CL-Rückblick: FC Bayern München - Real Madrid: "Roberto Carlos - dieser Idiot"

Von Thomas Gaber
Montag, 23.04.2018 | 20:45 Uhr
Roy Makaay (r.) spielte von 2003 bis 2007 für den FC Bayern München
© getty

Kein Duell in der Champions League bildete in der Vergangenheit so viele Legenden wie das zwischen Real Madrid und dem FC Bayern München (Mi., 20.45 Uhr im LIVETICKER). Im März 2007 fiel ein äußerst ungewöhnliches Tor. Das Phantom hatte es besonders eilig.

"Meine Fresse, beginnt dieses Spiel schlecht. 15 Sekunden, 15 Sekunden, FÜNFZEHN SEKUNDEN. Roy Makaay. Rrrrroy Makaay! Real Madrid ist schon draußen."

Die Stimme des spanischen TV-Kommentators überschlug sich mehrmals, ehe sein Co-Kommentator das Elend der Königlichen personifizierte: "Schau dir das an. Roberto Carlos - dieser Idiot!"

Real Madrid hatte soeben Champions-League-Geschichte geschrieben. Ein Kapitel, auf das der noch immer erfolgreichste Klub der Europapokal-Historie gerne verzichtet hätte. Real Madrid hatte soeben das schnellste Tor in der Königsklasse kassiert.

Makaay vs. 100-Meter-Weltrekordler

Dabei schätzte der TV-Mann die Zeit zwischen dem Anstoß und dem Tor des FC Bayern München noch wohlwollend für Real ein.

Es gibt die unterschiedlichsten Angaben, wie lange Roy Makaay tatsächlich für seinen Treffer am 7. März 2007 im Achtelfinal-Rückspiel benötigte. Die Marca titelte am Tag danach mit den "verdammten 9,9 Sekunden". "Makaay so schnell wie Asafa Powell", schrieb die AS. Der Jamaikaner Powell hatte zu dem Zeitpunkt mit 9,77 Sekunden den 100-Meter-Weltrekord inne.

Letztlich setzte die UEFA dem Stoppuhr-Wahnsinn ein Ende: Das Tor des Phantoms fiel offiziell nach exakt 10,12 Sekunden. Also definitiv deutlich schneller als die 15-Sekunden-Version des Kommentators und 9,95 Sekunden eher, als das bis dato schnellste Tor der CL-Geschichte von Arsenals Gilberto Silva beim 4:0 gegen den PSV Eindhoven im September 2002 nach 20,07 Sekunden.

Legendäre Duelle zwischen Carlos und Brazzo

Und alles nur wegen Roberto Carlos. Die Duelle des damals offensivsten Linksverteidigers der Welt mit Münchens heutigem Sportdirektor Hasan Salihamidzic hatten schon vor jenem 7. März Berühmtheit erlangt. Bayern und Real waren in den Jahren zuvor häufig aufeinandergetroffen und jedes Mal hatte es legendäre Fights zwischen Carlos und Salihamidzic gegeben.

Oft an der Grenze des Erlaubten, aber nie hässlich oder hinterfotzig. Keiner der beiden verlor öffentlich je ein schlechtes Wort über den anderen.

Salihamidzic hätte sich an jenem Abend eher lustig machen können über Carlos' verhängnisvolle "Ballannahme". Fernando Gago hatte den Ball direkt nach dem Anstoß auf die linke Seite zu Carlos gespielt. Salihamidzic lief den Brasilianer an. Carlos sprang die Kugel vom Fuß und schon war Brazzo durch.

Kurzer Sprint ans rechte Strafraumeck, Pass in die Mitte zum mitlaufenden Makaay, Direktabnahme aus zehn Metern - drin. Iker Casillas hatte noch die Hand am Ball, konnte den Einschlag unten links aber nicht verhindern.

Capellos Defensivplan

Dabei hatte Real-Coach Fabio Capello mit dem 3:2-Vorsprung aus dem Hinspiel im Rücken einen so genialen Defensivplan ausgeheckt.

Makaay erinnert sich: "Normalerweise spielten sie ein 4-2-3-1, aber sie nahmen ihre Nummer 10 heraus und boten dafür einen Extraspieler im defensiven Mittelfeld auf. Guti wurde durch Emerson ersetzt, daher wussten wir, dass Madrid defensiver als normal spielen würde. Wir waren uns einig, dass wir in den ersten zehn Minuten voll Druck machen würden, um vielleicht ein frühes Tor zu machen. Und dann war der Ball im Netz, bevor wir es überhaupt kapiert hatten. Ihr taktischer Plan war direkt über den Haufen geworfen und wir hatten einen Traumstart."

Real konnte sich von dem Schock zwar einigermaßen gut erholen, dennoch warf Capello nach einer halben Stunde sein Konzept über den Haufen, indem er Guti für Emerson einwechselte.

Guti hatte für die ursprüngliche Entscheidung des Trainers hinterher wenig Verständnis. "Ich habe keinen blassen Schimmer, warum ich auf die Bank musste. Und es hat uns ja auch nicht viel gebracht", sagte er.

Und dann traf Ramos ...

Mit der offensiveren Ausrichtung kam Real besser ins Spiel, kassierte aber durch Lucios Kopfball in der 67. Minute den scheinbar entscheidenden Gegentreffer.

Die Bayern waren so gut wie durch, ehe Schiedsrichter Lubos Michel mehrere große Auftritte hinlegte. Erst stellte er Mark van Bommel und Mahamadou Diarra nach einer Rangelei vom Platz, dann schenkte er Real einen Elfmeter, den Ruud van Nistelrooy zum 2:1 verwandelte (83.).

Die Bayern hingen in den Seilen und droschen die Bälle nur noch aus der eigenen Hälfte. In der 88. Minute zog Sergio Ramos aus knapp 20 Metern mit rechts ab, Oliver Kahn streckte sich vergeblich und unten links schlug's ein. An der gleichen Stelle wie bei Makaays Rekordtreffer.

Lubos Michel hatte aber - korrekterweise - ein Handspiel von Ramos bei der Ballannahme erkannt und dem Tor die Anerkennung verweigert. Die Bayern hatten dennoch großes Glück, da das Handspiel schwer zu erkennen war und wohl von der Hälfte aller Schiedsrichter nicht als solches gewertet worden wäre.

"Das ist dann schon brutal"

Capello fasste den für Real Madrid wieder einmal erfolglosen Ausflug nach München so zusammen: "Wir sind ausgeschieden, weil wir nach drei Sekunden einen Fehler machen und dann ein Tor schießen, das man auch geben kann. Das ist dann schon brutal."

So scheiterte Real 2007 zum dritten Mal in Folge im Achtelfinale.

Doch auch die Bayern kamen nicht mehr viel weiter, im Viertelfinale war der AC Milan Endstation. Aber der Rekord für das schnellste Tor der CL-Geschichte bleibt. Vielleicht ja für immer.

Die letzten sechs Duelle zwischen Bayern München und Real Madrid

JahrWettbewerbRundeHeimAuswärtsErgebnis
2017Champions LeagueHalbfinaleReal MadridFC Bayern4:2 n.V.
2017Champions LeagueHalbfinaleFC BayernReal Madrid1:2
2014Champions LeagueHalbfinaleFC BayernReal Madrid0:4
2014Champions LeagueHalbfinaleReal MadridFC Bayern1:0
2012Champions LeagueHalbfinaleReal MadridFC Bayern1:3 i.E.
2012Champions LeagueHalbfinaleFC BayernReal Madrid2:1
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