Das Wandern ist des Yayas Lust

Von Daniel Reimann
Dienstag, 18.02.2014 | 08:34 Uhr
Yaya Toure ist in der laufenden Saison zweitbester Torschütze bei Manchester City
© getty
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Beim FC Barcelona wurde er von Pep Guardiola verschmäht, bei Manchester City reifte Yaya Toure zu einem der weltbesten Mittelfeldspieler. Vor dem ersten Duell mit seinem Ex-Klub (20.30 Uhr im LIVE-TICKER) ist der Ivorer in bestechender Form. Bei City bekommt Toure endlich das, was ihm in Barcelona vorenthalten wurde.

Zeitgeist, Kindergarten, ja sogar Kaffeeklatsch: Die Liste deutscher Worte, die sich im anglo-amerikanischen Sprachgebrauch etabliert haben, ist erstaunlich lang. Dennoch wirken die Begriffe beim Lesen oder Hören meist noch abstruser, als all die englischen Bezeichnungen, die sich innerhalb der deutschen Sprache verselbständigt haben.

Der englische "Telegraph" bot unlängst ein hervorragendes Beispiel, als er Yaya Toures Rolle beim 2:0-Sieg gegen Chelsea thematisierte. Toures Drang, sich überall auf dem Spielfeld ins Geschehen einzuschalten und seine eigentliche Position nur selten einzuhalten, bezeichnete der "Telegraph" liebevoll als "Wanderlust".

Womöglich gibt es weder im Deutschen noch im Englischen ein Wort, dass Toures Agieren auf dem Rasen treffender beschreibt.

"Wo auch immer der Ball ist, dort bin ich"

Eine Position hat er nur auf dem Papier. Dort wird er meist als zweite Sechs neben Fernandinho aufgeführt. Doch auf dem Rasen ist er überall zu finden. Unaufhörlich schaltet sich der 1,91-Meter-Bulle ins Angriffsspiel ein und sucht regelmäßig selbst den Abschluss. Mit zwölf Buden ist er zweitbester Torschütze bei City, knapp hinter Sergio Agüero (14 Tore).

Gleichzeitig bildet Toure gemeinsam mit Fernandinho das Aufräumkommando der Citizens. Dank seiner beeindruckenden Physis ist er im Zweikampf nur schwer zu überwinden. Sein Stellungsspiel ist schlicht weltklasse, die Abstimmung mit Fernandinho funktioniert mittlerweile reibungslos.

Der brasilianische Neuzugang ist einer der wichtigsten Faktoren für Toures Spiel. Er hält ihm den Rücken frei. Er sichert ab, wenn Toure marschiert und bietet sich oft als erste Anspielstation, wenn sich Toure mal fallen lässt und selbst die Spieleröffnung übernimmt. Dank Fernandinho kann der Ivorer seiner Wanderlust unbesorgt freien Lauf lassen.

Toure selbst genießt seine Freiheit auf dem Platz in vollen Zügen: "Hier habe ich eine freie Rolle. Ich kann gehen, wohin ich will und machen, was ich will. Ich kann mich in Angriffe einschalten oder mich in die Verteidigung zurückfallen lassen", schwärmt der 30-Jährige. "Wo auch immer der Ball ist, dort bin ich."

Barcelona: Zu wenig Freiheit, zu wenig Vertrauen

Das war nicht immer so. Zu seiner Zeit beim FC Barcelona hatte Toure so manche Schwierigkeiten mit seiner Rolle im Spiel von Pep Guardiola. "Bei Barcelona war ich eher jemand, der seine Position einhalten sollte, der organisieren sollte", erzählt er. "Ich war eingeschränkt, durfte das Zentrum nicht verlassen." Für einen Spielertypen wie Toure eine mittlere Katastrophe. Toure konnte sein volles Potenzial bei Barca nie ausschöpfen.

Hinzu kam, dass Guardiola für die Mittelfeldzentrale einen agileren Spieler wie Sergio Busquets vorzog - und Toure damit zum Teilzeit-Bankdrücker wurde. Der Ivorer fühlte sich ungerecht behandelt: Der Trainer habe ihn ignoriert, klagte Toure: "Ich hatte praktisch ein Jahr lang nicht mehr mit Guardiola gesprochen."

CL: Yaya Toure und Sergio Busquets im Vergleich

Sein Berater Dimitri Seluk ging sogar noch einige Schritte weiter. Guardiola wäre ein Fall für die "geschlossene Anstalt", schimpfte der Ukrainer aufgrund der mangelnden Berücksichtigung Toures. 2010 flüchtete sein Klient schließlich nach Manchester.

"Ich wollte nicht weg. Doch Guardiola hatte kein Vertrauen in mich und wollte nicht, dass ich bleibe", erzählt Toure hinterher. Dabei hätte er nach eigener Aussage seine Karriere gerne in Barcelona beendet.

Erstes Wiedersehen mit Barca

Am Dienstag trifft er nun erstmals auf seinen ehemaligen Arbeitgeber. Ein Los, das Toure überhaupt nicht gefällt. "Ich wollte Barcelona nicht wirklich bekommen. Es ist schwierig, weil ich sehr viel Respekt vor diesem Klub habe. Ein Klub,mit dem ich alles gewonnen habe, der mir viel beigebracht hat. Ein Klub, wo ich sehr viele Freunde gefunden habe. Das ist nicht das, was ich wollte", so der 30-Jährige.

Immerhin gab es im Vorfeld gute Nachrichten für Toure. Sein Pendant Fernandinho nahm nach auskurierter Muskelverletzung wieder am Training teil und könnte ihm wie gewohnt in der Mittelfeldzentrale assistieren.

Wie wichtig seine Zuarbeiterrolle für Toures Spiel ist, bewies die 0:1-Pleite gegen Chelsea in der Premier League. Weil auch Javi Garcia ausfiel, musste Martin Demichelis auf der Sechs ran. Doch der Argentinier wirkte überfordert. Insbesondere, wenn Toure einen seiner berüchtigten Ausflüge nach vorne wagte, konnte Micho die entstandenen Lücken nur selten kompensieren.

"Ich will ihn frei spielen sehen"

Nach der Chelsea-Niederlage wurden kritische Stimmen laut, die einen altbekannten Vorwurf wieder aufwärmten: Toure agiere übermotiviert, würde sich zu unbedacht in den Angriff einschalten und seine Neben- bzw. Hintermänner im Stich lassen.

"Schwachsinn", stellte Toure höchstpersönlich auf der Pressekonferenz vor dem Barca-Spiel klar. Auch Trainer Manuel Pellegrini will von solcher Kritik nichts wissen. Er vertraut weiterhin auf seinen wichtigsten Mann, der in der laufenden Saison bisher mit Abstand die meiste Einsatzzeit erhalten hat.

"Yaya spielt so, wie ich ihn spielen sehen will. Ich will ihn frei spielen sehen", sagte der Chilene. Ganz zur Freude des Ivorers, der weiterhin alle Freiheiten auf dem Platz genießt. So kann er seinem Ex-Klub persönlich beweisen, wozu ein Toure in Wanderlust fähig ist.

Yaya Toure im Steckbrief

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