Sahin und Leitner: Mission Durchbruch stockt

Von Jochen Tittmar
Dienstag, 05.03.2013 | 10:42 Uhr
Beim Hinspiel in Donezk saß Sahin (M.) 90 Minuten auf der Bank, Leitner (r.) wurde eingewechselt
© spox
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Als Nuri Sahin zu Borussia Dortmund zurückkehrte, zweifelten viele an den Zukunftsperspektiven des jungen Moritz Leitner. Doch Leitner rutschte nicht aufgrund der zu großen Konkurrenz aus der Sechser-Lotterie beim BVB - Trainer Jürgen Klopp plant mit ihm nun im Offensivbereich. Sahin dagegen soll weiterhin das defensive Mittelfeld verstärken, sucht in den entscheidenden Wochen der Saison aber weiterhin nach Orientierung.

Das Getöse um die Vollzugsmeldung des Wechsels von Nuri Sahin zu Borussia Dortmund hatte sich noch nicht gelegt, da diskutierte man bereits die Auswirkungen seiner Rückkehr auf das Mannschaftsgebilde.

Vier Spieler wurden im Dortmunder Kader gezählt, die auf Sahins Position im defensiven Mittelfeld zu Hause sind. Die Nummer vier dieser Reihenfolge war Moritz Leitner, für den befürchtet wurde, in der Sechser-Hierarchie einen weiteren Rang abzustürzen.

Leitner nicht mehr Teil der Sechser-Lotterie

Nun war es tatsächlich so, dass Sahin und Leitner seitdem erst zwei Minuten gemeinsam auf dem Feld standen. Die Annahme, die im Januar angestellt wurde, dass Sahin Leitner noch mehr ins Abseits drängt, bewahrheitete sich aber nicht.

Das hat zweierlei Gründe. Sahin und Leitner beobachten zum einen den Großteil der Partien von der Bank aus und begegneten sich nur in den Schlusssekunden der Heimspiele gegen Nürnberg und Frankfurt auf dem Rasen. Erschwerend hinzu kommt die Tatsache, dass Leitner in den Überlegungen von Trainer Jürgen Klopp aus der Sechser-Lotterie herausrutschte - dank seiner Flexibilität.

"Sahin gibt uns viel mehr Möglichkeiten im Mittelfeld, mit ihm können wir andere Sechser für offensivere Positionen freimachen", beantwortete Klopp die Frage zu den Folgen des Sahin-Transfers.

Leitner in Gladbach erstmals Zehner

Dass er dabei vorrangig an eine phasenweise Versetzung von Ilkay Gündogan auf die Zehnerposition dachte, gilt als sicher. Dortmund kann es sich aber aktuell nicht leisten, freiwillig auf Gündogan im defensiven Mittelfeld zu verzichten. Dafür ist der deutsche Nationalspieler zu wichtig für die Schlagzahl des BVB-Offensivvortrags.

Die 80 Minuten Spielzeit, die Klopp Leitner bislang in der Rückrunde gönnte, stützen die Beobachtung, dass der Ex-Löwe in Dortmund ab sofort seinen Platz in der offensiven Dreierreihe suchen muss. Klopp setzte Leitner ausschließlich als Zehner ein, gegen Gladbach durfte er diese Rolle erstmals bei den Westfalen von Beginn an ausfüllen.

Die Versetzung hat jedoch weniger mit der schwachen Statistik zu tun, die Leitner in der Hinrunde vorzuweisen hatte. Mit ihm als reinem Sechser fuhr Dortmund nämlich in vier Partien keinen einzigen Sieg ein (ein Remis, drei Niederlagen) und kassierte elf Gegentore.

Vielseitigkeit als Fluch der guten Tat

Sie ist vielmehr durch eine Mischung aus dem verstärkten Konkurrenzkampf im defensiven Mittelfeld und Leitners gesamten Darbietungen auf diesem Einsatzgebiet zu erklären. Leitner stieg im Sommer in seiner Heimat München zusammen mit seinem eigenem Physiotherapeuten zwar frühzeitig ins Training ein und überraschte später selbst seine Mitspieler mit einem deutlich muskulöseren Oberkörper.

Ein Zweikampfmonster wird er in diesem Leben aber nicht mehr. Diese Eigenschaft ging ihm in vielen Partien als Sechser eindeutig ab. Dazu kommt sein natürlicher Drang, die offensiven Räume hin und wieder einen Tick zu sehr besetzen zu wollen, was dann für das Gleichgewicht des Spiels nicht immer von Vorteil ist.

Wie beispielsweise bei Kevin Großkreutz ist die Vielseitigkeit für Leitner so etwas wie der Fluch der guten Tat. Während er bei 1860 München nahezu immer als Sechser ran durfte, stellte ihn Jos Luhukay während seiner Ausleihe nach Augsburg als Achter auf den Halbpositionen auf, auch im zentral-offensiven Mittelfeld kam er dort zum Zug.

Leitner: "Ein junger Spieler muss spielen"

Klopp wiederum probierte es mit ihm ausschließlich auf der Sechs, der erhoffte nächste Schritt lässt jedoch auf sich warten. Leitner spielt in Dortmund gefällig, für die wenigen Gelegenheiten, sich anzubieten, aber auch häufig zu unauffällig. Entscheidende Szenen, die auch im Nachklapp einer Partie von Bedeutung wären, gab es von ihm bislang zu selten. In zehn der 39 Pflichtspiele im BVB-Dress durfte er beim Anpfiff auf dem Platz stehen, die Bilanz von zwei Assists und keinem Treffer ist mager.

Eine Umschulung muss Klopp nun also nicht vornehmen. Es dürfte der Entwicklung und dem Naturell des Spielers aber zuträglich sein, ihn künftig rein im Offensivbereich einzusetzen - in Dortmund.

Es war etwas unglücklich, dass nur einen Tag nach den aufgekommenen Spekulationen, Hertha BSC und der FSV Mainz 05 hätten Interesse an Leitner, im "Münchner Merkur" ein Interview veröffentlicht wurde, das eine gewisse Wankelmütigkeit bei ihm durchschimmern ließ: "Fakt ist, dass ein Spieler - gerade ein junger Spieler - nicht besser wird, wenn er auf der Bank sitzt. Ich hatte gehofft, ich könnte mich hier kontinuierlich entwickeln und würde zu immer mehr Spielzeiten kommen. Die Situation ist gerade nicht einfach für mich. Ich lasse jetzt mal alles auf mich zukommen und werde dann sehen, wie viel Einsatzzeiten ich bekomme. Eventuell muss man sich dann im Sommer unterhalten. Ein junger Spieler muss spielen", sagte Leitner da, befand andererseits aber auch: "Jetzt panisch zu werden, hilft keinem, am wenigsten mir. Ich sehe auch keinen Grund dafür, jetzt trotzig zu werden, wenn nicht sofort alles so läuft, wie ich es mir wünsche. Ich will mich durchbeißen. Ich kann meine Situation gerade eh nicht ändern."

Sahin noch nicht auf der Höhe

In dieser Lage befindet sich auch Sahin. Zu seinem 90-minütigen Auftritt bei der Pleite gegen den HSV gesellen sich bislang mickrige 38 Einsatzminuten. Als Sahin Mitte Januar vorgestellt wurde, betonten die Verantwortlichen, dass man ihm genügend Zeit geben wolle, auch um rechtzeitig zu den entscheidenden Wochen der Saison auf der Höhe zu sein.

Genau in dieser Phase befindet sich der BVB jetzt: Das Pokalspiel in München, das Rückspiel gegen Schachtjor Donezk (20.30 Uhr im LIVE-TICKER), die Revanche im Derby gegen Schalke - nur spielt Sahin dabei eine ähnliche Außenseiterrolle wie Leitner.

Während er bei seinen Kurzeinsätzen die wenigen Gelegenheiten nicht nutzen konnte, um ein Glanzlicht zu setzen und ein bisschen Eigenwerbung zu betreiben, sah man gegen Hamburg, wie sehr sich Sahin noch an die Abläufe gewöhnen muss und selbst nach Orientierung sucht. Prompt kompensierte Klopp den Gündogan-Ausfall in Donezk mit Sven Bender und Sebastian Kehl, Letzterer war dabei Dortmunds Bester.

Kein Wort zur eigenen Situation

Klopp scheint es zu riskant, Sahin während des aktuellen Abschnitts der Saison einzusetzen. Die langen, teils diagonal gespielten Bälle, die fest in Sahins Repertoire verankert sind, gehören längst zu Mats Hummels' Aufgaben. Das druckvolle, vertikale Passspiel in die Offensive liegt wiederum in Gündogans Zuständigkeitsbereich. Da beides in Kombination am besten funktioniert, bleibt für Sahin kein Platz im Team.

Der Türke ist schlau genug, dies selbst zu erkennen und seine momentane Rolle hinzunehmen. Glücklich ist er damit natürlich nicht, aber er hält sich mit Äußerungen zurück und hat seit seiner Ankunft kein größeres Interview mehr gegeben. Sahin hat sich in Dortmunds Sechser-Hierarchie an letzter Stelle eingereiht. Dort, wo früher Leitner stand.

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