Real Madrid vor dem Halbfinal-Rückspiel

Elf Juanitos sollt ihr sein

Von Thomas Jahn
Montag, 29.04.2013 | 17:23 Uhr
Real Madrids Hitzkopf Juanito (l.) bekommt eine seiner unzähligen Verwarnungen ausgesprochen
© imago
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Er spuckte, verteilte Kopfstöße und trat auf am Boden liegende Gegenspieler ein - dennoch wird Juanito auch 21 Jahre nach seinem Unfalltod von Real Madrids Fans verehrt wie ein Heiliger. Sein Geist soll Cristiano Ronaldo und Co. im Halbfinal-Rückspiel gegen Borussia Dortmund beflügeln (Di., 20.30 Uhr im LIVE-TICKER). Die bewegte Karriere des "Wunders" von Madrid...

Wie geprügelte Hunde standen sie da, die Profis von Real Madrid. Als ob das bittere 1:4 in Dortmund nicht bereits Strafe genug gewesen wäre, wurde auch die Rückreise in die spanische Hauptstadt zum Spießroutenlauf für Ramos, Ronaldo und die anderen. Einige hundert Fans hatten sich zu später Stunde am Flughafen Münster versammelt, von dem aus die Mourinho-Elf den Heimweg anrat.

"Weniger Geld, mehr Eier", brüllte der aufgebrachte Mob hinter den Gitterzäunen den Fußballern entgegen, während diese betreten vom Mannschaftsbus zum Check-In schlichen. Die Fans ließen eine eindeutige Forderung für das Rückspiel im Estadio Santiago Bernabeu folgen: "Elf Juanitos, wir wollen elf Juanitos sehen!"

Wie so oft zuvor beschwören die Anhänger der Blancos damit in Krisenzeiten den Geist des 1992 verstorbenen Juan Gomez Gonzalez, besser unter dem Namen Juanito bekannt. Auch 21 Jahre nach seinem tödlichen Verkehrsunfall bei Merida, wo der damals 37-Jährige den ortsansässigen Klub als Trainer betreute, verehrt man Juanito in Madrid als eine Art Schutzpatron.

"Juanito, das Wunder"

"Illa, illa, illa, Juanito maravilla, se ve, se siente, Juanito está presente", hallt es im Bernabeu-Stadion regelmäßig in der siebten Spielminute aus der Kurve, was übersetzt so viel wie "Illa, illa, illa, Juanito das Wunder, man kann es sehen, man kann es fühlen, Juanito ist anwesend" bedeutet.

Bei weitem nicht die einzige Hommage an die Ikone mit der Rückennummer sieben: So ehrte man den in Malaga geborenen Außenstürmer im letztjährigen Halbfinal-Rückspiel der Champions League gegen den FC Bayern mit einer gigantischen Fan-Choreographie, die neben seinem Konterfei und der Nummer sieben auch die Aufschrift "Diese Tribüne vergisst dich nicht" zeigte.

Zuvor hatte die "Marca" die Bayern mit einem berühmten Juanito-Zitat auf der Titelseite begrüßt: "90 minuti en el Bernabéu son molto longo" ("90 Minuten im Bernabeu sind sehr lang"). Diese auch über 20 Jahre nach seinem Tod andauernde Verehrung verdankt Juanito vor allem seinem Arbeitsethos. Mit bedingungslosem Einsatz und totaler Hingabe spielte sich der Rechtsfuß nachhaltig in die Herzen der Madridista und wurde so zur absoluten Identifikationsfigur.

Zusammen mit der legendären Quinta der Buitre, einem Quintett aus dem Real-Nachwuchs, zu dem unter anderem Emilio Butragueno (El Buitre) und Michel gehörte, schrieb Juanito in den 80er Jahren Geschichte. Nach zum Teil schweren Hinspielniederlagen produzierte er mit dem damaligen Team im Estadio Bernabeu magische Europapokal-Nächte und kleine Fußballwunder in Serie.

Juanito: Sinnbild für Real-Comebacks

So wie in der UEFA-Cup-Saison 1984/85: Das Hinspiel im Zweitrunden-Match gegen Rijeka vermasselte Real komplett (1:3), im Rückspiel fegten die Spanier die Kroaten mit 3:0 vom Platz - unter den Torschützen: Juanito. Auch im Halbfinale ging man in der ersten Begegnung gegen Inter als klarer Verlierer vom Feld (0:2), im zweiten Vergleich drehte Real den Spieß um und zog mit einem 3:0 ins Finale ein.

Irre Comebacks gab es auch in der nächsten Europapokal-Saison: In der dritten Runde ging man gegen Borussia Mönchengladbach im Hinspiel noch mit 1:5 unter, schaltete die Fohlen im Rückspiel jedoch schließlich mit 4:0 aus. Ähnlich verlief das Halbfinale gegen Inter: Nach einem 1:3 in Mailand explodierte Real im Rückspiel und siegte nach Verlängerung mit 5:1.

Die niemals abzuschreibende Truppe um Antreiber Juanito beendete so Reals internationale Durststrecke von 19 Jahren und holte sowohl 1985 als auch 1986 den UEFA-Cup. Bis heute wird sein Name mit Kampfgeist und der Qualität, selbst in aussichtslosen Situationen nicht aufzugeben, gleichgesetzt. Eine Qualität, die vom aktuellen Madrider Team im Rückspiel gegen Dortmund dringend gefordert ist.

Juanito-Transfer sorgt für Zwiespalt

Der 1976 für 50 Millionen Peseten (heute: 300.000 Euro) vom FC Burgos zu den Königlichen gewechselte Angreifer ließ schon kurz nach seinem Transfer durchblicken, mit welcher Hingabe er für seinen neuen Klub auftreten würde. "Hierher zu kommen, hat sich angefühlt, wie den Himmel zu berühren", sagte er damals.

Dass seine Hingabe jedoch mitunter auch ein wenig über das Ziel hinaus schoss, spaltete das Fanlager in Madrid damals in zwei Hälften. Einige sahen ihn als unermüdlichen Kämpfer an, der Reals Ehre mit Händen und Füßen verteidigte, anderen bereitete sein überbordendes Temperament Sorgenfalten.

Argumente für die zweite Fraktion lieferte Juanito zuhauf. So kassierte er 1978 eine zweijährige Sperre für internationale Wettbewerbe, nachdem er Referee Adolf Prokop und dessen Assistenten wiederholt mit Kopfstößen bedacht hatte. Auch eine Spuckattacke auf seinen Ex-Teamkollegen Uli Stielike im UEFA-Cup-Match gegen Xamax Neuchatel bestätigte seinen Ruf als Hitzkopf.

Fünf Jahre Sperre für Attacke gegen Matthäus

Seinen legendärsten Aussetzer hatte Juanito jedoch 1987: Im Halbfinale des Landesmeister-Pokals gegen den FC Bayern brannten ihm beim Stand von 0:3 sämtliche Sicherungen durch. Nachdem Lothar Matthäus von einem Real-Spieler zu Fall gebracht wurde, stürmte Juanito wie ein Derwisch auf den am Boden liegenden Nationalspieler zu, rammte ihm seine Stollen mit voller Wucht von oben in den Rücken, schrie das sich vor Schmerzen windende Opfer an und trat anschließend nochmals brutal in Matthäus' Gesicht.

Juanitos brutaler Ausraster im Video

"Dass sich Lothar nicht den Kiefer bracht, war ein Wunder. Lothar erzählte nachher, er habe geglaubt, Juanito hätte ihn umbringen wollen", erinnerte sich Ex-Teamkollege Andreas Brehme. Unter Tränen schritt Juanito damals vom Feld, schon zu diesem Zeitpunkt schien er zu ahnen, dass ihn eine drastische Strafe erwartet. Das Urteil der UEFA: Fünf Jahre Sperre für alle internationalen Wettbewerbe.

Juanito zeigt tiefe Reue

"Ich war in meiner Karriere als Fußballer schon immer eine Person mit zwei Ichs. Und heute hat sich das böse und irrationale Ich gegen das rationale Ich durchgesetzt", sagte der Übeltäter in seiner Entschuldigung unmittlebar nach der Partie: "Ich habe eine Dummheit begangen, die ich mehr als bereue. Ich entschuldige mich bei dem Spieler, dem ich das angetan habe."

"Das einzige, was ich sagen kann ist, dass ich mich verfluche, dass ich dieses irrationale Verhalten verfluche, welches ich in den letzten Jahren zu zähmen und unter Kontrolle zu bringen versucht habe. Doch heute ist es wieder zum Vorschein gekommen - es tut mir leid", erklärte er weiter.

Noch im selben Jahr verließ er Real Madrid im Alter von 33 Jahren mit zwei UEFA-Cup-Siegen, vier Meisterschaften und zwei Pokalsiegen im Gepäck. Juanito ließ seine Karriere in seiner Heimatstadt bei CD Malaga allmählich ausklingen - wie er es dem Klub einst versprochen hatte.

"Ich gehe jetzt nach Malaga, aber ich werde eines Tages als Trainer hierhin zurückkehren", sagte er bei seinem Abschied in Madrid. Zurückkehren konnte Juanito nicht, doch noch immer scheint es, als wäre er nie wirklich weg gewesen. Am Dienstag braucht ihn Real Madrid mehr denn je.

Real Madrid im Steckbrief

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