Jürgen Klopp: Spagat unter dem Brennglas

Von Jochen Tittmar
Dienstag, 09.04.2013 | 13:37 Uhr
Jürgen Klopp absolvierte als Aktiver 325 Profispiele und schoss dabei 52 Tore
© getty
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Die Popularität von Jürgen Klopp stößt zuletzt immer wieder an ihre Grenzen, weil sich die Wahrnehmung des Trainers im Zuge des immensen Dortmunder Erfolgs verändert hat. Klopp muss mit dem Spagat leben, sich einerseits treu zu bleiben und Herr seiner Emotionalität zu sein.

Im Frühling 2005 setzte Jürgen Klopp sein Autogramm unter den wichtigsten Vertrag seines Lebens. In der Zeile direkt daneben stand nicht die stellvertretende Unterschrift eines Fußballklubs, sondern eine vom "ZDF". Es war der Anfang von Klopps analytischer Arbeit als TV-Experte.

Der deutschen Öffentlichkeit wurden während der WM 2006 und der EM 2008 mittels virtueller Hilfen erstmals Spielzüge und taktische Herangehensweisen von Fußballmannschaften veranschaulicht. Doch ohne Klopps natürliche Gabe, seine fachkundigen Aussagen in einer für alle Zuschauer verständlichen Sprache zu transportieren, wäre diese Revolution, die heute zum guten Ton der Fernsehberichterstattung gehört, niemals möglich gewesen.

Nächstes Highlight Halbfinale?

Aus Klopp wurde der TV-Bundestrainer, der mit einer Kombination aus lässiger Kleidung, flapsigem Mundwerk und der Aura eines Kumpels von nebenan die Sympathieranglisten des Landes hinaufkletterte. Er trainierte zu dieser Zeit in Mainz einen Verein, der als bodenständiger Underdog durch die Bundesliga tingelte und von Triumph und Scheitern erzählte.

Die damals begründete Popularität begleitete ihn 2008 auch nach Dortmund. Dort traf er auf einen Klub, der am Boden lag und dessen Umfeld voller Resignation steckte.

Die Geschichte, wie Klopp die Borussia aus der größten Talsohle der Vereinsgeschichte holte, wurde schon dutzende Male erzählt. Zahlreiche sportliche Highlights erreichten mit dem Doublesieg 2012 ihren vorläufigen Höhepunkt. Doch nun steht der Coach mit seinem Team an diesem Dienstag beim Champions-League-Rückspiel gegen den FC Malaga vor dem Einzug in die Runde der besten vier europäischen Mannschaften und somit einer nächsten Glanzleistung.

Popularität erreicht Grenzen

Klopp hat aus Borussia Dortmund eine Spitzenmannschaft geformt, deren Fußballspiel stilbildend wurde und seit dieser Saison auch international jene Anerkennung genießt, die sie seit rund 30 Monaten auch innerhalb der Landesgrenzen erfährt.

Er ist das Gesicht des Erfolgs. Jeder will etwas von ihm, jeder zerrt an ihm. Er ist Kandidat auf den Posten des Bundestrainers und omnipräsenter Werbeträger. Doch die Begeisterung, die er rund um Dortmund erfährt, hat längst Dimensionen angenommen, die er als grenzwertig empfindet. "Heute kannst du nicht mehr an dein Konto gehen, ohne dass Kloppo dir zuschaut", bringt sein guter Freund und Mainz-Manager Christian Heidel in Anlehnung an Klopps Zusammenarbeit mit einer Bank treffend auf den Punkt.

"Ich muss doch irgendwo hingehen können, wo ich keinen Applaus kriege", sagte Klopp im Sommer. Diese Forderung hat zweierlei Gründe: Er hält es zum einen für ungerecht, dass sich der Fokus oftmals auf ihn statt auf seine Spieler richtet. Zudem fällt es ihm offensichtlich nicht leicht, mit der veränderten Wahrnehmung seiner Person umzugehen, da er für sich selbst in Anspruch nimmt, dass die Grundzüge seines Wesen trotz des unaufhörlichen Ritts auf der Euphoriewelle nie einer fundamentalen Veränderung unterlagen.

Neue Interpretation des Kloppschen Charakters

Klopp stand schon immer für Emotionen, Echtheit und Süffisanz. Im Umgang mit seinen Mitmenschen wurden ihm bereits als Spieler und Trainernovize in Mainz Zugänglichkeit, Aufgeschlossenheit und Wissensdurst attestiert. Heidel bestätigt, dass Klopp immer er selbst geblieben ist: "Kloppo ist authentisch, er gibt sich so, wie er ist. Diejenigen, die behaupten, dass er sich verändert hat, kannten ihn vorher nicht."

Doch der Erfolg führte zwangsläufig zu einer neuen Interpretation seines Charakters. Da Klopp eben nicht jedermanns Kumpel sein kann und der überwiegende Teil lediglich seine Auftritte auf dem öffentlichen Parkett zu beurteilen vermag, hievte ihn der Erfolg auf natürliche Weise in eine Position, aus der heraus ihm seit einiger Zeit das mitreißende Temperament und die extreme Intensität, mit der er die Spiele seiner Mannschaften begleitet und bespricht, teilweise nicht mehr nur positiv ausgelegt werden.

Klopp weiß, dass dies aus einer Mischung seiner eigenen Fehltritte sowie der Tatsache herrührt, dass man Helden auch gerne dabei zusieht, wie sie vom Thron gestoßen in die Tiefe purzeln.

Lebensfähige Naivität und Dummheit

So kommt der so schlagfertige Fußballlehrer dann auch einmal ins Plaudern und lässt vor einer Handvoll Beobachtern im Presseraum quasi im Vorbeigehen eine Bemerkung fallen, die als Attacke auf den FC Bayern München verstanden werden muss, nur Stunden später als sogenannter China-Vergleich über die Ticker der Agenturen läuft und bis zu seiner Entschuldigung einen gefühlten Flächenbrand auslöst.

Oder aber seine Emotionen rund um ein Fußballspiel seiner Mannschaft geraten dermaßen in Wallung, dass er aus einer aggressiven Grundhaltung heraus unwirsch Schiedsrichter-Assistenten angeht, zweideutige Gesten macht oder die Ungerechtigkeit eines Ergebnisses sichtlich gereizt bei allen außer sich selbst zu suchen scheint.

"Mit mir als Mensch hat das relativ wenig zu tun", sagt Klopp über seine gelegentlichen Auftritte an der Seitenlinie, die ihm bei Betrachtung der Bilder peinlich berühren. "Ich habe so eine lebensfähige Naivität und Dummheit in mir. Viele Dinge, über die man sich Gedanken machen könnte, über die mache ich mir keine Gedanken", sagt er über sich selbst.

Klopp bleibt Autodidakt

Wenn man Klopps Zeit unter dem Brennglas der Öffentlichkeit beobachtet, muss man zum Schluss kommen, dass es ihm gar nicht möglich ist, etwas an der Emotionalität seines Coachings und somit seiner Eigenarten zu verändern. Eine eingeübte Zurückhaltung, wie sie manche seiner Kollegen gerade im Erfolgsfall an den Tag legen, ist seine Sache nicht und wird sie wohl auch niemals werden.

Klopp ging vielmehr seit jeher spontan und autodidaktisch vor. "Ich habe mich nicht informiert, bei niemandem nachgefragt, niemanden beobachtet, nichts gelesen. Mühsam erarbeitet sind null Prozent", antwortete er einmal auf die Frage, wie er sich als Mensch und Trainer selbst aus- und weitergebildet habe.

Das ist andererseits auch ein Grund für seine Beliebtheit: Klopp erscheint der breiten Masse trotz des Ruhms, des Drucks und des Geldes als geerdet. Er arbeitet mit Kalkül sowie Intuition und schwebt dabei nicht in Sphären, in denen der Ottonormalbürger vergeblich nach Identifikation sucht.

So muss er mit dem Spagat leben, sich einerseits treu zu bleiben und auf der anderen Seite im Griff zu haben. Er sagt, er arbeite daran, dass das von Grimassen verzerrte Gesicht seltener zum Vorschein kommt. Würde es ganz fehlen, wäre Klopp nicht mehr er selbst - und das kann ja keiner ernsthaft wollen.

Jürgen Klopp im Steckbrief

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