Neymar, Suarez und Messi auch oft selbst die Bälle tiefer abholen, sind sie auch nicht mehr ganz so stark auf die genialen Pässe von Iniesta angewiesen. Meist bedient sich das Trio ohnehin gegenseitig.

"Noch immer eine typischer Barca-Fußballer"

So sieht es auch Gaizka Mendieta, der in Iniestas Debüt-Saison das Trikot der Blaugrana trug. Im Gespräch mit Goal sagte er: "Der wichtige Ball aus dem Mittelfeld kommt nicht mehr so häufig. Iniesta findet sich stattdessen an anderen Stellen des Platzes wieder, er ist häufiger in der eigenen Hälfte und führt mehr Zweikämpfe."

Eine sportliche Krise kann der Ex-Profi nicht erkennen: "Er stellt sich darauf hervorragend ein. Er ist ein sehr schlauer Spieler und er ist noch immer ein typischer Barcelona-Fußballer."

Auch ohne die Scoring-Statistiken von einst hat Iniesta noch immer einen enormen Wert für Barcelonas Spiel. Er selbst will nichts von einem vermeintlichen Formtief in der laufenden Saison wissen: "Meine Zahlen sind in dieser Saison nicht gut, überhaupt nicht gut. Aber ich habe mein Spiel nie allein über die Statistiken definiert. Ich bin trotzdem ziemlich zufrieden mit meinen Leistungen."

An Spektakel verloren - doch nicht an Wert

Dass er auch in neuer Rolle weder seinen explosiven Antritt noch sein geniales Gefühl für Ball und Räume verloren hat, bewies er im Viertelfinal-Rückspiel gegen Paris St.-Germain eindrucksvoll. Er lieferte sein bestes Saisonspiel ab, wurde von SPOX zum Star des Spiels gekürt. Bei der Vorlage zum 1:0 zeigte er, dass der alte Iniesta noch immer in ihm steckt.

Tief in der eigenen Hälfte löste er sich geschickt vom nahenden Gegenspieler Yohan Cabaye, anschließend ließ er Edinson Cavani und Marco Verratti ins Leere laufen. Seinen 50-Meter-Lauf schloss er mit einem perfekt getimten Pass auf Neymar ab, mit dem er dessen Gegenspieler David Luiz ideal auf dem falschen Fuß erwischte. Der Rest war ein cooler Abschluss des Brasilianers.

Auch wenn solche Szenen mittlerweile seltener sind als noch in den Jahren zuvor, ist Iniesta noch immer ein Grundstein von Barcelonas Erfolg. Der Mythos Iniesta hat gewiss an Spektakel verloren, nicht jedoch an Stellenwert für sein Team.

Die Uhr tickt...

Allerdings drängt sich auch beim 31-Jährigen die Frage auf, wann ihn das Schicksal seines Teamkollegen Xavi ereilt. Der ist schon jetzt in wichtigen Partien oft nur zweite Wahl. In der K.o.-Runde der Königsklasse spielte er nicht ein einziges Mal von Beginn an. Seine Uhr bei Barcelona scheint abzulaufen. Im Sommer wird Xavi das Kapitel Barca wohl nach knapp 25 Jahren schließen und wie einst Guardiola nach Katar wechseln.

Auch an Iniesta beginnt der Zahn der Zeit gemächlich zu nagen. Auffällig oft setzten ihn diese Saison kleinere Wehwehchen außer Gefecht. Knie-, Rücken- und Wadenprobleme kosteten ihn insgesamt acht Partien. Ohnehin absolvierte der Spanier lediglich fünf Ligaspiele noch über die volle Distanz. Alterungssymptome sind unübersehbar, wenn auch noch nicht so prägend wie im Fall Xavi.

Wie viele Spielzeiten Iniesta noch auf Barca-Niveau absolvieren kann, bleibt unklar. Klar scheint jedoch: Es wird die letzte an der Seite seines langjährigen Weggefährten sein. "Meine Karriere verlief praktisch an seiner Seite", sagt Iniesta über seinen Kollegen. Erstmals nach 14 Jahren drohen sich diese Wege zu trennen - und der Fußball eines seiner genialsten Duos auch offiziell zu verlieren.

Andres Iniesta im Steckbrief

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