Jese Rodriguez bei Real Madrid

Bank und Basta

Von Daniel Reimann
Dienstag, 10.03.2015 | 10:57 Uhr
Der Moment des Schreckens vor etwa einem Jahr: Sead Kolasinac trifft Jese - das Kreuzband reißt
© getty
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Jese Rodriguez galt bei Real Madrid einst als der nächste Raul - dann kam Sead Kolasinac. Vor dem Achtelfinalrückspiel gegen Schalke 04 (20.45 Uhr im LIVE-TICKER) durchlebt er die schwerste Zeit seiner noch jungen Karriere. Droht ihm das Schicksal seiner prominenten Vorgänger?

Die spanische Medienlandschaft weiß immer wieder zu überraschen. Sei es in Form ihrer Polemik oder Parteinahme, ihrer Detailversessenheit oder ihres Hangs zum Heldenepos. Doch darüber hinaus sind spanische Medien auch ein Sammelbecken für freiberufliche Lippenleser.

Jeder Ausruf eines Spielers, jede Konversation mit dem Coach - mit allen Äußerungen läuft man Gefahr, hinterher unter der Lippenleserlupe entlarvt zu werden.

So kommt es, dass Spieler sich bisweilen auf dem Platz die Hand vor den Mund halten, um hinterher vor möglichen Unterstellungen sicher zu sein. Auf diese Weise tauschten beispielsweise schon Lionel Messi und Pepe Nettigkeiten aus, deren Inhalt für niemanden erkennbar sein sollte.

25 Sekunden Enttäuschung

Als Real Madrid am 22. Februar in Elche gastierte, waren die Lippenleser einmal mehr gefragt. Die späte Einwechslung des sichtlich enttäuschten Jese Rodriguez wurde akribisch dokumentiert. Kurz vor Schluss, nachdem erst Illaramendi und Alvaro Arbeloa eingewechselt worden, rief Trainer Carlo Ancelotti Jese zu sich.

Der entledigte sich auf der Bank seiner Trainingsjacke und schimpfte in Richtung Fernando Hierro: "Das kann er doch nicht machen. Wirklich nicht. Ich mache mich seit 40 Minuten warm." An der Seitenlinie fragte er den vierten Offiziellen mehrmals: "Wie lange noch?"

Insgesamt viereinhalb Minuten lang musste Jese warten, bis das Spiel endlich wieder unterbrochen war. Schließlich kam er für Karim Benzema. 25 Sekunden joggte er über den Platz. Ohne Ballkontakt. Dann pfiff Schiedsrichter Ignacio Iglesias ab und Jese rannte auf schnellstem Wege in die Katakomben. "Ich habe gewechselt, um Zeit von der Uhr zu nehmen", erklärte Ancelotti.

Kreuzband-Operationen statt Weltmeisterschaft

Die Äußerung spricht Bände über das aktuelle Standing von Jese. Der Spanier kommt diese Saison auf insgesamt 202 Einsatzminuten in der Liga. Nicht ein einziges Mal spielte er durch.

Dabei war Jese einst die größte Sturmhoffnung von Real Madrid Castilla, der zweiten Mannschaft, seit Raul. Er war Liebling der Fans, sollte die neue Identifikationsfigur des Vereins werden. Vergangene Saison schaffte der Top-Torschütze von Castilla den Durchbruch im Profiteam. Dank Verletzungen von Gareth Bale und einer Sperre von Ronaldo kam er zu regelmäßigen Einsätzen.

Mit einer Ausbeute von insgesamt 14 Scorerpunkten schoss er sich sogar in den Fokus von Nationaltrainer Vicente del Bosque. Zumindest für den erweiterten WM-Kader schien er gesetzt, da er im Gegensatz zu manchem Konkurrenten auf seiner Position in Top-Form war.

Doch dann, vor ziemlich genau einem Jahr, begann die wohl schmerzhafteste Epoche seiner noch jungen Karriere: Kreuzbandriss, Infektion, erneute Operation und obendrein ein Feuer in der eigenen Wohnung kennzeichneten den tragischen Verlauf des weiteren Jahres. "Es waren viele Monate Leidenszeit", sagte er nach seinem Comeback im Dezember.

Kein Vorbeikommen an BBC

An jenem Tag, beim 5:0 gegen Cornella, bestritt Jese erstmals nach gut acht Monaten Zwangspause wieder ein Pflichtspiel. Einwechslung plus Tor in einem sportlich vollkommen nichtigen Pokal-Rückspiel - kurzzeitig schien die Welt wieder in Ordnung.

"Ich bin so glücklich darüber, dass ich zurück bin und getroffen habe. Mein Tor widme ich den Fans, denn sie haben nie aufgehört mich zu supporten. Sie lieben mich sehr und ich liebe sie", frohlockte er nach dem Spiel. Nichtsahnend, dass seine Leidenszeit auf andere Art und Weise ihre Fortsetzung finden sollte.

Denn obwohl Jese körperlich längst wieder auf der Höhe ist, spielt er für Ancelotti nur eine untergeordnete Rolle. Am "BBC"-Sturm - Bale, Benzema und Cristiano - ist kein Vorbeikommen. "Wenn sie fit sind, beginnen alle drei. Basta!", so die eindeutige Ansage des Trainers.

Sturm-Trio in der Krise

Eine Haltung, die aus verschiedenen Perspektiven bedenklich erscheint. Nach etwa zwei Dritteln der Saison haben alle drei Spieler schon mindestens 36 Einsätze auf dem Buckel. Eine beinahe wahnwitzige Belastung, die sich mit ein wenig Rotation in Liga- oder Pokalspielen schon entspannen ließe. Doch von Schonung will Ancelotti nichts wissen.

Hinzu kommt, dass das Trio seit Bales Ankunft im Sommer 2013 seine erste kollektive Krise durchmacht - wenn man sie denn so nennen will. In den letzten eineinhalb rund Jahren waren BBC für 119 Tore in 53 Spielen verantwortlich. Doch mit der Jahreswende ging es bergab. Lag der Toreschnitt 2014 noch bei 2,2 pro Spiel, ist er in diesem Jahr auf 1,2 gesunken. Bale wartet gar schon seit sieben Ligaspielen auf einen Treffer. Oder, wie es die katalanische Presse gerne betont: Lionel Messi kommt 2015 alleine auf mehr Treffer (18) als BBC (15).

Wie verhältnismäßig ungefährlich das Triumvirat derzeit agiert, wurde bei der jüngsten Pleite in Bilbao deutlich: Exakt einen Schuss aufs Tor gab es von BBC. Selbst Ancelotti erklärte einsichtig: "Wir finden im Angriff keine Verbindung. Unser Problem ist die Offensive."

Tatsächlich ist seine Offensivabteilung bisweilen vom Spiel wie abgeschnitten. Einerseits weil mit James Rodriguez und Luka Modric zwei kongeniale Spieler fehlen, die die Stürmer von den zentralen Halbpositionen aus regelmäßig hervorragend in Szene setzen können. Andererseits wirken Bale, Ronaldo und Benzema derzeit oft lethargisch, egoistisch und passiv.

Negredo, Soldado, Morata - Jese?

Dennoch sieht Ancelotti wenig Handlungsbedarf. Eine Pause für den formschwachen Bale wäre ein Tabubruch. Bale ist der teuerste Transfer der Vereinsgeschichte, Marketing-Cash-Cow und oft eine Garantie für Fußballspektakel in Höchstgeschwindigkeit. Sein Platz in der Startelf ist genauso unantastbar wie der Ronaldos. Und Benzema macht seit dem vergangenen Jahr die stärkste Phase seiner Karriere durch.

Also verleiht Ancelotti seinem Trio selbst in Schwächephasen eine Stammplatzgarantie. Für alle drei ist es die größtmögliche Rückendeckung - doch für den jungen Jese ein Schlag ins Gesicht. Er war der erste seit langem, dem man tatsächlich die langfristige Etablierung bei den Profis zugetraut hatte. Juan Mata, Alvaro Negredo, Roberto Soldado oder Alvaro Morata war dies nicht gelungen.

Nach seinem rasanten Aufstieg ist Jeses Karriere erstmals längerfristig ins Stocken geraten. Nun wird auch in seinem Fall spekuliert, ob er bei Real nochmal die Kurve kriegt - oder wie seine prominenten Vorgänger das Weite sucht.

Alles begann gegen Schalke

Es wird bereits über einen Abschied oder zumindest eine Leihe diskutiert. Dass er in der entscheidenden Phase der Saison plötzlich mehr Einsatzzeiten bekommt, scheint angesichts der jüngsten Äußerungen von Ancelotti höchst unwahrscheinlich.

Und so wird Jese auch in der Champions League gegen Schalke 04 nur auf der Bank sitzen. Vielleicht ist er in diesem einen Fall sogar ein wenig froh darüber. Denn die Erinnerungen an sein letztes Aufeinandertreffen mit S04 stehen in einem tragischen Licht. Es war im Achtelfinal-Rückspiel gegen Königsblau, als ihm Sead Kolasinac einen Kreuzbandriss bescherte und damit seinen Leidenszeit einleitete.

In den spanischen Medien war übrigens - ganz frei von jeglicher Polemik - zu lesen: "Ein Holzkopf, verkleidet als Fußballer-Schrank, ist Jese angegangen wie ein Elefant im Porzellan-Laden."

Jese Rodriguez im Steckbrief

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