Als aus van Gaal Bruce Lee wurde

Von Ben Barthmann
Dienstag, 01.10.2013 | 15:32 Uhr
Louis van Gaal (l.) führte Ajax Amsterdamm anno 1995 zum Champions-League-Sieg
© imago
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Ajax Amsterdam und der AC Milan treffen am zweiten Spieltag aufeinander. Nur einer von beiden wird sich für das Achtelfinale hinter dem übermächtigen FC Barcelona fürs Achtelfinale qualifizieren. Vor 18 Jahren stellte das Champions-League-Finale zwischen Ajax und Milan eine Zeitenwende im europäischen Fußball dar.

Die Champions-League-Saison 1994/95 war geprägt von Überraschungen und Kuriositäten. In der Gruppenphase ließ IFK Göteborg den FC Barcelona und Manchester United hinter sich, mit Hajduk Split qualifizierte sich ein Underdog für das Viertelfinale. In der Gruppe D marschierte eine junge holländische Mannschaft ohne Niederlage zum Gruppensieg: Die Ajax Mannschaft von Louis van Gaal begeisterte mit der Idee des ballbesitzorientierten, offensiven Fußballs.

Die Niederländer waren nicht nur in der heimischen Liga souverän von Sieg zu Sieg gezogen, sondern hatten sogar die vielleicht beste Mannschaft der letzten Jahre, den AC Milan, zweimal mit 2:0 geschlagen. Heute lassen die meisten Namen dieser Mannschaft jeden Fußballfan aufhorchen: Edwin van der Sar, Michael Reiziger, Marc Overmars, Edgar Davids, Jari Litmanen, Clarence Seedorf, die de-Boer-Brüder. Im Jahr 1995 betrug deren Durchschnittsalter 22 Jahre, kaum einer hatte bis dato international Schlagzeilen produziert.

Doch der ebenso noch junge, aufstrebende Louis van Gaal vermochte es, seine Spieler in ein System zu integrieren, das den Fußball maßgeblich verändern sollte. Das praktizierte 3-4-3/4-3-3 stellt bis heute die Basis für die moderne Spielweise dar, populärstes Beispiel für eine Weiterführung dessen war der FC Barcelona unter Pep Guardiola. Vor dem Finale gegen den AC Mailand blieben sie eine gesamte Saison in der regulären Spielzeit ungeschlagen.

Die große Dominanz der "Gli Invicibili"

Milan stellte das genaue Gegenteil der jungen Wilden aus Amsterdam da. Der anfangs umstrittene Fabio Capello, der 1990 Erfolgscoach Arrigo Sacchi abgelöst hatte, trainierte eine erfahrene Mannschaft, die ein Jahr zuvor im Champions-League-Finale den FC Barcelona beim 4:0 demütigte.

In der Saison 1994/95 wollte den Rossoneri nicht arg viel gelingen. In der Gruppe wurde Milan nur Zweiter und musste lange um den Einzug ins Viertelfinale zittern, da die UEFA den Verein für Fehlverhalten der Fans bestraft hatte. Im Spiel gegen Austria Salzburg war Salzburgs Torhüter Otto Konrad von einer aus dem Milan-Fanblock geworfenen Flasche getroffen; die UEFA zog Milan nachträglich zwei Punkte ab.

Die nationale Meisterschaft verlor man an Juventus Turin und hatte damit keine Chance mehr, sich für die Champions League zu qualifizieren. Die Zeit der "Gli Invicibili" schien am Ende. Aus den "Unbesiegbaren" war ein immer noch gutes, aber bezwingbares Team geworden.

Van Gaals legendärer Kung-Fu-Kick

Zum Finale nach Wien reiste Milan mit der Empfehlung an, in der K.o.-Phase der Königsklasse kein einziges Gegentor kassiert zu haben. 476 Minuten hatte Torhüter Sebastiano Rossi nicht mehr hinter sich greifen müssen. Das letzte Gegentor stammte aus der Gruppenphase - aus dem Spiel gegen Amsterdam.

Am 24. Mai 1995 trafen im Ernst-Happel-Stadion die Gegensätze aufeinander: Das junge, hungrige, hypermoderne Ajax gegen die Defensivspezialisten aus Mailand. Eine klassische Ansetzung.

Ajax begann engagiert und fast schon respektlos gegenüber den "alten" Rossoneri und erspielte sich früh erste gute Torchancen. Doch mit zunehmender Spieldauer wurden die Italiener besser und Amsterdam beinahe Opfer seiner eigenen Spielweise: Torwart Edwin van der Sar wollte einen etwas zu kurz geratenen Rückpass nicht wegschlagen, sondern versuchte es spielerisch zu lösen - van Gaal'sche Schule eben. Allerdings unterlief dem Keeper ein Stoppfehler, worauf Milan den Ball eroberte, Rechtsverteidiger Christian Panucci allerdings nur das Tornetz traf.

Wenig später der nächste Aufreger: Marcel Desailly klärte nach einem hohen Ball im Strafraum mit einem extrem hohen Bein vor Jari Litmanen. Van Gaal stürmte von der Bank auf den vierten Schiedsrichter zu, um diesem die Situation noch einmal zu veranschaulichen: In Form eines sehenswerten Kung-Fu-Kicks.

Joker-Tor in der Schlussphase

Das Spiel an sich war kein Leckerbissen. Milan stand defensiv kompakt und wartete auf Konter, Ajax hatte mehr Ballbesitz, kam aber kaum zu Chancen. In der 53. Minute setzte van Gaal ein Zeichen, in dem er den erst 18-Jährigen Stürmer Nwankwo Kanu einwechselte. 16 Minuten später kam der zweite 18 Jahre alte Angreifer: Patrick Kluivert. Ein Juwel, das in der Liga bereits Tore am Fließband produzierte.

In der Champions League lief es für den jungen Niederländer allerdings noch nicht ideal, seinen letzten Treffer markierte er im Gruppenphasen-Spiel gegen Athen. Der für ihn ausgewechselte Litmanen war mit sechs Treffern zweitbester Torschütze der Champions-League-Saison, hatte sich jedoch an seinen Gegenspielern Franco Baresi und Alessandro Costacurta regelrecht aufgerieben.

Van Gaal sollte sich goldrichtig entscheiden haben: Eine Viertelstunde nach seiner Einwechslung erzielte Kluivert den Siegtreffer für Ajax nach einer schönen Kombination über Marc Overmars und Frank Rijkaard. Ajax hatte das große Milan bezwungen und damit eine Ära beendet.

Ausbildungsverein Ajax Amsterdam

Für van Gaal kam der Triumph seiner Rasselbande dagegen nicht sonderlich überraschend: "Ich war nicht verwundert. Ich hatte bereits vor der Saison gesagt, dass wir den Titel gewinnen können."

Eine international erfolgreiche Ajax-Ära bedeutete der CL-Titel 1995 nicht. Im Jahr darauf erreichte Amsterdam noch einmal das Finale, unterlag aber im Elfmeterschießen Juventus Turin.

Deutlich schlimmer als die Niederlage von Rom wirkte sich das Bosman-Urteil aus der gleichen Zeit aus. Ein Spieler aus der belgischen Liga, Jean-Marc Bosman, erstritt vor Gericht das Recht, seinen Verein Richtung Frankreich verlassen zu dürfen. Im Rahmen dieses Urteils wurde auch die Ausländerbegrenzung für Vereine in Europa aufgehoben. Infolgedessen verließen die großen Stars die Niederlande und schlossen sich den europäischen Topklubs an.

Inzwischen kennt man Ajax Amsterdam hauptsächlich als Ausbildungsverein. Weitere große Spieler wie Wesley Sneijder, Zlatan Ibrahimovic und zuletzt Christian Eriksen lernten in der Ajax-Schule.

Beim AC Milan findet dieser Tage ein ähnlicher Umbruch wie Mitte der 90er Jahre statt. Stück für Stück werden junge Spieler in den Kader eingebaut. Die Neuzugänge für die Saison 13/14 waren im Schnitt 22 Jahre alt.

Ajax Amsterdam - AC Milan: Der Direktvergleich

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