Red Bull Salzburgs Torjäger im Portait

Soriano - El Kapitan

Von Johannes Mittermeier
Sonntag, 24.08.2014 | 20:07 Uhr
Ja! Im Hinspiel gegen Malmö steuerte Jonatan Soriano ein Tor zum Sieg bei
© getty
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Vor nicht allzu langer Zeit verknüpfte man mit Jonatan Soriano nur diesen Elfmeter, der es zu unrühmlicher Berühmtheit brachte. So ändern sich die Zeiten: Inzwischen ist der Spanier Torschützenkönig und unverzichtbare Führungsfigur in Salzburg. Jetzt will er mit Red Bull endlich in die Champions League.

Es war im Juli 2011 beim Audi-Cup, einem an sich bedeutungslosen Show-Turnier vor Saisonstart. Der FC Barcelona gastierte in München und gewann. Ein gewisser Thiago Alcantara schoss sich mit zwei Toren in Bayerns Blickfeld, Pep Guardiola signalisierte erstmals, sich ein Engagement in Deutschland vorstellen zu können, und Jonatan Soriano verletzte sich in einem Zweikampf mit Anatoliy Tymoshchuk am Kreuzband.

Eine Fraktur mit Folgen. Im Winter 2011/12 wechselte der Spanier zu Red Bull nach Österreich, heute gilt er als Architekt und Autorität des Salzburgers Vortrags. Hans Krankl verweist auf die Barca-Schule: "Alles technisch perfekt und in unglaublicher Schnelligkeit", sagt der Ex-Stürmer zur "Sportwoche". Peter Pacult, ein weiterer Torjäger früherer Tage, interpretiert die Nominierung für München 2011 so: "Daran sieht man, wie viel sie ihm dort zugetraut haben."

Oder auch nicht. Als Mitzwanziger war dieser Jonatan Soriano Casas nämlich Torschützenkönig der zweiten spanischen Liga. Das ist die Crux: Es war die zweite spanische Liga.

43 Spiele, 48 Tore

Dass der 28-Jährige nun in Salzburg brilliert, ist die konsequente Fortsetzung seiner Karriere der zweiten Anläufe. Mit 15 kam der Mann aus El Pont de Vilomara zu Espanyol Barcelona, wurde mehrmals verliehen, zu UD Almeria, zu Polideportivo Ejido, zu Albacete Balompie. 2009 schließlich nahm ihn das große Barca in den B-Kader auf, und Soriano, der Angreifer, profilierte sich als Fließbandtorschütze. Er trainierte mit Messi, Xavi und Iniesta, doch mehr als der Schnupperkurs beim Audi Cup sprang nicht heraus. Dann rasselte er mit Tymoshchuk zusammen.

Den ambitionierten Salzburgern kam so einer gerade recht. Erneut brauchte der Südländer eine Weile, sich zu akklimatisieren - Kultur, Klima, Liga, die üblichen Störfaktoren. In der Saison 2012/13 gelangen Soriano unter dem Trainer Roger Schmidt stattliche 26 Tore, die vergangene Spielzeit wurde zu einer dauerleuchtenden Sternstunde: 28 Spiele, 31 Tore, 17 Assists.

Das Double mit Salzburg, fünf Treffer im Cup, dazu Torschützenkönig der Europa League, obwohl Red Bull bereits im Sechzehntelfinale scheiterte. Bis dahin schaffte Soriano acht Tore in sieben Spielen, darunter einen gloriosen 50-Meter-Heber gegen Ajax Amsterdam. Wettbewerbsübergreifend markierte der Stürmer 48 Tore. In 43 Partien. Eine phänomenale Quote.

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Gesicht für Pein und Peinlichkeit

Die Kommentatoren überschlagen sich. "Er kann alles, auch ein Spiel lesen", betont Krankl mit Blick auf die 23 Torvorlagen, die sich zur Bilanz addieren. Pacult rühmt Soriano als "kompletten Stürmer", schwer fass - und kaum kontrollierbar.

Es ist die nächste Wende in der Geschichte des Spaniers, denn eigentlich haftete Soriano ein Stempel an, und darauf stand: Elfmeter. Sogar der seriöse "Guardian" spottete vom "miserabelsten Strafstoß, der jemals geschossen wurde". Beziehungsweise: Verschossen. Aus elf Metern zwölf drüber, eine krude Szene, damals, im August 2012. Gegen Rapid Wien hatte Soriano den Ball in den obersten Rang gedroschen, hinterher war er der "Elfer-Trottel", ein Gesicht für Pein und Peinlichkeit.

Diesen Fehlversuch verknüpfte man lange mit Soriano. Dabei wäre das Malheur rational erklärbar gewesen, aber das hätte natürlich die Berechtigung zur Häme geschmälert, und das wollten die wenigsten aus der Internet-Blase. Kurz vor dem Schuss berührte Sorianos Standbein den Ball, das Routineprogramm geriet aus den Fugen, das Resultat war entwaffnend.

Ein Hauch von Roy Makaay

Viele schrieben Soriano ab, Roger Schmidt hielt zu ihm. Der heutige Leverkusen-Coach stärkte sein stürmendes Schwungrad demonstrativ als Elfmeterschütze. Dieser dankte es wenige Wochen später. In Mattersburg verwandelte Soriano zwei Strafstöße, merkte an, "die Ruhe bewahrt" zu haben und durfte sich über Komplimente von Schmidt freuen: "Es zeigt seine Klasse und seinen Charakter, dass er heute die Verantwortung übernommen hat."

Mittlerweile ist Soriano weit mehr als Salzburgs Standardspezialist. Er ist Hirn und Herz, Denker und Lenker, Leader und Rückgrat. Kollegen dient er als Richtschnur, Gegner beeindruckt er. Soriano ist das Elixier von Red Bull Salzburg, unverzichtbarer Bestandteil der Truppe, und seit einem Jahr ist er auch ihr symbolischer Kommandeur.

Trotz mangelnder Sprachfähigkeiten bestimmte ihn Schmidt 2013 zum Spielführer; weil "Johnny einer ist, dem ich hinterherlaufen würde. Das ist für mich die wichtigste Funktion, und nicht, ob er bei der Weihnachtsfeier akzentfrei eine Rede halten kann." Soriano wurde ein neues Etikett verpasst, ein hübsches und ehrrühriges: "El Kapitan".

Der Spanier ist kein typischer Vertreter der Fußball-Branche, die so viele Selbstdarsteller kennt. Er predigt Demut und lebt sie vor. Er schießt Tore und bricht Rekorde. Jüngst glänzte er beim 8:0-Sieg über Grödig mit einem Fünferpack, beeilte sich jedoch, die Lobeshymnen zu dämpfen: "Ich mache nur meinen Job. Der ist, Tore zu schießen." Klingt nach Roy Makaay. Den Ball aus Grödig brachte er übrigens seiner Familie mit.

Zwischen Kreißsaal und Strafraum

Dazu gibt es ohnehin eine kitschig-skurrile Anekdote. Im April 2013 wartete Soriano auf die Geburt seines dritten Kindes. Um 18:36 Uhr kam Tochter Abril zur Welt, sechs Minuten vorher wurde Salzburgs Partie gegen Wolfsberg angepfiffen. Was danach geschah? Laut "sport10.at" meldete sich der stolze Vater mit dieser Textbotschaft beim RB-Pressesprecher: "Die kleine Senorita ist da, wir sind auf dem Weg. Bitte gib Roger Bescheid."

In der Halbzeitpause erreichte Soriano das Stadion, er wärmte sich auf, wurde eingewechselt und schoss drei Tore. Drei. Salzburg gewann 6:2. Soriano hetzte zurück ins Krankenhaus.

Auch Red Bull Salzburg ist auf der Pirsch, die bereits sieben Jahre andauert und am Mittwoch endlich ihr Ende finden könnte. Sechsmal scheiterten die Österreicher am Einzug in die Champions League, die Schreckgespenster heißen Valencia, Donezk, Haifa, Tel Aviv, Fenerbahce. 2012 schieden die Bullen gegen den luxemburgischen Klub F91 Düdelingen aus. Eine Blamage.

Österreich wollte einbürgern...

In diesem Jahr stand RB ebenfalls vor dem Aus, gegen Karabach Agdam, einen Verein aus Aserbaidschan. Jetzt ist Malmö die letzte Hürde vor dem Prestige - und Millionenkessel. "Positiven Druck" verspüre Soriano, sagte er vor den Duellen mit den Schweden. Salzburg legte mit einem 2:1 vor, Soriano erzielte ein prächtiges Freistoßtor. Er zirkelte den Ball rechts an der Mauer vorbei, physikalisch fragwürdig, wie einst Mario Basler.

Selbst die spanische Presse, die nie sonderliches Interesse an ihrem Österreich-Export bekundet hatte, wird plötzlich hellhörig. Die "Marca" tituliert ihn als "Modestürmer Europas", das ist durchaus eine Auszeichnung, auch wenn der Fußball so schnelllebig wie unbarmherzig ist.

Momentan profitiert Jonatan Soriano von dessen Sonnenseiten. Der Erfolg öffnet Türen, gerade auf internationaler Ebene. In Salzburg klammern sie sich an "El Kapitan", der einen Vertrag bis 2017 besitzt, aber Begehrlichkeiten geweckt hat. Unter anderem in der Heimat: Letztes Jahr wurde er in die katalanische Auswahl berufen.

Zwischendurch hatte der österreichische Verband auf seine Einbürgerung geschielt, um die eigene Nationalmannschaft mit Kreativ - und Torjägerblut anzureichern. Sorianos vier Einsätze für die spanische U 21 durchkreuzten die kühnen Pläne. Es wäre auch zu schön gewesen.

Jonatan Soriano im Steckbrief

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