Ein Leben lang

Montag, 08.12.2014 | 19:31 Uhr
Steven Gerrard konnte noch nie die englische Meisterschaft gewinnen
© getty
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Steven Gerrard und der FC Liverpool stehen vor einem Endspiel an der Anfield Road. Gegen den FC Basel (Di., 20.45 Uhr im LIVE-TICKER) müssen drei Punkte her, sonst droht die Europa League. Besonders der Klublegende zittern die Knie.

Gar nicht so lange ist es her, da versammelte Steven Gerrard seine Mannschaft im Anschluss an den Sieg über Manchester City im Kreis und machte noch einmal allen klar: "This does not fucking slip now." Er sprach von der Meisterschaft, vom ersten Liga-Titel für die Reds seit 24 Jahren. "Das geht verdammt nochmal nicht mehr schief."

Es ging schief. Und wie. Gerrard rutschte aus im entscheidenden Spiel gegen den FC Chelsea, fiel auf die Knie als letzter Mann und Demba Ba spazierte mutterseelenallein auf Liverpools Tor zu. Die Meisterschaft war dahin, Manchester City gewann den Titel. Dem FC Liverpool und Steven Gerrard blieb aber immerhin die Qualifikation für die Champions League.

Ein Privileg, das Monate später schon wieder vorbei sein könnte. Liverpool steht auf Platz drei der Gruppe B, im Endspiel gegen Basel wird ermittelt, wer in das Achtelfinale einzieht und wer den Gang in die Europa League antreten muss. Nicht viel spricht für das Team von Brendan Rodgers. Liverpools Form in der Liga ist noch immer weit von dem entfernt, was man in der letzten Saison sah und gerade in den wichtigen Spielen zittert ausgerechnet die tragende Figur des Reds-Spiels.

Der Bottler aus Liverpool

Steven Gerrard verliert entscheidende Spiele. Aber nicht nur das, er macht auch die entscheidenden Fehler in entscheidenden Spielen. Sein katastrophaler Rückpass 2006 gegen Arsenal, der Thierry Henry alleine vor dem Tor auftauchen ließ, vier Jahre später sein Pass auf Didier Drogba.

Bei der WM in Brasilien im Sommer verlängerte er im Spiel Englands gegen Uruguay kurz vor Schluss beim Stand von 1:1 unglücklich auf Uruguays Luis Suarez, bei der EM 2004 schickte er wieder Henry steil, was Sekunden später zum Elfmeter für Frankreich führte. 2005 im Endspiel des Liga-Pokals verhalf er Chelsea mit einem Eigentor zum 1:1-Ausgleich. Liverpool verlor nach Verlängerung 2:3.

Als "Bottler" oder "Choker" (umgangssprachlich für Versager) hat er in England schon lange seinen Ruf weg. Einzig die Fans des FC Liverpool scheinen so zu ihm zu halten, wie er zu Liverpool hält: Ein Leben lang. 664 Einsätze für die Reds hat er angesammelt, 170 Tore erzielt und weitere 100 vorbereitet. Sechsmal ist er für seine Farben vom Platz gegangen - nie unter Buhrufen.

"Es geht heute nicht um mich"

Dass es derzeit nicht so läuft, wie man es sich vor der Saison vorgestellt hat, hindert den Verein nicht daran, an einer Vertragsverlängerung mit der Klublegende zu basteln. Unterschrieben ist jedoch noch nichts und - ganz Gerrard- will dieser davon auch nichts wissen.

"Der Grund, warum ich auf ihre Frage nicht antworten werde, ist, dass es heute nicht um mich geht, sondern um eine gute Performance des ganzen Teams. Das ist das, was die Überschrift sein sollte", stutzte er nach dem Spiel einen Journalisten zusammen, der ihn nach dem Stand der Verhandlungen fragte.

Dabei ist laut Rodgers ohnehin alles ganz einfach. Gerrard bleibt. Egal wie, aber er bleibt. "Er wird einen unterschriftsreifen Vertrag bekommen und es wird ein gutes Angebot sein. Es geht nicht um das Geld. Er hat so viel Liebe und Leidenschaft übrig für Liverpool, dass Geld absolut irrelevant ist."

Rodgers versäumt Jubiläum

Der Kapitän sieht über viel hinweg. Liverpool ist Herzensangelegenheit für den 34-Jährigen. Immer und immer wieder betont Rodgers: "Steven versteht das." Ob es um die Einsatzzeiten geht oder um Versäumnisse des Trainers, wie etwa beim Spiel gegen Stoke City vor nicht mal zwei Wochen, als Rodgers Gerrard trotz dessen 16-jährigem Klub-Jubiläum nicht in die Startelf berief.

"Ich sprach gestern mit ihm und da erwähnte er es nicht. Ich habe mich schlecht gefühlt, als ich die Kabine betrat und 20 Bilder sah", gab Rodgers nach dem Spiel seinen Fehler zu, aber "Steven versteht das." Genauso wie er versteht, dass er "in einer Phase seiner Karriere angekommen ist, in der er nicht mehr jede Minute jedes Spiels machen wird", wie Rodgers erklärt. "Ich muss von Spiel zu Spiel sehen, wir haben gute Spieler draußen, die frisch sind. Völlig egal, wie gut ein Spieler ist, irgendwann kommt der Zeitpunkt, an dem er seine Räder ausfahren und landen wird. Gerrards Räder sind noch lange nicht ausgefahren, er hat noch eine Menge an Energie."

Ein Spiel später, bei Leicester City, brachte Rodgers seinen Kapitän wieder von Beginn an und Gerrard steuerte zum 3:1-Sieg zwei Assists und ein Tor bei.

"Die Fans kennen mich lange genug"

Zweimal stand die Vereinslegende laut dem "Telegraph" kurz vor einem Wechsel. Einmal 2005, als Chelsea ein verlockendes Angebot vorlegte. Er entschied sich zu einem Verbleib und dem Neuaufbau mit Rafa Benitez. Das zweite Mal 2010, als er gerade 30 war und die Reds eine Saison im Mittelmaß verbracht hatten. Er entschied sich dazu, Roy Hodgson dabei zu helfen, den Klub umzugestalten.

Das gleiche Spiel war es mit Kenny Dalglish und wenig später mit Brendan Rodgers. Alles Trainer, die eine junge Mannschaft aufbauen wollten mit Steven Gerrard als Leitwolf. Jedem Trainer hätte er die Bitte angesichts der Angebote abschlagen können, nur dem Klub konnte er es nicht.

This is Anfield. Egal wer es wie versucht, in Worte zu fassen, Gerrard lebt die Tradition Liverpools vor. So sagt er selbst zur sich verzögernden Vertragsverlängerung: "Ich entscheide, wann ich bereit bin. Es gibt nichts darüber zusagen. Die Fans kennen mich lange genug. Wenn es etwas zu sagen gibt, werde ich aufstehen und sagen, was es zu sagen gibt."

Ein Verein, ein Gesicht

Das hat er schon immer getan. Gerrard ist das Gesicht des Vereins, der Mann, der sich vor die Mannschaft stellt. Auch jetzt dreht sich in den Medien mehr um den Mann aus Whiston, als um Mario Balotelli, der erneut mit einem Tweet für Aufsehen sorgte oder die sportliche Krise. Trotz aller Rückschläge und Fehler, die er gemacht hat, trägt er die Fahne des FC Liverpool.

Das wird er auch gegen den FC Basel tun. Ein Endspiel um das Achtelfinale, vielleicht die letzte Chance auf die K.o.-Phase der Champions League für den langjährigen englischen Nationalspieler. Er wird sein Team wieder einschwören, antreiben bis zum Ende. "This does not fucking slip now." Wenn einer das Team anführen kann, wenn einer genug Erfahrung hat, um Basel zu schlagen, dann Gerrard.

Seine Knie werden ein wenig zittern, wenn er im engen Gang stehen und die Fans 'You'll Never Walk Alone' singen hören wird. Aber spätestens wenn die Hymne der Königsklasse ertönt, wird Stevie G wieder zu dem, den die Reds jetzt brauchen. Kapitän, Führungs- und Identifikationsfigur - mit allen Ecken und Kanten, Stärken und auch Schwächen.

Steven Gerrard im Steckbrief

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