Fussball

Kratzer in der heilen Welt

Von Vom FC Bayern berichtet Thomas Gaber
In welche Richtung geht's für den FC Bayern? Robben, Kroos und Müller (v.r.)
© getty

Der FC Bayern geht schonungslos mit der Pleite gegen Arsenal um. Trainer und Spieler sind sich einig: Der Weckruf kommt im richtigen Moment. Fest steht auch: Ohne den Chef im Zentrum geht's nicht.

Nachdem alles vorbei - und gerade nochmal gut gegangen war, offenbarte Thomas Müller eine leicht masochistische Ader. "Wir mussten zittern, aber auf dem Platz mag ich eigentlich solche Situationen", sagte der Nationalspieler über die Schlussphase gegen Arsenal, die für die Bayern eigentlich unerträglich gewesen sein muss, angesichts einer drohenden historischen Blamage.

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Doch Müller fühlte sich zum ersten Mal in diesem Spiel wohl: "Da kann ich meine Qualitäten ganz gut einbringen: Kämpfen um jeden Millimeter, Zeitspiel an der Eckfahne. Das habe ich schon bei den Amateuren unter Hermann Gerland gelernt, da waren die Spiele immer knapp."

Kratzen, beißen, kneifen - ein Potpourri der Gehässigkeiten, angeeignet unter dem Tiger, dem Schleifer Gerland. Maloche in den letzten sieben, acht Minuten war auch das einzige probate Mittel des FC Bayern, um sich ins Viertelfinale der Königsklasse zu retten.

Arsenal beweglicher, agressiver

In den 85 Minuten zuvor hatten die Münchner gegen im Vergleich zum Hinspiel stark verbesserte, aber keineswegs Angst einflößende Gunners so ziemlich alles falsch gemacht. Nach 170 Sekunden stand's 0:1, weil die Bayern im Mittelfeld unsortiert waren und vier Pässe der Gunners 30 Meter vor dem eigenen Tor nicht unterbinden konnten.

"So etwas darf nicht passieren. Wir haben noch darüber gesprochen in der Kabine und vor einem frühen Gegentor davor gewarnt", sagte Arjen Robben.

Was im Anschluss bis zum Halbzeitpfiff folgte, war das schlechteste, was die Bayern in dieser Saison überhaupt gespielt haben. "Arsenal war beweglicher, aggressiver, lauffreudiger. Wir hatten dem in der ersten Halbzeit nicht viel entgegenzusetzen", analysierte Trainer Jupp Heynckes.

Das Mittelfeld gaben die Bayern in der ersten Halbzeit komplett preis. Schweinsteiger-Ersatz Luiz Gustavo kam nicht in den Rhythmus und verlor gleich die ersten zwei, drei Zweikämpfe. Er war auch im Spielaufbau nicht zu gebrauchen, da er nicht bereit war, die nötigen Meter zu gehen, um die ersten Bälle abzuholen.

Javi Martinez, der wegen der dritten Gelben Karte im ersten Viertelfinale gesperrt ist, stand ebenfalls neben sich. Er eroberte zwar gewohnt viele Bälle, konnte das Spiel aber nicht ordnen und wirkte seltsam gehemmt.

Bayern anderes Team ohne Schweinsteiger

Gustavo und Martinez bildeten in dieser Champions-League-Saison schon einmal die Doppelsechs - beim 1:3 in der Gruppenphase bei BATE Borissow. Auch da, im Oktober 2012, hatten die Bayern Probleme, das Zentrum in den Griff und Kontrolle über das Spiel zu bekommen.

"Bayern ist ein anderes Team ohne Schweinsteiger", sagte Owen Hargreaves, Champions-League-Sieger 2001 mit dem FC Bayern. "Da fehlt im Mittelfeld der Chef. Der Spieler, der das Spiel an sich reißt." Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge sagte, dass sich das Fehlen von Schweinsteiger und auch Franck Ribery "offensichtlich bemerkbar gemacht hat. Es hat Struktur in unserem Spiel gefehlt."

Unabhängig von der Abstinenz wichtiger Spieler mangelte es den Münchnern aber auch an der richtigen Einstellung. Robben konnte es sich nicht erklären, "warum wir so wenig aggressiv gespielt haben" und Toni Kroos stellte klar, "dass wir 0,0 Prozent nachlassen dürfen, wenn wir große Erfolge in der Champions League feiern wollen."

Seit dem Sieg im DFB-Pokal gegen Borussia Dortmund, dem ersten echten Highlight der Saison, haben die Bayern nicht mehr die Souveränität, mit der sie die Saison bis dato absolviert hatten. "The trend is your friend und seit drei Wochen spielen wir schönen Dreck", polterte Präsident Uli Hoeneß.

Abstruse Situation

In einem Punkt waren sich Trainer, Spieler und Offizielle hinterher einig: Es war ein Warnschuss im richtigen Moment, ein Wake-up-Call, der notwendig war, "um einige Dinge zu hinterfragen", wie Thomas Müller forderte.

"Wenn man in so einem wichtigen Spiel 2:0 zuhause verliert, wirft das natürlich Fragen auf in unserer heilen Welt. Das ist vielleicht gar nicht so schlecht, dass man schlecht spielt, aber trotzdem weiterkommt. Da kann sich mal wieder jeder Gedanken über sich selbst machen und wir als Mannschaft generell", so Müller.

Die Situation ist irgendwie abstrus. 20 Punkte Vorsprung in der Liga, DFB-Pokal-Halbfinalist und jetzt unter den besten acht Teams in Europa. Und dennoch herrschte nach dem Arsenal-Spiel Weltuntergangsstimmung.

Die deutlichen Worte und die schonungslose Selbstkritik sind aber Anzeichen dafür, dass es die Bayern in dieser Saison ernst meinen.

Die Kräfteverhältnisse haben sich durch ein schwaches Spiel auch nicht verschoben. Der FC Barcelona ist durch das 4:0 gegen Milan nicht auf einmal wieder unbezwingbar und die Bayern sind nach dem 0:2 gegen Arsenal auch nicht auf einmal raus aus dem Favoritenkreis für den Titel.

Die nächsten Tage dürften dennoch ungemütlich werden. "Die Spieler wissen schon, wie ich nach solchen Spielen reagiere", sagte Heynckes.

Die Zügel werden wieder angezogen, damit auch Uli Hoeneß wieder gut schlafen kann. "Ich erwarte eine klare Steigerung. Wenn wir so spielen wie gegen Arsenal, gewinnen wir gegen keinen. Wenn die Mannschaft die richtigen Konsequenzen zieht, ist es gerade noch fünf vor zwölf."

FC Bayern - FC Arsenal: Daten zum Spiel

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