Donezk: Die heimliche Spitzenmannschaft

Von Udo Hutflötz
Freitag, 21.12.2012 | 11:38 Uhr
Schachtjor Donezk entwickelt sich zur Spitzenmannschaft in der Königsklasse
© Getty
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Der ukrainische Meister und Pokalsieger sorgt in der heimischen Liga für große Langeweile und in der Champions League für reichlich Aufsehen. Für den Erfolg setzt man in Donezk auf Kontinuität und die Millionen von Präsident Rinat Akhmetov.

Das bange Warten hatte ein Ende. Die Auslosung am 20. Dezember in Nyon hat ergeben, dass Borussia Dortmund der Achtelfinal-Gegner von Schachtjor sein wird. Ein hartes Brett für die Schwarz-Gelben! Donezk hat eine überzeugende Vorrunde in der Königsklasse gespielt und gibt sich sehr selbstbewusst.

"Klar, Dortmund ist eine gute Mannschaft. Sie haben in den letzten Jahren den richtigen Weg eingeschlagen. Sie haben einen Experten als Trainer und viele gute Spieler. Das heißt aber nicht, dass Schachtjor sie nicht schlagen kann. Wir können es mit jedem Gegner aufnehmen, auch mit der Borussia", so Linksverteidiger Razvan Rat.

Die drei deutschen CL-Gegner in der Übersicht

Das Team aus der Donbass-Region hat sich in einer Gruppe mit dem italienischen Meister Juventus Turin, dem FC Chelsea und dem dänischen Meister FC Norsjaelland als Zweiter für das Achtelfinale qualifiziert und dabei den Titelverteidiger aus London in die Europa League geschickt.

Vor allem die Leistung in den Partien gegen Chelsea war überzeugend. Nach dem 2:1-Heimsieg gegen die Blues war in allen internationalen Medien von einer Blamage für die Londoner die Rede. "Eine überraschende Niederlage" war ebenso häufig zu lesen. Doch kam der Erfolg von Donezk wirklich so unerwartet?

Die pure Dominanz

Bereits seit Jahren dominiert Schachtjor die nationale Premier Liga. Zuletzt konnte sich der Verein aus dem Osten der Ukraine dreimal in Folge die Meisterschaft sichern und feierte dabei sogar zweimal den Doublegewinn. Dem früheren Serienmeister Dynamo Kiew hat man damit den Rang als Nummer eins im Land längst abgelaufen.

Die aktuelle Bilanz zeigt die derzeitige Dominanz im nationalen Fußball. In dieser Saison führt Donezk mit 17 Siegen und nur einer Niederlage die Tabelle souverän an. Das zweitplatzierte Dnipro Dnipropetrowsk liegt bereits 13 Punkte zurück.

Bezieht man die letzte Saison in die Statistik mit ein, zeigt sich Schachtjors erdrückende Überlegenheit deutlich - 42 Siege, vier Unentschieden und nur zwei Niederlagen, die mehr als ein Jahr auseinander liegen. Kritiker würden jetzt argumentieren, dass diese Zahlen keine große Aussagekraft über die Qualität der Mannschaft haben, da es sich hierbei "nur" um die ukrainische Liga handelt.

Doch auch international sorgte Donezk für Aufsehen. In der Saison 2008/2009 setzte sich Schachtjor im Finale des damaligen UEFA-Cups mit 2:1 nach Verlängerung gegen den SV Werder Bremen durch. Als Gruppendritter der Champions League in den UEFA-Cup abgestiegen, warf man unter anderem die Tottenham Hotspur, ZSKA Moskau, Olympique Marseille und den nationalen Konkurrenten Dynamo Kiew aus dem Wettbewerb.

Kontinuität im Kader und auf der Trainerbank

Beim Vergleich der Aufstellungen des besagten Finals 2009 und des 2:1-Sieges gegen Chelsea ist zu erkennen, dass der Torwart Pyatov, die Abwehrspieler Srna, Kucher, Rat, und die Brasilianer Fernandinho, Willian und Luiz Adriano in beiden Spielen in der Startformation standen. Dazu kommt noch Ilsinho, der vor drei Jahren in der ersten Elf auflief und gegen Chelsea eingewechselt wurde.

Dass man in Donezk auf Kontinuität setzt, zeigt sich auch auf der Trainerbank: Der Rumäne Mircea Lucescu steht bereits seit 2004 an der Seitenlinie. Damit ist er genauso lange im Amt, wie seine fünf Vorgänger zusammen.

Dazu wurde die Mannschaft sukzessive verstärkt. Im Jahr 2010 angelte man sich mit dem damals 21-jährigen Henrikh Mkhitaryan ein wahres Juwel.

Der Armenier, der vom Lokalrivalen Metalurg Donezk für 5,8 Millionen Euro verpflichtet wurde, erzielte in der laufenden Saison 18 Treffer bei 17 Einsätzen. Dazu lieferte er sieben Assists. Auch in der Gruppenphase der Champions League war der Spielmacher zweimal erfolgreich.

Samba-Sturm und Ostblock-Abwehr

Doch nicht nur der Armenier erweist sich als torgefährlich. Auch die Samba-Fraktion im Angriff sorgt für reichlich verknotete Abwehrbeine beim Gegner. Luiz Adriano traf in der Liga viermal und bereitete zu dem zwei Treffer vor. Dennoch ist seine Weste nicht blütenweiß. Im Spiel gegen den FC Nordsjaelland erzielte der Stürmer nach einem Schiedsrichterball den zwischenzeitlichen Ausgleich, während die Gegner untätig zusahen. Eine Aktion, die hohe Wellen schlug: Der Angreifer wurde im Nachhinein für ein Spiel gesperrt.

Rechtsaußen Alex Teixeira und Linksaußen Willian kommen zusammen ebenfalls auf beachtliche zehn Treffer und sechs Assists. Somit hat Schachtjor in der heimischen Liga mit Abstand die meisten Tore erzielt (52).

Was bei einem Blick auf den Kader von Donezk auffällt: Mit neun Brasilianern besteht das Team zu einem Drittel aus südamerikanischen Kickern, die alle ihre Stärken in der Offensive haben. Weiter hinten, im von Trainer Lucescu bevorzugten 4-2-3-1, wird weniger Wert auf spielerische Klasse gesetzt - dort wird Fußball gearbeitet. Mit den Ukrainern Oleksandr Kucher und Yaroslav Rakitsky stehen zwei richtige Kanten in der Innenverteidigung. Der rumänische Linksverteidiger Razvan Rat und der Kapitän Darjio Srna ergänzen die Viererkette.

In diesem Verbund kassierte Donezk erst neun Gegentreffer in der Premier Liga. Das entspricht einem Schnitt von 0,5 Toren pro Spiel. In der Champions League stand die Abwehr bis auf die 2:3-Auswärtsniederlage gegen Chelsea recht sicher.

Investitionen im dreistelligen Millionenbetrag

Insgesamt stimmt die Balance im Team von Coach Lucescu. Der Kapitän und Publikumsliebling Darjio Srna zieht ein positives Jahresfazit. "Es war ein großartiges Jahr für Schachtjor. Wir wissen was wir können und diese Sicherheit strahlen wir auch aus. Nichtsdestotrotz wächst und reift dieses Team noch. Die jungen Spieler haben durch die Einsätze in den wichtigen Spielen mehr Erfahrung gesammelt", sagt der Kroate auf der vereinseigenen Homepage.

Doch er weiß auch, dass eine Bestätigung der Leistung erfolgen muss, um mit den ganz Großen im europäischen Fußball mithalten zu können. "Das Level auf dem wir spielen ist sehr hoch. Allerdings ist es notwendig, dass wir konstant guten Fußball spielen - auch wenn es mal schwierig wird. Wenn wir uns mit einer Mannschaft wie dem FC Barcelona vergleichen wollen, dann ist das zwingend notwendig."

Schachtjors Präsident Rinat Akhmetov wird alles daran setzen, dass der Verein sich mit den Big Playern im europäischen Vereinsfußball messen kann. Am Geld wird es auf jeden Fall nicht scheitern, da der 46-Jährige als einer der reichsten Männer Europas gilt (geschätztes Vermögen: 16 Milliarden). Seit seinem Amtsantritt 1996 hat er rund 500 Millionen Euro in den Verein investiert. Ein Großteil davon (rund 176 Millionen Euro) floss in den Bau der Donbass-Arena, die Akhmetov allein finanzierte.

Auch in die Mannschaft wurde ordentlich Geld gesteckt - überlegt und behutsam. Man hat keine wahnwitzigen Transfersummen bezahlt, um Spieler nach Donezk zu holen. Außerdem wurden zum Großteil junge Spieler verpflichtet, die erst bei Schachtjor zu kompletten Fußballern geworden sind.

Stars wecken Begehrlichkeiten

Durch ihre guten Leistungen ziehen die Stars natürlich auch das Interesse größerer Vereine auf sich. Willian wurde in den vergangenen Monaten häufig mit dem FC Chelsea und Tottenham Hotspur in Verbindung gebracht. Der Brasilianer macht keinen Hehl daraus, dass er sich einen Wechsel auf die Insel vorstellen kann, da sich dadurch seinen Chancen in der Nationalmannschaft verbessern. "Der Schlüssel ist, bei einem großen Verein zu spielen. Dann muss ich nur meine Leistungen bestätigen", so der 24-Jährige gegen über "fussballeuropa.com".

Bei Donezk hat man sich bisher geweigert den Brasilianer ziehen zu lassen. Diese Einstellung habe sich nun geändert. "Mittlerweile weiß jeder, dass ich gerne gehen würde. Ich möchte mich weiterentwickeln. Der Präsident möchte mich zwar behalten, aber er hat mir versprochen, dass ich gehen kann, wenn ein Verein 30 Millionen Euro bezahlt." Dies könnte bereits im Winter der Fall sein.

Das zeigt: Donezk hat noch nicht den großen Namen wie Chelsea, Arsenal, Manchester United, Real Madrid und der FC Barcelona. Doch eins ist sicher: Wenn Willian den Verein verlässt, wird sich Präsident Akhemtov wieder auf die Suche nach einem neuen Juwel begeben, um Donezk noch stärker zu machen, damit der Angriff auf die europäische Spitze gelingt.

Zunächst muss aber am 13. Februar Borussia Dortmund im Achtelfinale aus dem Weg geräumt werden. Dann "dürfen sich die beiden größten Überraschungen dieser Champions League-Saison gegenseitig rausschmeißen", wie Jürgen Klopp feststellt. Womöglich reicht das aktuelle Leistungsvermögen bereits, um in der Königsklasse auch in der K.o-Phase für Furore zu sorgen.

Schachtjor Donezk im Überblick

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