Diesmal ohne Tarnmantel

Mittwoch, 17.09.2014 | 12:00 Uhr
Roman Neustädter stand bislang in allen Pflichtspielen der Saison auf dem Feld
© getty
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Schalke 04 steckt nach dem schwachen Saisonstart und dem Aus im Pokal erneut knietief in der Krise. Mit Chelsea wartet in der Champions League (ab 20.45 Uhr im LIVE-TICKER) nun ausgerechnet das heißeste Team Europas. Personell geht der Verein am Stock, zudem reißt die Kritik am Trainer seit Monaten nicht ab. Dabei ist die Situation eigentlich bekannt.

Klaas-Jan Huntelaar ist ein Spieler, der kein Blatt vor den Mund nimmt. Die meisten Dinge, die ihm auf der Seele liegen, spricht er offen an. Ob angenehm oder nicht. Als der Niederländer am Samstag im Borussia Park nach der herben 1:4-Pleite gegen Gladbach in der Mixed-Zone auftauchte, merkte man ihm seinen Zorn an. Ein Donnerwetter sollte folgen. "Gladbach hätte auch zehn oder zwölf Tore machen können. Wenn der Gegner das kann, läuft vieles falsch", raunte Huntelaar. "Es wird Zeit, dass wir das endlich ändern. Es nervt."

Aussagen, die in dieser Deutlichkeit meist erst im Verlauf der Saison artikuliert werden - und erst recht nicht nach dem dritten Spieltag. Die Probleme seien nicht anhand einer Sache zu erklären, so Huntelaar weiter, vielmehr "ist es einfach alles". Klare Worte nach lediglich vier Pflichtspielen. Noch nach dem Remis gegen den FC Bayern am zweiten Spieltag war trotz der Pleite im Pokal ein Anflug von Aufbruchsstimmung zu spüren. Es solle der Startschuss für eine ab sofort starke Schalker Saison werden. Vor den eigenen Fans ließ man sich nach dem Punktgewinn feiern, als hätte man soeben den Rekordmeister weggebügelt.

Doch nach der Länderspielpause zerstörte das Team in 90 Minuten die neu gesäte Hoffnung komplett. Vier Gegentore setzte es gegen ambitionierte Gladbacher, die den Schalkern in sämtlichen fußballerischen Belangen überlegen waren. Die Leistung der Königsblauen war alarmierend.

CL-Power-Ranking: Schalke nur knapp in den Top 20

Schwacher Saisonstart - wie zuletzt

"Wir haben die taktischen Vorgaben katastrophal umgesetzt und müssen uns fragen, ob jeder alles gegeben hat. Ich glaube nicht", erklärt Kapitän Benedikt Höwedes. Die Offenheit ehrt die Spieler. Eine Reaktion auf dem Platz bleibt bislang jedoch aus. "Jeder muss sich jede Woche aufs Neue fragen, ob er alles für das Team getan hat, alles gegeben hat, ob wir genug Einsatz und Wille an den Tag gelegt haben. Ich glaube nicht, dass das der Fall war. Sonst hätten wir nicht vier Tore kassiert."

Schalke steht somit nach drei Spieltagen mit einem Punkt da, im Pokal scheiterte man zudem in der ersten Runde am Drittligisten Dynamo Dresden. Die Pleite gegen Gladbach und vielmehr die Leistung der Mannschaft gilt als vorzeitiger Tiefpunkt eines komplett verkorksten Saisonauftakts. Das ist Spielern, Trainer und Verantwortlichen bewusst und wird offen angesprochen. "Ein Punkt aus drei Spielen und im Pokal draußen - das ist ein Fehlstart, da brauchen wir nichts zu beschönigen. Das ist weit unter unserem eigenen Anspruch", bestätigt Höwedes.

Dabei dürfte den Schalkern die Situation durchaus bekannt vorkommen. Auch in der letzten Saison stand man in der Liga nach drei Spielen mit gleichem Punktestand da. Doch vor allem das Erfolgserlebnis der gemeisterten CL-Qualifikation gegen PAOK Saloniki warf damals den Tarnmantel über den schlechten Ligastart. Ein Aufatmen im Umfeld des Klubs war zu spüren, da die Millionen aus Europa sicher waren. Die kritische Situation in der Liga werde man schon noch irgendwie richten.

Verletzungsmisere auf vielen Positionen

Wenn aktuell nach Gründen für die Misere gesucht wird, folgt fast automatisch der Verweis auf die lange Verletztenliste des Klubs. In nahezu allen Mannschaftsteilen fehlen beziehungsweise fehlten zuletzt entscheidende Spieler. So muss beispielsweise in der Abwehr nach den Ausfällen von Joel Matip, Atsuto Uchida und Sead Kolasinac immer wieder improvisiert werden. Gegen Gladbach musste Christian Clemens auf der rechten Abwehrseite aushelfen, hinten links agierte Dennis Aogo, der seit dem 13. Spieltag der letzten Saison kein Spiel mehr bestritt und nach seinem Kreuzbandriss weit von seiner Normalform entfernt ist.

Zudem reiht sich nun auch Benedikt Höwedes mit einem Teilanriss des Hüftbeugers ins Lazarett ein und verschärft die Personalnot vor allem in der Innenverteidigung nochmals immens. Somit bilden Kaan Ayhan und Marvin Friedrich aller Voraussicht nach die Innenverteidigung gegen Chelsea. "Es kommt wirklich knüppeldick. Ich nehme zum Spiel gegen Chelsea jeden mit, der laufen kann", so Trainer Keller.

In der Offensive entspannt sich die Verletzungsmisere hingegen etwas. Die angeschlagenen Stützen des Teams wie Julian Draxler, Klaas-Jan Huntelaar und Max Meyer mussten zuletzt kürzertreten, stehen aber vor der Rückkehr ins Team. Die beiden Zugänge Eric-Maxim Choupo-Moting und Sidney Sam sollten die Stützen zuletzt ersetzen, waren in der frisch zusammengewürfelten Offensive allerdings überfordert. Lediglich Jefferson Farfan und Leon Goretzka fallen weiterhin aus.

Diskrepanz zwischen Realität und Wirklichkeit

Im Verein registriert man die Personalnot mit Sorgen, versteckt sich allerdings nicht dahinter. "Es ist eine angespannte Situation mit den vielen Ausfällen", sagte Sportdirektor Horst Heldt nach dem Gladbach-Spiel. "Doch die Fehler, die wir machen, sind nicht daraus geschuldet, dass wir Spieler nicht zur Verfügung haben. Es bringt nichts, sich Alibis zu verschaffen. Das ist immer der falsche Weg."

Heldt will dem Team kein Alibi bieten, doch vor allem die Trainerdiskussion und die damit verbundene Unruhe schadet dem Team auf Dauer offensichtlich. Diese lodert im Umfeld eigentlich seit dem Amtsantritt des damals noch recht unbekannten Kellers im Dezember 2012. Die Entscheidung, den damaligen No-Name-Trainer als Cheftrainer zu installieren, passte für viele Fans nicht mit dem Selbstverständnis des Klubs zusammen. Zudem hatte Keller stets mit seinem persönlichen Image zu kämpfen. Während Erzrivale Dortmund mit Jürgen Klopp einen Sympathieträger par excellence hat, steht auf Schalke ein medial vor allem in der Anfangsphase verklemmt wirkender Coach an der Seitenlinie. Zähneknirschend registrierten die Fans dies, duldeten es allerdings, solange die Ergebnisse stimmten.

Doch der hin und wieder aufblitzende Größenwahn der Vereinsbosse macht Trainer Keller die Arbeit zusätzlich schwer. Knapp jedes halbe Jahr stellen sich Verantwortliche vor die Öffentlichkeit und sprechen von oft utopisch wirkenden Plänen. So nahm Heldt bei der Jahreshauptversammlung im Mai das Wort "Meisterschaft" in den Mund. Im Selbstverständnis ordnet man sich eventuell noch dem FC Bayern unter. Mehr Vereinen aus der Bundesliga jedoch nicht.

Ausgerechnet gegen Chelsea

Dass Kellers Stuhl nun bereits nach vier Pflichtspielen wackelt, verwundert auf den ersten Blick. Vielmehr hätte sich Keller nach den Ergebnissen der letzten Jahre eigentlich Kredit verdient, schließlich führte er Schalke zuletzt einmal auf Rang vier, einmal auf Rang drei und somit zwei Mal in die Champions League. Der Saisonstart mit einem Punkt aus drei Spielen und dem Aus im Pokal ist sicherlich nicht optimal, sollte den Kredit des Trainers jedoch eigentlich nicht komplett verbraucht haben. Während gestandene Spieler wie Roman Neustädter sich zuletzt kategorisch hinter den Coach stellten und die Kritik am Trainer als "lächerlich" abstempelten, fehlte die komplette Rückendeckung der Kluboberen.

Dass Schalke 04 nun auswärts gegen das aktuell wohl heißeste Team Europas antreten muss, ist sicherlich sowohl für Keller als auch für das Team alles andere als optimal. Dessen ist sich auch die Vereinsführung bewusst und dämpft bereits weit vor dem Spiel die Erwartungshaltung. "Ich gehe nicht davon aus, dass wir Chelsea mal eben mit 4:0 schlagen werden. Aber ich verlange eine Reaktion der Mannschaft und führe keine Trainerdiskussion", so Schalke-Präsident Clemes Tönnies im Gespräch mit "Der Westen". Auch Keller ist lange genug im Geschäft, um sich zu Kampfansagen hinreißen zu lassen. Man wolle sich an der Stamford Bridge gut präsentieren, betonte er am Anfang der Woche.

Alles andere als eine Niederlage wäre vor dem Hintergrund der Personalsituation in der Verteidigung sicherlich eine dicke Überraschung. Sollte sich Schalke halbwegs geschickt aus der Affäre ziehen, wäre eine Pleite somit sicherlich kein Beinbruch. Vielmehr wandert dann der Blick bereits in Richtung Bundesliga. Dort stehen aufgrund der Englischen Woche innerhalb von acht Tagen drei Spiele an. Und das letzte gilt als wichtigstes der Saison: das Heimspiel gegen Borussia Dortmund.

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