Das Ende des Dream Teams

Von Marco Kieferl
Mittwoch, 06.11.2013 | 15:27 Uhr
Daniele Massaro erzielte vor dem Halbzeitpfiff das 2:0 für ein furios aufspielendes Milan
© getty
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Selten ging der AC Milan als Außenseiter in ein Champions-League-Finale. Vor dem Endspiel 1994 in Athen spuckt aber der Favorit aus Barcelona große Töne. Doch es kommt ganz anders: Furiose Rossoneri demütigen arrogante Katalanen mit 4:0 und holen sich ihren fünften Titel in der Königsklasse. 19 Jahre später ähneln sich die Ausgangslagen und sind doch ganz anders (20.30 Uhr im LIVE-TICKER).

Titel am Fließband, Tiki-Taka vom Feinsten: So kennt man den FC Barcelona der letzten Jahre. Bei allem Erfolg fällt jedoch vor allem die Bescheidenheit der Protagonisten auf. Die katalanische Demut ist derart ausgeprägt, dass sie manchem schon wieder auf den Geist geht: Nicht von ungefähr verhöhnte Zlatan Ibrahimovic unlängst Messi und Co. als unmündige Schuljungen. Dass Bescheidenheit nicht seit jeher eine katalanische Tugend ist, beweist der FC Barcelona der Champions-League-Saison 1993/94.

Damals spazierte Johan Cruyffs hochgelobtes Dream Team ungeschlagen ins Finale von Athen. Vor allem Barcelonas Traumsturm mit Romario und Hristo Stoichkov, hauptverantwortlich für satte 29 Tore in den 9 Spielen auf dem Weg ins Finale, sorgte international für Angst und Schrecken.

Grund genug für Cruyff, nach dem herausragenden 3:0-Halbfinalsieg gegen den FC Porto große Töne zu spucken: "Milan wird es ziemlich schlecht gehen, denn es ist unmöglich, uns zu stoppen."

Cruyff und das Duell der Systeme

Cruyff, glühender Verfechter des Tiki-Taka-Stils und mit elf Titeln in sechs Jahren erfolgreichster Trainer seiner Zeit, beschwor vor dem Finale ein Duell der Systeme: "Milan ist eine vulgäre Mannschaft, die in die Zeiten des Catenaccios zurückgefallen ist. Die Spieler haben ihren Zenit überschritten."

Ganz Unrecht hatte Cruyff mit seiner System-Kritik nicht, denn der AC Milan zeichnete sich damals tatsächlich durch ausgesprochen ergebnisorientierten Fußball aus. Mit mageren 36 Toren schaffte man es, in der Serie A den Meistertitel zu holen.

Auch in der Champions League vollführte man das Kunststück, mit gerade einmal zwei Siegen und sechs Toren den Gruppensieg davonzutragen. Doch trotz des überlegenen Halbfinal-Triumphs über den AS Monaco kam vor dem Endspiel gegen ein übermächtiges Barcelona wenig Euphorie auf.

Schließlich mussten die Rossoneri aufgrund des Ausfalls von Leistungsträgern wie Papin, van Basten, Eranio, Laudrup, Costacurta und Baresi mit einem B-Team in Athen antreten. Vor allem der Verlust des Verteidiger-Duos Costacurta/Baresi sorgte bei den Italienern angesichts einer Barca-Elf um Guardiola, Koeman, Stoichkov und Romario für Kopfzerbrechen.

Capello bleibt zuversichtlich

Die Rollen vor dem Finale waren also verteilt. Nur Milan-Trainer Fabio Capello blieb auffällig gelassen. "Das ist kein Problem. Ich habe schon etwas im Sinn", machte der anfangs noch umstrittene Milan-Coach den Rossoneri Mut.

Tatsächlich kam im Finale alles ganz anders: Furios aufspielende Mailänder boten über die kompletten 90 Minuten hinweg ein Offensivspektakel, gegen das die Favoriten aus Katalonien nicht den Hauch einer Chance hatten.

Bereits in der ersten Hälfte brachte Daniele Massaro die Milanisti zum Jubeln, als er durch einen Doppelpack den Weg zum Sieg ebnete. Dejan Savicevic und Marcel Desailly krönten noch vor der 60. Minute die Galavorstellung der Italiener und brachten dem FC Barcelona die bis heute höchste Niederlage in der Königsklasse bei.

Selbst der Traumsturm um Romario, Stoichkov und Begiristain konnte gegen die scheinbare Abwehr-Notlösung um Gallo und Panucci nichts ausrichten. Auch vom restlichen Dream Team und seinem Zauberfußball war nichts zu sehen. Den spielten die Minimalisten aus Mailand.

Massaro als Matchwinner

"Ich nehme drei Dinge mit nach Hause", sagte Massaro stellvertretend für die Mailänder Glücksgefühle. "Die beiden Treffer und das Trikot von Hristo Stoichkov, der ein Idol für mich ist."

Capello hingegen blieb seiner pragmatischen Art auch nach dem Abpfiff treu. Sein Fazit nach dem Spiel: "Dies ist Perfektion."

Selbst "König" Cruyff, vor dem Endspiel noch als Sprücheklopfer auffällig, präsentierte sich nach der Niederlage kleinlaut: "Wir haben nicht gut gespielt. Wir müssen ihre Leistung anerkennen. Sie haben verdient gewonnen."

Das Ende des "Dream Teams"

Damals konnte der Niederländer noch nicht ahnen, welche Auswirkungen jene Pleite im Mai mit sich bringen sollte. Bereits nach der Saison verließen Torwart Andoni Zubizarreta, heutiger Sportdirektor der Katalanen, und Michael Laudrup den Verein.

Ein Jahr später folgten Stoichkov und Koeman. Das Dream Team zerfiel, die Katalanen versanken in der internationalen Bedeutungslosigkeit und es sollte bis 2006 dauern, ehe der FCB um Ronaldinho und Xavi wieder ins Endspiel der Königsklasse einziehen sollte.

Milan hingegen stand schon im Folgejahr wieder im Finale, verlor jedoch mit 0:1 gegen Ajax. Paolo Maldini sollte der einzig verbliebene Spieler des Endspiels von Athen sein, der 2003 und 2007 nochmals den Henkelpott in den Himmel recken durfte.

Ähnliche Voraussetzungen am Mittwoch

Vor dem Champions-League-Rückspiel in der Gruppe B erscheinen die Voraussetzungen denen vor 19 Jahren nicht unähnlich. Barcelona ist seit Jahren wieder die bestimmende Mannschaft im Weltfußball und verfügt mit Messi und Konsorten wieder über ein Dream Team mit eingebauter Torgarantie.

Milan hingegen überzeugt in dieser Saison, wenn überhaupt, nur durch Effizienz. Trotz überschaubarer Leistungen bis dato reichte es für den aktuellen Tabellenelften der Serie A in drei Spielen für fünf Punkte und Platz zwei hinter Barca.

Die aktuelle Formschwäche der Rossoneri sorgt in Katalonien aber freilich nicht für den geringsten Anflug von Überheblichkeit: "Wir treffen auf einen großartigen Klub, das können wir nicht kleinreden. In keinster Weise denken wir, dass dies ein leichtes Spiel werden wird. Im Gegenteil, es wird ganz schwer!"

AC Milan - FC Barcelona: Der Direktvergleich

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