"Deutsche sind schwer zu bekommen"

Dietmar Beiersdorfer bekleidet seit 2012 das Amt des Sportdirektors bei Zenit St. Petersburg
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SPOX: Drei Monate nach Ihrer Ankunft in St. Petersburg lag Ihnen eine Anfrage von Werder Bremen vor. Sie haben mit Verweis auf Ihr soeben erst begonnenes Engagement abgesagt.

Beiersdorfer: Wie gesagt, ich bin sehr dankbar, die Möglichkeit zu haben, beim größten Klub Russlands arbeiten zu können und bin froh, mich für den Weg in den internationalen Fußball entschieden zu haben. Man lernt andere Kulturen, Einflüsse und Fußballstandorte kennen.

SPOX: Hat die Bundesliga für Sie an Reiz verloren?

Beiersdorfer: Das auf keinen Fall! Sicher werde ich irgendwann auch wieder in Deutschland arbeiten. Das sollte normalerweise zwangsläufig passieren, wie man immer wieder feststellen muss, wenn ein Mann gesucht wird: So viele Sportdirektoren gibt es in Deutschland ja auch nicht (lacht).

SPOX: Sind Sie, wenn Sie die aktuell bedenklich Lage an der Weser oder beim Hamburger SV betrachten, froh, dass sie Werder eine Absage erteilten und auch mit dem Chaos beim HSV nichts mehr zu tun haben?

Beiersdorfer: Beide Vereine stehen aktuell nicht gut da und haben Probleme sportlicher und wirtschaftlicher Art, wodurch das Arbeiten natürlich nicht einfacher wird. Ohne sich selber zu wichtig zu nehmen, hat man immer auch ein Auge darauf und überlegt, was man anders machen würde. In jedem Fall wünsche ich beiden Klubs eine schnelle und positive Entwicklung.

SPOX: Hulk war der erste dunkelhäutige Spieler in der Vereinsgeschichte. Ein Zenit-Fanklub hat dagegen protestiert, zudem gelten die Anhänger des Klubs als nicht gerade zimperlich. Können Sie bitte einmal einen Einblick geben, mit welchen Problemen der Klub in dieser Hinsicht zu kämpfen hat?

Beiersdorfer: Grundsätzlich darf auf keinen Fall der Fehler gemacht werden, diese Meinung über Zenit-Fans zu pauschalisieren. Man kann nicht abstreiten, dass es eine eher kleine, unbestimmte Anzahl von Personen mit diesem Gedankengut gibt. Wir als Klub distanzieren uns davon in jeglicher Form und werden unsere Entscheidungen auch niemals dadurch beeinflussen lassen. Und unsere Spieler sind diesbezüglich auch noch nie angefeindet worden.

SPOX: Nach den Ausschreitungen im letzten CL-Auswärtsspiel bei Austria Wien wird gegen den BVB nun die Heimkurve gesperrt sein. Es gibt Befürchtungen, dass sich die Fans stattdessen auf der gegenüberliegenden Seite neben den Gästeblock stellen werden. Wie begründet ist die Angst vor erneuter Randale?

Beiersdorfer: Das ist eine sehr verantwortungsvolle Frage, die ich wieder bejahen noch verneinen kann. Ich war in Wien selber erschrocken vom Benehmen einiger sogenannter Fans und kann versichern, dass niemand, der hinter Zenit steht oder für den Klub arbeitet, die Vorfälle toleriert. Deshalb haben wir den Ausschluss auch akzeptiert. Aber es ist falsch, alle Zenit-Fans über einen Kamm zu scheren. Der Großteil unserer Anhänger ist unglaublich friedlich und feierfreudig und es ist schade, dass einige wenige dieses Image beschädigen.

SPOX: Ihr neues Stadion sollte 2010 fertiggestellt sein, mittlerweile wird von einer Eröffnung vor der WM 2018 ausgegangen. Die Kosten sind bis auf eine Milliarde Euro hochgeschnellt. Das hört sich ziemlich verrückt an, deshalb die Frage: Wie konnte das passieren?

Beiersdorfer: Obwohl das Stadion nicht an der Elbe oder in Berlin-Brandenburg steht (lacht)! Ich wohne gut 500 Meter vom Stadion entfernt und sehe, wie dort sieben Tage die Woche und Nacht für Nacht gearbeitet wird. Es wächst und wächst aber es muss scheinbar unglaublich groß werden, weil es immer noch nicht fertig ist. Es ist eine sehr aufwendige Konstruktion, alleine der Bau des verschließbaren Daches, das dafür sorgen soll, dass im Stadion unabhängig von der Außentemperatur immer mindestens zehn Grad plus herrschen, beansprucht viel Zeit.

SPOX: Aber acht Jahre Verzögerung erscheint dennoch etwas viel, oder?

Beiersdorfer: Man darf nicht vergessen, dass im plötzlichen Tod des Architekten und dem Wechsel von Generalübernehmern zwei der Hauptgründe für die enorme Verlängerung der Bauzeit liegt. Aber das allein soll es nicht entschuldigen. Wir sind uns durchaus bewusst, dass dort einiges schief gelaufen ist.

SPOX: Inwiefern ist das auch irgendwie typisch russisch?

Beiersdorfer: Unser Stadion ist kein General-Beispiel. Bei vielen anderen Gebäuden kann man durchaus sehen, wie unglaublich schnell in Russland gebaut werden kann. Als typisch russisch würde ich das deshalb nicht bezeichnen.

SPOX: Die Partie gegen den BVB ist aufgrund der Winterpause ihr erstes Pflichtspiel seit zweieinhalb Monaten. Stellt diese Pause für Sie langfristig gesehen ein Problem dar, den Verein international zu etablieren?

Beiersdorfer: Es bringt nichts, darüber nachzudenken oder sich zu ärgern. Der Kalender der russischen Liga steht bis 2018 fest und auch die Wetterbedingungen werden sich nicht ändern - das müssen wir so hinnehmen und das Beste daraus machen. Wir wollen uns mit den Topteams Europas messen, Winterpause hin oder her.

SPOX: In Deutschland wurde Zenit als eines der leichteren Lose gehandelt. Mit welcher Zenit-typischen Eigenschaft kann Ihr Klub dem BVB am ehesten gefährlich werden?

Beiersdorfer: Wenn wir es schaffen, dass unser Herz zum Tragen kommt und die Mannschaft als verschworene Einheit auftritt, haben wir durchaus die Chance, ein gutes Ergebnis zu erzielen. Zenit ist dafür bekannt, sich in einen Rausch spielen zu können und eine Partie mit viel Kampfeslust für sich zu entscheiden. Wir sind nicht einfacher zu bespielen als die meisten anderen Teams in der Champions League.

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