Fussball

BVB: Der Glanz der frühen Gegenwart

Von Jochen Tittmar
Bald seit fünf Jahren vereint: Michael Zorc, Hans-Joachim Watzke und Jürgen Klopp (v.l.n.r.)
© getty

Spätestens mit dem Erreichen des Champions-League-Finals 2013 hat sich Borussia Dortmund in Richtung eines Schwergewichts im Klubfußball entwickelt. Anders als nach dem Triumph in der Königsklasse vor 16 Jahren geht der BVB nun mit seinem auch wirtschaftlichen Quantensprung vernünftig um. Die Rasanz der Entwicklung ist für die Verantwortlichen der Borussia allerdings noch ungewohnt.

Es begann mit einer kleinen Tragödie. Nach 1757 Tagen Europacup-Abstinenz verlor Borussia Dortmund sein Heimspiel in der 1. Runde des UEFA-Cups gegen Udinese Calcio mit 0:2. Es war die erste Niederlage für den neuen Trainer Jürgen Klopp, der danach tobte: "Wir haben in vielen Situationen sehr schlecht ausgesehen. So habe ich noch nie eine Mannschaft, die von mir betreut wird, agieren sehen. Das war richtig mies und peinlich. Eine einzige Katastrophe."

Dieser Tag im September 2008 war für den BVB der Start in eine Lehrzeit auf internationalem Terrain, die in der aktuellen Spielzeit mit dem überraschenden Einzug ins Finale der Champions League ihren vorläufigen Abschluss findet.

BVB zahlt internationales Lehrgeld

Auf dem Weg dorthin bezahlte die blutjunge und in Europa mit kümmerlicher Erfahrung ausgestattete Borussia viel Lehrgeld. Das fing gut zwei Jahre nach dem Udine-Aus an, als der BVB bei Karpaty Lwiw einen 2:0-Vorsprung verspielte und den fest eingeplanten Pflichtsieg erst in letzter Sekunde verbuchte.

Schlimmer noch die beiden Heimspiele gegen Sevilla und Paris im selben Jahr, in denen sich klar überlegene Dortmunder von einem unberechtigten Platzverweis sowie einem bis kurz vor Spielende vollkommen ungefährlichen Gegner selbst einlullen ließen.

"Wir haben uns das Ausscheiden im Grunde selber eingebrockt", sagte Klopp damals nach einem Remis in Sevilla, als sein Team einen Sieg fürs Weiterkommen benötigte, sich trotz Überlegenheit jedoch durch die teils unfaire Spielweise der Spanier in einen emotionalen Zustand versetzen ließ, in dem mit aller verspürten Ungerechtigkeit die eigene Linie abhandenkam.

Borussia jetzt in Europa angekommen

In der letzten Saison, als dann erstmals unter Klopp auch dienstags und mittwochs das Flutlicht anging, war dieses Abkaufen des Schneids durch international erfahrenere Teams auch zu sehen.

Verantwortlich für das schlechte Abschneiden waren da ein mehrmals naives Festrennen in der national erfolgreich praktizierten Gegenpressingbewegung, mangelnde Durchschlagskraft in der Offensive, Schwächen in der Luft sowie in direkten Duellen auf den Außenbahnen.

Dortmund zog aus diesen Erfahrungen neue Motivation und vor allem die richtigen Schlüsse, wie man international routinierteren Mannschaften begegnet. Klopp verriet kürzlich, dass man die erneute Titelverteidigung vor Saisonstart auch durch die Transfer-Offensive des FC Bayern als unrealistisch einstufte und sich wie im Vorjahr mit dem DFB-Pokal nun die Königsklasse als geheimes Saisonziel aussuchte, um die erlittene Schmach zu tilgen.

Die Borussia ist jetzt - auch wenn schon im Viertelfinale gegen Malaga Schluss gewesen wäre - im europäischen Wettbewerb angekommen. Ihre Spielweise hat auf diesem Niveau wie die der Bayern stilbildenden Charakter erlangt, die Spielerqualität ist durch organisches Wachstum ins oberste Regal begehrter Transferziele vorgestoßen.

Kaum Verschnaufpausen für den Klub

Viel entscheidender jedoch ist, dass die so erfolgreich durchschrittene "Road to Wembley" das weltweite Erscheinungsbild des Klubs dramatisch verändert hat und verändern wird. Die nähere Geschichte von Borussia Dortmund "vom Ground Zero bis nach Wembley", wie Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke kürzlich titelte, trägt dazu das Gros bei. Sie geht einher mit frischem, modernem und frechem Fußball, der zu teils spektakulären Partien führen kann.

Dieses "Erlebnis BVB" ist deshalb so intensiv, weil es seit drei Jahren kaum Verschnaufpausen gibt. Der Verein rennt von Erfolg zu Erfolg, die wenigen sportlichen Rückschläge schaffen es nicht, die steile Gesamtkurve nach unten zu krümmen.

Das bedingt eine sich immer stärker verändernde Außenwahrnehmung, da sich der Klub in Rekordzeit auf ein Level gehievt hat, das auch für die Strippenzieher des Erfolgs eine Art Neuland darstellt. Und dort muss nun so agiert werden, als wäre man es schon seit Jahren gewohnt.

Liverpool nimmt sich BVB zum Vorbild

In diesem Kontext steht auch Klopps Darstellung, die Titelgewinne der letzten Jahre und der Einzug ins CL-Finale seien für den Verein, der sich nebenbei erstmals in seiner Geschichte dreimal in Serie für die Königsklasse qualifiziert, zu früh gekommen. Es ist der Glanz der frühen Gegenwart, der Dortmund momentan umhüllt und den Klub in atemloser Rasanz einnimmt.

Der Wandel zum Big Player im Klubfußball äußert sich beim BVB auf mehreren Ebenen. Dortmunds Weg dient mittlerweile einerseits als Vorbild für Mannschaften, die hinter einstigen Glanzzeiten her rennen. Mitte April veröffentlichte beispielsweise der FC Liverpool auf seiner Homepage ein Statement von Trainer Brendan Rodgers, der die Entwicklung des BVB als "Blaupause" anführt und sich bei der Neustrukturierung an der Anfield Road "am Beispiel von Borussia Dortmund" zu orientieren versucht.

Dieses neue Leitbild hängt andererseits auch mit der Außendarstellung des Vereins zusammen, der sich in seinen Bestrebungen, zum zweiten Leuchtturm des deutschen Fußballs zu werden, als klarer Antipode zu Branchenführer Bayern München positioniert. Es fällt oft das Wörtchen "westfälisch", wenn Watzke über Charakteristiken seines Klubs spricht. Darin stecken Attribute wie Demut und Bodenständigkeit, die sich deutlich gegen den selbstbewussten Münchner Claim "Mia san mia" absetzen und eher eine Arbeitermentalität verkörpern.

"BVB ist der größte gesellschaftliche Kitt"

Diese Definition legt der BVB-Boss auch zugrunde, wenn er davon spricht, dass die Erwartungshaltung rund um den Klub noch dieselbe sei wie vor drei Jahren. Denn: "Der BVB ist der größte gesellschaftliche Kitt, den es in Dortmund gibt. Wir haben nicht die Freizeitmöglichkeiten wie in Hamburg, München oder Wien. Die Borussia ist das, worauf diese Stadt am meisten stolz ist. Insofern fokussiert sich hier alles auf den BVB." Und die Menge ist - im westfälischen Sinne der Geschichte des Vereins Rechnung tragend - in der Tat demütig genug, um den Höhenflug nicht zum Anlass zu nehmen, von nun an dauerhafte Titelgarantien zu verlangen.

Dass der BVB ab sofort wieder zu den europäischen Schwergewichten zu zählen ist, belegen nicht zuletzt jedoch neue wirtschaftliche Dimensionen. Das ertragreiche "Projekt Borussia 2.0" (Watzke) beschert dem BVB Beträge, denen man in der bald 104-jährigen Vereinsgeschichte noch nicht begegnet ist.

"Wir haben schwierige Entscheidungen auf einem sehr hohen Qualitätsniveau der Spieler zu treffen. Was das Ganze erschwert: Bei den wenigsten Spielern, für die wir uns interessieren, laufen die Verträge aus. Und es ist entweder so, dass die Vereine keine Kohle brauchen, oder sie zocken so lange, bis wir aussteigen", beschreibt Klopp die neue Ausgangslage.

Kein Vergleich zur Zeit des CL-Siegs 1997

Über 70 Millionen Euro wird die Champions League einbringen, rechnet man die Einnahmen des Verkaufs von Mario Götze hinzu, steigt das Guthaben auf eine dreistellige Millionensumme an. Dortmund kann es sich leisten und jetzt überlegen, ob Spieler der ersten Güteklasse, deren Transfers hohe Millionenbeträge verschlingen, überzeugt werden sollen.

Im Gegensatz zu jener ähnlichen Zeit der deutlichen Kostenerhöhungen, in der Ende des vergangenen Jahrhunderts von Gerd Niebaum und Michael Meier schwerwiegende Fehler begangen worden sind, ist der Verein nun kerngesund. Im Löwenanteil des Kaders stecken dazu noch weitere Entwicklungspotentiale, während beim CL-Triumph 1997 eine von altgedienten Spielern geprägte Ära ihr Ende fand.

Die nackten Zahlen verdeutlichen, dass der heutige BVB eine andere Stufe als der Ende der 1990er erreicht hat. Man weist momentan noch Finanzschulden von 50 Millionen Euro aus (inklusive des vereinseigenen Stadions) und wird einen Umsatz erzielen, der rund 250 Millionen betragen dürfte. Zum Vergleich: Damals setzte der Verein 75 Millionen um, während das Schuldenvolumen bis Mitte des letzten Jahrzehnts auf beinahe 200 Millionen anstieg.

Personalkosten haben sich verdoppelt

Mit Hilfe des fatalen Vorbildes aus der Vergangenheit nimmt jetzt der Umgang mit der bisherigen Finanzstrategie und einer ansteigenden Kostenseite eine Schlüsselrolle ein.

In den beiden vergangenen Spielzeiten schnellte der Personaletat von 60 auf 80 Millionen Euro in die Höhe.

Seit der Saison 2009/2010 hat sich dieser Posten, in dem Spieler wie Pförtner bilanziert sind, so gut wie verdoppelt (2009/2010: 44,6 Millionen Euro, 2011/12: 79,9 Millionen). Doch mit ihm stieg auch der Vorsteuergewinn, der 2009 noch ein Minus auswies (2,9 Mio.), im Vorjahr aber gigantische 36,6 Millionen betrug.

Thomas Treß, Geschäftsführer Finanzen und Organisation beim BVB: "Die Geschichte von Borussia Dortmund hat gezeigt: Wir können kein Wettrüsten mit den Bayern gewinnen. Wir werden Altschulden sukzessive tilgen, aber den operativen Geschäftsbetrieb nicht über Finanzschulden neu finanzieren. Diese Strategie werden wir nicht ändern."

Rückstand auf FCB bleibt beträchtlich

Dieses Vorgehen hat in Verbindung mit dem anhaltenden sportlichen Erfolg auf nationaler Ebene bereits dazu geführt, dass die Westfalen den immer noch beträchtlichen Rückstand auf die Bayern zumindest beim Umsatz um 65 Prozent verringern konnten. Aber "genauso ist unser Vorsprung vor allen übrigen deutschen Klubs für die nächsten Jahre zementiert", sagt Watzke.

Auf internationaler Ebene agieren hingegen deutlich mehr (neu-)reiche Klubs als in der Bundesliga. Dort helfen Borussia Dortmund nur sportliche Erfolge, um sich im Geschäft der ganz Großen festzusetzen. Ende der 90er gelang dies durch den Gewinn der Champions League. Es wäre die Katharsis einer Entwicklung, die in einer Tragödie begann.

Borussia Dortmund: News und Informationen

Werbung
Werbung
Werbung
Werbung