Bayern-Gegner Juventus als Marke

Der Drache mit den sieben Köpfen

Von Oliver Birkner
Dienstag, 02.04.2013 | 13:00 Uhr
Seit nunmehr fast hundert Jahren eine Institution im italienischen Fußball: der FC Juventus Turin
© getty
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Einst in einer Fahrradwerkstatt gegründet, entwickelte sich Bayerns Champions-League-Gegner Juventus Turin (Di., 20.30 Uhr im LIVE-TICKER) schnell zur Institution Italiens. Juves Einfluss geht dabei weit über den Calcio hinaus. 2013 ist ein gutes Jahr, um sportlich auch wieder über Europa zu thronen.

"Die Juve ist Ehefrau, Liebhaberin und Mutter zugleich. Sie ist Venus, die dir bisweilen die Hörner aufsetzt, und die Heilige Jungfrau Maria. Heidin und Katholikin. Und ihre Tifosi fallen auf die Knie, wenn sie nach dem Ehebruch der Niederlage in deren Arme zurückkehrt." (Jean Cau, französischer Schriftsteller und Journalist)

Für den melodischen Charme war es freilich von Vorteil, dass sich einige Schüler und die beiden Besitzer einer Fahrradwerkstatt im Herbst 1897 auf Juventus einigten. Denn als sie auf der Bank nahe ihres Turiner Gymnasiums über den Namen eines Fußball-Klubs diskutierten, standen auch "Verein Via Fort" und, in Anlehnung an die Schule, "Sportverein Massimo D'Azeglio" zur Abstimmung.

Die Burschen dachten kaum, über einen der später weltweit populärsten Vereine zu beraten - die legendäre Geburts-Bank steht heute noch im Klub-Hauptquartier. Mit einer weiteren glücklichen Eingebung wechselte man in den 1930ern die Trikotfarben vom ursprünglichen Rosa plus schwarzer Krawatte zum augenfreundlicheren Weiß-Schwarz.

Das englische Klubmitglied John Savage hatte bei einem Bekannten einen Trikotsatz geordert - der schickte von der Insel die Jerseys seines Vereins Notts County. Deren Anhänger feiern imposante Leistungen bisweilen heute noch mit "It's just like watching Juve!"

Eine italienische Institution

Seit der Geburt holten die Turiner 51 Titel, gewannen als erste überhaupt alle drei Europapokale und bedeuten in Italien nicht nur Calcio, sondern von Südtirol bis Sizilien ebenfalls ein zementiertes kulturelles Phänomen. Ab 1923 wuchs Juventus graduell zu einer italienischen Institution, die sich über den Calcio hinaus gleichsam in die soziale Geschichte des Landes eingrub.

In jenem Jahr übernahm Fiat-Besitzer Edoardo Agnelli den Verein, der zwischen 1925 und 1935 sechs Meisterschaften gewann, und mittlerweile mit 28 Scudetti einsam über dem Rest der Serie A thront.

Ursprünglich hatte sich die Weltanschauung deutlich auf beide lokalen Teams verteilt. In seinem Roman "Die zwei Städte" illustrierte Autor Mario Soldati.

"Sie gingen über die Piazza Vittorio, die im Abend-Schatten verschluckt lag. Sie sprachen über Fußball. Emilio war selbstverständlich für Juventus, die Mannschaft der Gentlemen, Industrie-Pioniere, derjenigen, die aufs Gymnasium gegangen waren: der reichen Bourgeoisie. Giraudo, war genauso selbstverständlich für Toro, die Mannschaft der Arbeiter, der Einwanderer aus den Grenzländern, derjenigen, die die Handelsschule besucht hatten: der Kleinbürger und Armen."

Entwicklung zur Marke

Infolge der Fiat-Übernahme verbreiteten sich Juve-Sympathien auch inmitten der Industriearbeiter, viele von ihnen Süditaliener, die auf Arbeitssuche gen Norden gezogen waren. Die Migrationswelle sollte sich zwischen den 1950ern und frühen 70ern massiv wiederholen.

Und während die anderen Klubs noch restlos lokale Unterstützung genossen, avancierte Juventus um 1930 zum ersten italienischen Verein mit Nationalcharakter. So wählte die erste landesweite Fußball-Radioübertragung im Mai 1932 folglich eine Juve-Partie, das erste Live-TV-Experiment der öffentlich-rechtlichen "Rai" 1950 ebenfalls.

Abgehoben vom Calcio bedeutet Juventus Ideologie und Machtfrage, sie ist auch fester Teil der Pop-Culture, ob in Disneys lustigen Taschenbüchern, Filmen, Liedern und Romanen. In der häufig indifferenzierten Symbiose von hiesigen Politik- und Sportinteressen gerät Juventus nicht selten zum exemplarischen Anstoß scharfer Polemiken.

Selbst im Parlament wurde vor unwichtigeren Landesfragen des öfteren erst einmal die Berechtigung eines Turiner Elfmeters gründlich ausdiskutiert.

Auch das Abgeordnetenhaus verfügt über einen eingeschriebenen Juventus-Fanklub, kein Wunder, denn knapp ein Drittel des gesamten Fanvolumens Italiens hat sich den "Bianconeri" verschrieben und in reichlich Städten zählt man mehr Tifosi als die Lokalmatadoren.

Inflationäre Triumphe und atemberaubende Persönlichkeiten steuerten im VIP- und Erfolgs-affinen Italien einen signifikanten Teil zur Faszination bei. Als der Rekordmeister 2006 zur Strafrunde in die Serie B geschickt wurde, drehte die traditionell immense Juve-Hochburg Süditalien durch.

Das "Jahr Null" und der Wiederaufbau

Das kalabrische Crotone beispielsweise strich für den Ehrengast das Stadion neu und zelebrierte den Feiertag auf der Piazza mit pompöser Großbildleinwand - die hatte man dort nicht einmal für das WM-Finale wenige Monate zuvor aufgestellt. Am Ende bejubelte die gesamte Stadt im Ausnahmezustand den Sieg der Gäste.

Die Serie A hingegen stöhnte über eine Saison mit Einbrüchen in Sponsoren- und Eintrittsgeldern ohne den populärsten Eckpfeiler der Liga. Laut Andrea Agnelli, vierter Präsident der Fiat-Dynastie, fügte das Urteil im Manipulationsskandal der Marke Juventus einen Schaden von 440 Millionen Euro zu.

In einem Land, wo der Sport, darunter hauptsächlich Calcio, 2,5 Prozent des Bruttoinlandsproduktes ausmacht, formt Juventus einen eklatant wichtigen Wirtschaftsfaktoren, von dem TV, Liga und auch Dienstleistungssektoren wie Hotels oder Gastronomie enorm profitieren.

Nach dem selbsterklärten "Jahr null" 2006 schlüpfte Juve sukzessive wieder in die Pionierrolle des Calcio. Neben der erträglichsten Nachwuchsarbeit der Liga, einem national fast konkurrenzlosen Kader und einer für die Serie A ungewöhnlich funktionalen Marketingarbeit, refinanzierte man 2011 intelligent das erste vereinseigene Stadion des Landes, inklusive Einkaufszentrum und Klubmuseum. Bereits im ersten Jahr steigerten sich die Erträge um 35 Millionen Euro.

"Ein Drache mit sieben Köpfen"

Der Verein selbst propagiert sich als Lebensstil der bella figura und mondäne Weltmarke mit ungeschriebenem Erfolgsanspruch. Nun will man sich dank der oft beschworenen Juve-DNA schnellstmöglich wieder unter der europäischen Elite festsetzen. Für das ominöse Siegesgen existieren prominente Zeugen en masse.

Der aktuelle Coach und Ex-Juventino Antonio Conte versicherte, allein sein Atem würde die Juve-DNA versprühen. "Der Klub ist ein Drachen mit sieben Köpfen", sagte Giovanni Trapattoni. "Schlägst du einen ab, springt ein neuer hervor, der nach Erfolgen lechzt."

Sir Alex Ferguson bekannte einmal: "Ich zeigte meinem Team Kassetten von Juve-Partien und sagte: Schaut nicht auf Technik oder Taktik, die besitzen wir ebenfalls. Doch diesen absoluten Willen zum Sieg, den müsst ihr verdammt nochmal lernen." Sarkastische Stimmen blieben freilich nicht aus. Inters "Magier" Helenio Herrera beliebte abfällig anzumerken: Juventus gleich Fiat gleich Macht.

In der Königsklasse half diese Unterstellung selten. Die "Bianconeri" gewannen zwei Finals und verloren fünf. Nach dem letzten Triumph 1996 soll es nun endlich wieder klappen. Schließlich erreichte man seit 1973 in jedem Jahr ein Europapokal-Finale, das mit einer 3 endete. Ein Drittel der italienischen Tifosi wird dafür mitfiebern, der Rest den Bayern alles Gute wünschen.

Der aktuelle Kader im Überblick

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