Fussball

Er will doch nur spielen

Von Fatih Demireli
Cristiano Ronaldo kehrt an alte Wirkungsstätte zurück
© getty

Nicht nur Maschine, sondern auch Mensch: Real Madrids Cristiano Ronaldo hat sich der Fassade des unnahbaren Weltstars entledigt und erarbeitet sich eine neue - positivere - Wahrnehmung. Beim Gastspiel gegen seine alten Freunde von Manchester United (20.30 Uhr im LIVE-TICKER) wird ihm etwas widerfahren, was ihm oft verwehrt bleibt: Zuneigung.

Oft fängt es schon am Flughafen an. Beim Einlaufen ins Stadion geht es weiter und spätestens nach der ersten Aktion im Spiel wird es richtig laut. In der Wiederholungsschleife skandieren sie diesen einen Namen. Immer wieder. "Messi, Messi, Messi!"

Wie sollen Real und ManUtd spielen? Hier aufstellen!

Zugegen ist der Argentinier dabei nie. Natürlich hat Lionel Messi weltweit überdimensional viele Sympathisanten auf seiner Seite. Aber die Rufe haben weniger mit der Sympathie für Messi zu tun, sondern vielmehr mit der Antipathie, die Cristiano Ronaldo seit jeher entgegengebracht wird.

Selten zeigt Ronaldo eine Reaktion auf die Provokationen - mit Ausnahme seiner fast schon obligatorischen Calma-Geste, die er inzwischen sogar in Heimspielen präsentiert. Calma! Gebt Ruhe!

"Ich bin reich und schön"

Nur einmal rutschte es ihm auch verbal heraus: "Sie beneiden mich, weil ich reich, schön und ein großer Fußballspieler bin", posaunte der Portugiese nach einem Champions-League-Spiel in Zagreb.

In der Beliebtheitsskala stieg er damit nicht auf. Ronaldo bediente vielmehr das Klischee des Fußballerschnösels, für den man ihn vielerorts hält: Für den eitlen und selbstverliebten Schönling, der zwar zugegeben Fußball in einer nicht erreichbaren Gewichtsklasse spielt, aber sich mit diesem Bewusstsein selbst inszeniert wie kein anderer. Ganz im Gegensatz zum bescheidenen Messi.

Am Dienstag steht für Ronaldo wieder ein auswärtiger Auftritt an. Liebesbekundungen an Messi bleiben ihm zu seiner Freude diesmal erspart. "Cristiano wird einen besonderen Empfang bekommen", verspricht Sir Alex Ferguson vor Real Madrids Gastspiel bei Manchester United.

Beckham: "Die Fans mögen ihn"

Auch wenn Ronaldo die größte Waffe des Gegners ist, freut man sich bei ManUnited auf den Mann, der die Red Devils einst mit vielen Toren glücklich machte.

"Es gibt viele Dinge, die große Fußballer inspirieren. Ins Old Trafford zurückzukehren, wird für ihn ein ganz besonderer Abend, vor allem weil die Fans ihn mögen", sagt David Beckham, der wie Ronaldo einst für beide Klubs spielte und weiß, wovon er spricht: 2010 wiederfuhr ihm selbiges, als er mit Milan zu Gast in Manchester war.

Ich AG will menschliche Seite zeigen

Sympathie, Wärme, Zuneigung: Ronaldo wird es gut tun. Er will doch eigentlich nur eins: Fußball spielen. Mittlerweile geht es ihm aber auch darum, ein anderes Ich zu präsentieren. Der unnahbare Ronaldo, der wie eine Maschine Attraktionen produziert und dabei immer monströser wirkt, soll es nicht mehr werden. Die Ich AG will ihre menschliche Seite zeigen.

Zwar sagt Ronaldo, dass "es reicht, wenn nur Gott mich kennt", aber das Bestreben, eine andere Wahrnehmung zu bewerkstelligen, sagt etwas anderes. Viele Interviews und öffentliche Auftritte der letzten Wochen und Monate drehten sich um das Imageupdate zu Ronaldo 2.0.

Gerüchte, wonach er eigens einen persönlichen Spin Doctor eingestellt habe, wurden nie dementiert. Zumal Ronaldo selbst erkannt hat, dass er an seinem Auftreten arbeiten muss: "Manchmal muss ich vielleicht zustimmen, dass ich ein schlechtes Image auf dem Platz habe, weil ich einfach zu ernst bin."

"Wenn du anderen hilfst..."

Er selbst beschreibt sich als "bescheiden und gefühlvoll", aber auch als "eine Person, die sich um andere kümmert und Rücksicht nimmt, anderen helfen will".

Bekannt sind Hilfsprojekte, die Ronaldo forciert und unterstützt. Auch welche, die nicht öffentlich kommuniziert worden sind. "Wenn du anderen hilfst, wird Gott dir das Doppelte zurückgeben. Und das ist bei mir wirklich geschehen", sagte er.

"Wenn ich anderen geholfen habe, die in Not waren, hat Gott mir immer mehr geschenkt. Ich bin daher sehr stolz darauf, was ich bisher getan habe. Aber ich muss nicht in die Öffentlichkeit gehen und sagen: 'Ich habe hier geholfen, ich habe da geholfen'."

Ronaldo versöhnt Mutter und Tochter

Bekannt sind auch TV-Auftritte, in der er eine Mutter mit ihrer streitsüchtigen Tochter versöhnt hat. Die Tochter war keineswegs bereit zur Versöhnung, aber Lieblingsspieler Ronaldo ließ ihr keine andere Wahl. Für die Sendung reiste Ronaldo nach Italien - und heimste weitere Sympathiepunkte ein.

Die Veränderungen sind auch auf dem Platz festzustellen. Wie er beim Clasico den jungen Morata fast schon brüderlich umarmte, um Anweisungen zu geben, ist nur ein Bild von vielen, das den neuen Ronaldo prägt. Noch im Spätsommer sprach Ronaldo offen darüber, dass er unglücklich in Madrid sei, inzwischen ist er "Everbody's Darling".

"Er ist der ehrgeizigste Spieler, den ich je getroffen habe. Er hat den Willen und den Hunger in jedem Spiel zu treffen", sagte zuletzt Xabi Alonso. Für Sergio Ramos ist er "einfach der beste Spieler der Welt". Iker Casillas meint: "Cristiano haucht uns Leben ein. Er gibt immer sein Maximum."

Sahin: Ein guter Nachbar

Real-Leihgabe Nuri Sahin, über Liverpool wieder bei Borussia Dortmund gelandet, erzählte erst neulich in einem Interview mit den "Ruhr Nachrichten", dass Ronaldo sogar einen guten Nachbarn abgab: "Als ich verletzt war, hat er mich oft aufgemuntert. Und als mein Wechsel nach Liverpool feststand, hat er mir sein Haus zur Miete angeboten."

Ronaldos Streben nach etwas mehr emotionaler Anerkennung schreitet voran und feiert erste Erfolge. Selbst katalanische Medien haben sich nach Reals Clasico-Erfolgen getraut, Ronaldo zu loben: Barcas Hofberichterstatter "Sport" ging sogar einen Schritt weiter und schrieb, Ronaldo sei derzeit besser als Messi.

Ob sich die "Messi-Messi"-Rufe damit auflösen, darf bezweifelt werden. Notfalls hilft immer "Calma".

Cristiano Ronaldos Bilanz

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