Mittwoch, 10.12.2014

Schalke-Manager Horst Heldt im Interview

"Der Schalker Weg ist alternativlos"

Der FC Schalke 04 braucht am 6. Spieltag der Champions-League-Gruppenphase bei NK Maribor (20.45 Uhr im LIVE-TICKER) einen Sieg, um die Chance auf den Einzug ins Achtelfinale zu wahren. Manager Horst Heldt spricht im Interview vor der Partie in Slowenien über die Dominanz des FC Bayern München, seinen Lösungsansatz zur hohen Spielerbelastung, künftig aufgeblähte Kader und erklärt, weshalb Schalkes Philosophie auch als permanenter Drahtseilakt zu verstehen ist.

Horst Heldt ist seit Juli 2010 beim FC Schalke 04 als Manager im Amt
© imago
Horst Heldt ist seit Juli 2010 beim FC Schalke 04 als Manager im Amt

SPOX: Herr Heldt, nach der besten Rückrunde der Vereinsgeschichte herrschte während der Sommervorbereitung eine ziemliche Ruhe für Schalker Verhältnisse. Wie wird es in der Winterpause zugehen?

Horst Heldt: Anders, vermute ich. Wenn wir es schaffen, in der Champions League zu überwintern, dann wäre ein großer Schritt in die richtige Richtung getan. Vorhersehen kann ich nichts, wissen tue ich aber folgendes: Die Stimmung wird wie immer auch von den Ergebnissen abhängig sein.

SPOX: Sollte sich bis dahin nichts Weltbewegendes tun, wird der FC Bayern München souveräner Herbstmeister. Im Sommer sagten Sie, man müsse es als Schalke 04 für möglich halten, die Bayern von ganz oben wegholen zu können - das dies möglich ist, habe ja schließlich die Vergangenheit gezeigt. Und nun?

Heldt: Ich wurde damals nach den Zielen von Schalke 04 gefragt. Nach einer WM ist es eigentlich traditionell so, dass die Vereine, die viele Spieler abgestellt haben, anfangs auch Probleme haben. Aufgrund dieser Erfahrungen der Vergangenheit dachte ich, dass dies eventuell auch für die Bayern gelte. Anfangs hatte sich das ja auch angedeutet, mittlerweile muss man jedoch konstatieren, dass es sich nicht bewahrheitet hat.

SPOX: Heißt für Schalke?

Heldt: Es ist für jeden Verein nichtsdestotrotz ein lohnendes Ziel, sich zu überlegen, was man tun könnte, um mittelfristig-perspektivisch am Status der Bayern zu kratzen. Wenn man wie wir drei Mal in Serie in die Champions League einzieht, muss man die Freiheit haben, darüber nachzudenken, welchen Reiz man sich für die kommenden Jahre setzen kann - auch wenn es ohne Frage ein hohes Ziel ist.

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SPOX: Wie sehr beschäftigt Sie als Manager von S04 die erdrückende Dominanz der Bayern?

Heldt: Ich wundere mich immer wieder darüber, dass man das wiederholt zum Thema macht. Bayerns Dominanz ist doch nicht neu. Als ich noch Spieler war, standen die Bayern ebenfalls häufig mit großem Vorsprung an Tabellenplatz eins. Das wird auch in Zukunft der Normalfall sein. Doch es gab innerhalb ihrer Dominanz auch immer wieder Ausreißer und es ist mal eine andere Mannschaft Meister geworden.

SPOX: Während die Bayern einsam ihre Kreise ziehen, hat Schalke bereits einen Trainerwechsel hinter sich. Ihr Ex-Trainer Jens Keller sprach im ersten Interview nach seiner Entlassung davon, dass der Job auf Schalke sehr extrem und intensiv war. Halten Sie es in gewisser Weise für normal, dass egal ob im Negativen oder im Positiven ein Job in verantwortlicher Position auf Schalke als extrem empfunden wird?

Heldt: Wir sind alle sehr froh, dass sich so viele Leute mit Schalke 04 beschäftigen, auseinandersetzen und auch identifizieren. Je mehr Leute sich dafür interessieren, desto größer ist die Fokussierung und Thematisierung. Es gibt in der Bundesliga sicherlich Positionen, auf denen alles weniger hektisch wirkt und weniger intensiv begleitet wird. Man muss sich dessen eben bewusst sein - und das war Jens auch. Schalke 04 ist eine große Aufgabe und die hält nicht immer Sonnenscheintage bereit, das ist ganz normal.

SPOX: Inwiefern täte dem Verein in dieser Hinsicht auch eine gewisse Entschleunigung gut?

Heldt: Wir sind weit davon entfernt, uns zu beschweren oder zu jammern, aber ich glaube schon, dass es heutzutage dazu gehört, gerne auch über das Negative zu berichten. Das lässt sich gleichermaßen gut schreiben und verkaufen wie positive Dinge. Wenn es bei manchen Vereinen in gewissen Zyklen nicht optimal läuft, stehen sie eben auch im Vordergrund. Die Gesamtbetrachtung ist insgesamt schon recht oberflächlich geworden, die zentralen Themen bewegen sich oftmals nur noch in einem schwarzen oder weißen Bereich. Die Bereiche dazwischen scheinen nicht mehr interessant zu sein, so dass Recherche oder Ursachenforschung häufig auf der Strecke bleiben.

SPOX: Intensiv soll es bei Königsblau auch in der Winterpause zugehen, wenn der neue Coach Roberto di Matteo das erste Mal die Gelegenheit hat, längere Zeit am Stück mit der Mannschaft zu arbeiten. Ist es für einen Verein mit Mehrfach-Belastung nicht ein Jammer, während der Saison kaum zielgerichtete Trainingseinheiten abhalten zu können?

Heldt: Leider Gottes ist es so, absolut. Wir sind zwar leider früh im DFB-Pokal ausgeschieden, wären wir aber noch dabei, müssten wir aufgrund der zahlreichen Länderspielabstellungen eine Vierfach-Belastung verkraften. Wenn die Bundesliga pausiert, haben wir keine Möglichkeit, unsere Arbeit hier vor Ort auf dem Trainingsplatz besser zu gestalten. Da rennen dann sieben bis zehn Spieler rum und man ist nicht in der Lage, mit der Mannschaft an sich zu arbeiten. Das ist sehr bitter und zieht sich mittlerweile durch große Teile einer Saison. Vernünftiges Training ist eigentlich nur noch in der Sommer- und Wintervorbereitung möglich.

SPOX: Theoretisch besteht ja nicht einmal ein Unterschied darin, ob man während einer Saison aufgetretene Probleme über Trainingsarbeit minimieren möchte oder kontinuierlich Trainingsschwerpunkte abarbeitet.

Heldt: Dazu besteht mittlerweile einfach keine wirkliche Möglichkeit mehr. Während einer laufenden Spielzeit kommt hin und wieder ja auch zum Vorschein, dass sich ein Verein, der nur am Wochenende spielt und wenige Nationalspieler im Kader hat, zumindest für den Augenblick einen Vorteil über das Training regelrecht erarbeiten kann. Man ist auch begrenzt in den Möglichkeiten, einen Kader so aufzublähen, dass man auf alle Eventualitäten Einfluss nehmen kann.

SPOX: Glauben Sie dennoch, dass 30-Mann-Kader daher künftig häufiger an der Tagesordnung sind als jetzt?

Heldt: Davon bin ich fest überzeugt, jedenfalls was die Vereine mit der angesprochenen Vierfach-Belastung angeht. Bayern, Dortmund, auch Leverkusen und wir mussten in den letzten Jahren mit die größte Belastung aushalten - und alle haben jetzt enorme Verletzungssorgen. Deshalb glaube ich, dass man dort künftig anders denken wird. Andererseits betrifft diese Flut an Verletzungen ja die gesamte Bundesliga. Gefühlt liest man jeden Tag von einer neuen Verletzung.

SPOX: Ein solch großer Spielerkader birgt doch aber auch Probleme bei der kurz- und mittelfristigen Planung.

Heldt: Das kommt hinzu. Man darf ja nicht nur für ein Jahr planen, sondern muss mindestens die nächsten drei im Blick haben und hat dennoch keine Garantie für nichts. Es würde einen Verein natürlich aus dem Gleichgewicht werfen, wenn man mit einem 30er-Kader plötzlich eine Saison lang nicht international spielt. Dann schwinden die Einnahmen, die Verträge laufen aber trotzdem weiter und die Gehälter müssen bezahlt werden. Ganz zu schweigen von möglichen atmosphärischen Problemen, die auftreten können, wenn der Kader so groß ist und nur elf spielen können.

Seite 1: Heldt über Bayerns Dominanz, Entschleunigung bei S04 und 30-Mann-Kader

Seite 2: Heldt über Belastungsprobleme, den S04-Weg und das Thema Meisterschaft

Interview: Jochen Tittmar

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Jochen Tittmar(Redakteur)

Jochen Tittmar, Jahrgang 1982, arbeitet seit 2008 in der Fußball-Redaktion für SPOX.com. Aufgewachsen in der Nähe von Stuttgart, ging es für ihn nach dem Studium der französischen sowie englischen Literatur und Sprache an der Universität Konstanz mit einem Praktikum beim Kicker weiter. Bei SPOX verantwortet er u.a. die Berichterstattung über Dortmund und Schalke. Zudem koordiniert er redaktionelle Projekte.

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