Marseilles Trainer Elie Baup im Porträt

Der Krieger und die "Göttliche Glatze"

Von Michael Stricz
Montag, 30.09.2013 | 11:28 Uhr
Manchmal versteht er die Welt nicht, den Fußball dafür umso besser: Marseille-Coach Elie Baup
© getty
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Als Aktiver war er ein mittelmäßiger Torwart und sprang dem Tod nur knapp von der Schippe. Doch Elie Baup war auch der Entdecker der berühmtesten Glatze Frankreichs. Heute bildet er mit Marseille eine Bastion gegen die Milliardärsklubs der Ligue 1. In der Champions League trifft er am Dienstag mit OM auf Borussia Dortmund (20.30 Uhr im LIVE-TICKER).

Viel fehlte an diesem Tag nicht. Ein paar Zentimeter links, einige Zentimeter rechts. Größenordnungen, die im Leben von Elie Baup sonst höchstens über Sieg oder Niederlage entschieden, machten an diesem schicksalhaften Tag den Unterschied aus zwischen Leben und Tod.

Der damals 20-jährige Baup erlitt an diesem Tag im Jahr 1975 bei einem Autounfall einen doppelten Bruch der Halswirbelsäule. Verletzungen dort führen nicht selten zum Tod oder zu schweren Lähmungserscheinungen. Baup hatte zwar Glück und kam mit dem Leben davon, seine aktive Fußballkarriere wurde jedoch an diesem Tag zerstört, bevor sie richtig begonnen hatte.

Bereits im jüngsten Alter hatte der kleine Elie seine Begeisterung für den Fußball und das Torwartspiel entdeckt. Geboren wurde der Sohn eines Rugbyspielers am Fuß der Pyrenäen und unweit der spanischen Grenze im kleinen Städtchen Saint-Gaudens, dessen berühmtester Sohn der französische Jazzsaxophonist Guy Lafitte ist. Mit 15 Jahren nahm er am Training des US im rund 100 Kilometer entfernten Toulouse teil. 1974 wechselte er nach Mazamet. Ein Jahr später war der Profitraum dann auf tragische Art und Weise ausgeträumt.

Die Entdeckung der "Göttlichen Glatze"

Nach seinem Unfall und endlosen Reha-Qualen war an eine Fortsetzung seiner aktiven Torwartkarriere nicht mehr zu denken. Doch Baup machte das Beste aus seinem Schicksal und beschloss, seine Leidenschaft fortan an der Seitenlinie des Platzes auszuleben. Er trat eine Ausbildung zum Fußballlehrer an und übernahm 1982 in Castelnaudary, einem Ort kaum größer als sein Heimatdorf, seinen ersten Verein.

Nach zwei Jahren auf den Fußballplätzen der Provinz ergatterte er eine Anstellung an der berühmten Fußballakademie in Toulouse, wo er im Ausbildungszentrum für die Sichtung und Entwicklung junger Talente verantwortlich war.

Dort fiel ihm besonders ein junger Torwart auf, über den er sagte, "er konnte kaum 50 Vokabeln auswendig lernen, dafür konnte er mit den Händen bereits alles". Fabien Barthez, besser bekannt als die "Göttliche Glatze", war sein Name. Er sollte Jahre später im WM-Finale 1998 einer der Helden der Grande Nation werden und Baup damit zu einem Puzzlestück dieses Triumphs machen.

"Manchmal rief Barthez aus der Kabine an"

Seit ihrem ersten Treffen vereint Baup und Barthez eine tiefe Freundschaft, auch heute telefonieren sie noch regelmäßig. Barthez sah Baup immer als einen Mentor und als seinen "geistigen Vater", wie er einmal verriet. Auch Baup erzählt gerne Anekdoten aus dieser Freundschaft: Barthez habe ihn damals nach jedem Spiel angerufen, um ihn zu fragen, wie er seine Leistung fand: "Manchmal rief er mich sogar direkt aus der Kabine an", berichtete er.

Nach seiner Zeit an der Akademie wollte Baup in den Profibereich. Zwischen 1994 und 1997 war er Co-Trainer von Laurent Blanc und anschließend von Dominique Bathenay bei AS Saint-Etienne. Nach deren Abstieg heuerte er als Assistent von Guy Stephan bei Girondins Bordeaux an. Als dieser entlassen wurde, schenkte ihm der Klub das Vertrauen und beförderte Baup zum Cheftrainer.

Bordeaux sollte die bisher erfolgreichste Station in seiner Karriere markieren. 1999 wurde Girondins unter Baup zum ersten Mal seit 1987 französischer Meister, 2002 folgte der erste Ligapokalsieg der Vereinsgeschichte. Baup war gefragt wie nie, wurde sogar 1999 zum Trainers des Jahres in Frankreich gewählt.

"Nantes war eine Falle"

Trotz dieser Erfolge trennte sich Girondins 2003 von Baup, der daraufhin zurück nach Saint-Etienne ging. Nach Meinungsverschiedenheiten mit der Klubführung wurde sein Vertrag jedoch nach zwei Jahren nicht verlängert. Auch in Toulouse hielt es den als Disziplinfanatiker bekannten Baup nur zwei Jahre, obwohl er den Verein völlig überraschend bis in die Champions-League-Qualifikation geführt hatte.

In Nantes, seiner nächsten Station, lief es ähnlich durchwachsen. Barthez sagte später, Nantes sei "eine Falle" für Baup gewesen. Für Transfers blieb keine Zeit, weil er die Mannschaft sehr kurzfristig übernommen hatte. Baup legte deshalb den Schwerpunkt auf die "Organisation und die defensive Stabilität". Am Ende stand jedoch zum zweiten Mal in seiner Trainerkarriere der Abstieg aus der Ligue 1. Es war ein harter Schlag für Baup, der sich daraufhin für eine Pause auf unbestimmte Zeit vom Trainerberuf entschied.

Seine Leidenschaft für den Fußball ließ ihn aber nicht los. Als das große Olympique Marseille 2012 einen Nachfolger für Didier Deschamps suchte, war Baup zur Stelle. Die richtige Entscheidung, wenn es nach Barthez geht: "OM braucht einen Krieger wie Elie Baup, er ist der Richtige!"

Barthez sollte Recht behalten: 2012 feierten Baup und Marseille mit sechs Siegen in Folge den besten Ligastart der Vereinsgeschichte. Am Ende der Saison stand Platz zwei hinter der Millionentruppe aus Paris Saint-Germain und die Qualifikation für die Champions-League-Gruppenphase. Baup wurde außerdem gemeinsam mit Meistertrainer Carlo Ancelotti erneut als Trainer des Jahres nominiert.

Der "Krieger" erfindet sich neu

Der Pragmatiker hat sich neu erfunden, ist nicht mehr so unnahbar wie früher. Die Chemie zwischen ihm und der Mannschaft scheint zu stimmen. Belege gibt es genügend: Nach seinem Tor gegen Montpellier sprintete Pierre Gignac auf seinen Trainer zu und herzte ihn innig. Mittlerweile gibt es sogar einen von Fans geführten Twitter-Account des Trainers, durchaus ein Zeichen der Wertschätzung. Barthez gönnt seinem Freund den Erfolg: "Ich bin wirklich sehr glücklich, dass er derzeit bei Marseille so erfolgreich ist".

Leichter wird Baups Mission jedoch in dieser Saison nicht. Mit Aufsteiger AS Monaco hat Marseille noch einen weiteren Verein mit Milliardär im Rücken vor der Nase und dessen Geld kauft eben nicht nur Beine, sondern auch genau die Erfahrung, die dem jungen Olympique-Team noch fehlt. Evident war das im ersten Gruppenspiel der Champions League gegen den FC Arsenal, als OM lange gut mithielt und letztlich mit leeren Händen dastand. Baup sprach anschließend von "Enttäuschung und Frustration".

"Eine Mannschaft wie Arsenal bestraft dich für die kleinsten Fehler. Sie haben alle ihre Möglichkeiten genutzt und waren sehr effizient. Wir sind noch unerfahren in solchen komplexen Situationen, aber die Spieler werden lernen damit umzugehen", versprach Baup auf der Pressekonferenz nach dem Spiel.

Erfahrung kann er nicht herbeizaubern, aber auch vor dem Spiel gegen Borussia Dortmund (Di., 20.30 Uhr im LIVE-TICKER) wird Baup an jedem Detail seiner Mannschaft und seiner Taktik feilen. Denn wenn jemand weiß, welchen großen Unterschied ein paar Zentimeter machen können, dann ist es der Krieger Baup.

Elie Baup im Steckbrief

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