Mal wieder eine Schalker Krise?

Mit gewissem Hang zum Chaos

Von Stefan Rommel
Dienstag, 01.10.2013 | 12:23 Uhr
Schalke-Trainer Jens Keller (l.) hat Jermaine Jones für das Basel-Spiel suspendiert
© getty
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In der noch jungen Saison erlebt Schalke 04 schon seine zweite knifflige Phase. Die Partie gegen Hoffenheim hat drei Probleme auf einmal aufgeworfen und die Erkenntnis vor dem Champions-League-Spiel beim FC Basel (20.45 Uhr im LIVE-TICKER): Schalke steht sich wieder einmal selbst im Weg.

Es ist kaum zwei Wochen her, da wähnte sich Schalke 04 endlich angekommen in dieser Saison. Die Indizien waren erdrückend: Der Qualifikation für die Gruppenphase der Champions League folgte prompt die Verpflichtung des Anführer Kevin-Prince Boateng, dazu zwei wichtige Siege in der Bundesliga und ein gelungener Start in die Vorrunde der Königsklasse.

Schalke 04 hatte sich und seine Probleme innerhalb weniger Spiele in den Griff bekommen, jetzt konnte die Spielzeit eigentlich erst so richtig beginnen. Aber jetzt, quasi aus dem Nichts, brennt es schon wieder in Gelsenkirchen. Dieses Mal sind es keine Indiskretionen aus dem inneren Zirkel, ist es keine Kampagne der Medien.

Die neuen, alten Schalker Probleme sind hausgemacht. Und wohl nur Schalke 04 ist in der Lage, seinen eingeschlagenen richtigen Weg so schnell wieder zu verlassen und mit Verve und brausender Geschwindigkeit in die falsche Richtung zu galoppieren.

Im Spiel gegen 1899 Hoffenheim verspielten die Königsblauen einen 2:0- und einen 3:1-Vorsprung. Das ist auch schon anderen Mannschaften passiert. Auch eine indiskutable Halbzeit wie die zweite der Schalker an diesem Nachmittag in Sinsheim kann man anderen Teams bisweilen attestieren. Die Sache ist nur, dass sich Schalke neben zwei verlorenen Punkten als Krönung obendrauf noch drei Baustellen aufgeladen hat, die bei positivem Spielausgang in der Deutlichkeit kaum aufgefallen wären.

Die Jones-Episode

Die Episode um Jermaine Jones' Suspendierung für die Champions-League-Partie beim FC Basel (20.45 Uhr im LIVE-TICKER) lieferte mal wieder griffige Schlagzeilen, befeuert durch ein sinnloses Pingpongspiel über verschiedene Kommunikationsebenen.

Schalke wählte nach den drastischen Worten von Trainer Jens Keller und Sportvorstand Horst Heldt direkt nach dem Spiel gegen Hoffenheim am Sonntag den Weg an die Öffentlichkeit, wollte mit offenen Karten spielen und Jones' Suspendierung von vornherein als klares Zeichen verstanden wissen.

Die Sache so richtig scharf machte dann der Spieler, als der via "Sport-Bild" seine Pläne verkündete, wie er die überraschende Freizeit am besten nutzen wollte. "Es stimmt, dass mich der Verein aus dem Kader genommen hat. Diese Gelegenheit nutze ich, meinen Meniskus glätten zu lassen. Unabhängig von der Vereins-Entscheidung wäre eine Operation aufgrund der anhaltenden Schmerzen unumgänglich gewesen", war da zu lesen.

Beim VfB Stuttgart gab es unlängst einen auf den ersten Blick ähnlich gelagerten Fall, als Serdar Tasci wegen seiner Meniskusverletzung mit den Verantwortlichen über Kreuz kam. Der VfB wollte eine Operation anstrengen, sein damaliger Kapitän weigerte sich und beharrte auf einer konventionellen Behandlung.

Zwei gravierende Unterschiede gibt es zur Causa Jones aber doch: Tasci war so schwer verletzt, dass er sich im Krankenstand befand, letztlich ging es um die Dauer seines Ausfalls und dass er nach einem arthroskopischen Eingriff später weniger Probleme haben könnte. Und: Tasci war zum Zeitpunkt seiner Entscheidung nicht frisch suspendiert worden.

Verletzte Eitelkeit wegen Boateng?

Jones antwortete am Sonntag schnell und unüberlegt. Keine 24 Stunden verpackte er seine Rolle rückwärts in einen Tweet mit vielen Ausrufezeichen. "Bald auf dem Weg zum Training!!! Operation?? Nein... Schalke ist derzeit wichtiger!!"

Die verblüffend kurze Halbwertzeit seines Vorhabens macht deutlich, dass es sich um nichts weiter als eine bockige Reaktion gehandelt hat. Jones hat schon in den letzten Wochen immer mal wieder mit seinem Reservistendasein gehadert. Vielleicht war da auch ein wenig verletzte Eitelkeit mit dabei, dass nicht mehr er der große Anführer ist, auf dem die Hoffnungen ruhen, sondern seit ein paar Wochen Kevin-Prince Boateng diese Rolle zufällt.

Vielleicht sah er sich auch zu Unrecht als Sündenbock auserwählt. Dass Schalke beide Liga-Siege ohne Jones, dafür aber alle 16 Gegentore mit ihm auf der Doppel-Sechs einfuhr und trotz seines Platzverweises im entscheidenden Qualifikationsspiel gegen Saloniki noch weiter kam und weniger wegen seines Mitwirkens, spricht nicht für den Routinier.

Diskussionen um den Trainer

Ein Gespräch zwischen Vereinsführung und Jones hat es jedenfalls nicht mehr gegeben. "Er hat getwittert, dass er sich doch nicht operieren lassen will, deswegen gehen wir davon aus, dass er am Donnerstag wieder zum Training kommt", sagte Horst Heldt noch. Das Thema soll damit wenigstens bis nach der Partie in Basel vom Tisch sein. Dass dem garantiert nicht so sein wird, dafür wurde allerdings längst gesorgt.

Der öffentlich ausgetragene Streit ist das plakative Beispiel dafür, dass doch nicht alles rund läuft bei den Schalkern. Trotz der ordentlichen Ergebnisse und Leistungen, die die Mannschaft eine Weile auf den Platz bringen konnte. Wenn einem Spieler wie Jones, 31, seit sechs Jahren auf Schalke, gewähltes Mitglied des Mannschaftsrats, wiederholtes taktisches Fehlverhalten vorgeworfen wird, wirft das im Umkehrschluss auch kein besonders gutes Licht auf Trainer Jens Keller.

Einlagen wie die von Jones und Marco Höger fallen auch auf Keller zurück - selbst wenn der als ausführendes Organ gar nicht auf dem Platz steht. Dass sich ein eigener Freistoß an der Mittellinie, ausgeführt und auf den sich als Libero postierten Jones zurückgespielt von Höger, beim Stand von 3:3 kurz vor dem Ende zu einer klaren Konterchance für den Gegner entwickelt, wird selbst in den Bezirksklassen als stümperhaft deklariert.

"Es steht in keinem Lehrbuch und es ist auch nicht Bestandteil unseres Trainingsprogramms, als letzter Mann ein Solo anzusetzen", sagt Heldt und spielt damit auf Jones' Versuch an, nach dem zu lasch gespielten Pass Högers gegen Hoffenheims Firmino ins Dribbling zu gehen.

Heldt spricht aber nicht an, dass eine Konstellation wie diese mit einem defensiven Mittelfeldspieler als Standardschütze, dem zweiten als Libero und dafür zwei völlig unbeteiligten Innenverteidigern (Höwedes und Matip) in gutgemeinter Deutung ungewöhnlich ist. Vielmehr zeigt es auch, dass klare Vorgaben entweder krass missachtet oder nicht gemacht sind. Was in beiden Fällen zu einem Problem für den Trainer wird.

Keller distanziert sich vom Team

Jens Keller hat sich am Samstag nach der Partie erstmals in seiner neunmonatigen Amtszeit klar von seiner Mannschaft distanziert. Regelrecht geschockt wirkte der Trainer nach der Darbietung in der zweiten Halbzeit. Keller wollte die Frage nach einer möglichweise wankelmütigen Mentalität innerhalb seiner Truppe nicht hören, wohingegen seine Spieler genau dies als Manko ansprachen.

Keller schien nach der geglückten Qualifikation für die Gruppenphase der Champions League wenigsten für ein paar Monate Ruhe zu haben. Jetzt beginnen die Diskussionen um seine Person schon wieder. Der Trainer bleibt auch nach einem Dreivierteljahr eher eine geduldete Person auf Schalke, als dass er von Klubführung, Fans und Medien die volle und unmissverständliche Rückendeckung bekäme.

Auch Hildebrand nicht unumstritten

Ein wenig ergeht es ihm dabei so wie seinem Torhüter Timo Hildebrand. Der kam über Umwege zu seinem Stammplatz, immer auch argwöhnisch betrachtet von Teilen der Fans. Nicht wenige sähen Ralf Fährmann oder Lars Unnerstall, beide Schalker Eigengewächse, lieber zwischen den Pfosten.

Beim ersten Anschlusstor der Hoffenheimer am Samstag unterlief ihm ein leichter Fehler, auch auf Hildebrand wird in den kommenden Spielen wieder verstärkt geachtet werden, zumal Kontrahent Fährmann am Sonntag nach seiner Verletzungspause wieder ins Training eingestiegen ist.

BVB und Bayern schon weit weg

Es ist schon wieder unruhig auf Schalke. Der Plan, zumindest unter die ersten Vier zu kommen, im besten Fall sogar ganz oben anzugreifen, verschwindet bis auf weiteres in der Schublade. Es passt zur Situation, dass es vor der Saison Jones war, der als einziger ganz groß dachte.

"Unser Ziel sollte es sein, um die deutsche Meisterschaft mitzuspielen. Hohe Ambitionen gehören zum Fußball dazu, und man sollte keine Angst davor haben, dass es schiefgehen könnte", sagte er. Denn: "Was gibt es dann Schöneres, als dieses Team zu jagen, um selbst dorthin zu kommen, wo diese Mannschaft steht?"

Um das zu schaffen, muss Schalke 04 in der Bundesliga aber nach sieben Spieltagen schon elf Punkte aufholen. Zu weit entfernt sind Borussia Dortmund und die Bayern schon. Gegen die Münchener konnte sich Schalke im direkten Vergleich schon ein Bild seiner Chancen in dieser Saison machen. Die Königsblauen verloren zu Hause mit 0:4.

FC Basel - Schalke 04: Daten zum Spiel

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