Sami Khediras schwerer Stand in Madrid

Joses Gehilfe

Von Stefan Rommel
Mittwoch, 24.10.2012 | 10:56 Uhr
Eine Art Lieblingsspieler: Sami Khedira (l.) hat bei Trainer Jose Mourinho einen Stein im Brett
© Getty
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Sami Khedira hat es in der spanischen Öffentlichkeit immer noch schwer. Dabei ist er so etwas wie Jose Mourinhos Lieblingsspieler - und in Madrid ein Bruder im Geiste des Special One. In Dortmund (20.30 Uhr im LIVE-TICKER) soll er wieder für die nötige Balance im königlichen Spiel sorgen.

Wenn man es genau nimmt, ziehen Jose Mourinho und Sami Khedira in jedem Spiel aufs Neue in eine Schlacht, die nur schwer zu gewinnen ist.

Mourinho und Khedira sind ja nicht bei irgendeinem, sondern dem Verein schlechthin angestellt. Andere Klubs hangeln sich von Spiel zu Spiel, auf der Suche nach dem kurzfristigen Erfolg. Real Madrid dagegen bildet den Fußball seit fast einem Jahrhundert als Theater ab. Jeden Tag, überall auf der Welt. Und ganz besonders natürlich in Madrid selbst.

Hier kann ein spätes Tor die gesellschaftspolitischen Themen einer gesamten Woche bestimmen. Real ist Religion und Weltanschauung, nicht nur in Spaniens Hauptstadt. Und dann nimmt Madrid für sich auch noch in Anspruch, den schönsten, vollendeten Fußball überhaupt zu spielen.

Kein Sieg ist ein viel beachteter Sieg, wird er nicht formvollendet erzielt. Das Publikum ist für einen Fremden gelinde gesagt gewöhnungsbedürftig. Selbst Real-Ikonen geben das bereitwillig zu.

Passen Mourinho und Khedira zu Real?

Wie also passen Jose Mourinho und Sami Khedira zu diesem Klub, der das Spektakel quasi erfunden hat? Zwei ausgesprochene Pragmatiker, jeder auf seine Art sachlich-nüchtern und wenig interessiert an Sensationen.

Als Mourinho kam, musste er sich erst an die Gegebenheiten in Madrid gewöhnen. "Er sagt, er sei in Portugal gewesen und in England und Italien. Aber das hier ist Real Madrid. Das ist der größte Klub der Welt. Hier laufen die Dinge anders. Er muss sich anpassen an diesen Verein", gab ihm Florentino Perez bereits nach wenigen Wochen mit auf den Weg.

Da hatte Mourinho bereits mit mindestens einer Personalie überrascht. Seinen Präsidenten, viele Angestellte im Klub, die Fans und natürlich die lauernden Medien. Gewiss hatte Sami Khedira bei der absolvierten Weltmeisterschaft einen guten Eindruck hinterlassen. Aber dieser Nobody aus der deutschen Bundesliga für Real Madrid?

Özil ist der Zauberer, Khedira der Sündenbock

Mesut Özils Transfer war schon kritisch beäugt worden, den von Khedira konnte - oder wollte? - der Großteil der Öffentlichkeit nicht begreifen. Schon nach den ersten Spielen, als Özil mit seinem Spiel dem Geist der Madritista entsprechen konnte, wurde Khedira eher beiläufig erwähnt und in fast allen Medien als lästiges Anhängsel eines glitzernden Kollektivs eingestuft.

Das Hausblatt "Marca" nennt Özil "den Zauberer von Oz", macht ihn eine zeit lang zum größten Fisch im Teich. Sein schillerndes Spiel soll der Clownfisch Nemo illustrieren, den die Zeitung Özil auf den Leib schneidert. Auf die Titelblätter schafft es Khedira nur, wenn es mal wieder etwas zu mäkeln gibt.

"Der Deutsche mit der Ballallergie", höhnt die "Marca", die sich Khedira schnell und gerne als Sündenbock herausgreift, wenn Real mal nicht gewinnt. "Wenn er doch nur einmal einen Spielzug einleiten könnte...".

Makelele als warnendes Beispiel für Real

Seit einem Jahrzehnt laufen die Königlichen jetzt dem zehnten Sieg in der Champions League hinterher. 2002 gewann Real zuletzt den Henkelpott. Ein Teil der siegreichen Mannschaft: Claude Makelele. Der Franzose war kein stolzer Hierro, kein unbekümmerter Casillas, kein brillanter Fußballer wie Figo, Zidane, Raul. Er war derjenige, der den Stars den Dreck weggeräumt hat.

Ein Jahr später war Makelele weg, verscherbelt an den FC Chelsea. "Wir werden ihn nicht vermissen. Seine Technik ist durchschnittlich. Er hat kein Tempo und 90 Prozent seiner Pässe gehen nach hinten oder zur Seite - kaum einmal über mehr als drei Meter", diktierte niemand anders als Perez, damals erstmals im Amt des Präsidenten unterwegs, seinen Kumpanen von der "Marca" in die Blöcke. Stattdessen holte Perez David Beckham als Ersatz.

Real gewann von da an fast nichts mehr, dafür zeichnete Perez für die zweifelhafte Geburt der Galaktischen verantwortlich. Der Tausch Makelele gegen Beckham ist bis heute eine der größten Fehlleistungen in der Geschichte Real Madrids. "Warum noch eine Schicht goldener Farbe auf den Bentley legen, wenn man den Motor schon längst verloren hat", drückte Zinedine Zidane damals sein Unverständnis aus.

Mourinho über Khedira: Der Weltbeste

Umso mehr muss man sich wundern über den Argwohn, mit der die Leistungen Sami Khediras in Spanien dokumentiert werden. "Ich verstehe überhaupt nicht, warum Khedira und Coentrao in Spanien ständig kritisiert werden", sagte Mourinho vor einigen Wochen. "Das passiert nur deshalb, weil die Medien ständig etwas Negatives suchen. Ich kenne derzeit nicht viele Spieler, die auf Samis Position besser sind." Nur wenige Tage später erhöhte er seinen Einsatz sogar noch. "Es gibt auf seiner Position keinen Besseren auf der Welt!"

Die Selbstverliebtheit in das eigene, schöne Spiel lässt die meisten Fans und Beobachter über die schwarzen Stunden hinwegblicken - wohl besseren Wissens, dass es genau solcher Spieler wie Khedira bedarf, um den letzten, entscheidenden Schritt auch endlich mal wieder gehen zu können.

Mit dem Kauf von Xabi Alonso ging Real immerhin schon vor Mourinho einen Schritt zurück. Dass der Portugiese dann auch noch diesen angeblich hölzernen Deutschen anschleppte, wollen viele bis heute nicht verstehen.

Valdano kannte Khedira nicht

Unter anderem der Fall Khedira führte innerhalb des Klubs zu so großen Kontroversen, dass es zum offenen Machtkampf zwischen Mou und Sportdirektor Jorge Valdano kam. Am Ende setzte sich Mourinho durch, Valdano musste gehen. Der Neue hatte die Klub-Legende ausgestochen. Bis heute hält die Fehde an.

"Khedira kannte hier niemand. Die für das Scouting verantwortliche Person (Valdano, Anm. d. Red.) wusste nicht, wer er ist. Wir haben ihn verpflichtet. Dafür war ich verantwortlich", stellt Mourinho neulich in der Zeitschrift "France Football" noch einmal klar. "Bei Khedira wussten sie außerdem nicht, dass er in seinem letzten Vertragsjahr und deswegen sehr günstig war. Özil kannten sie zwar, waren sich aber nicht sicher. Er ist jetzt hier. Sie hatten keine Ahnung, dass Özil Probleme mit Werder hatte..."

Ein bisschen benutzte Mourinho seine beiden Deutschen da auch. In der Liga hechelt Real dem Rivalen aus Barcelona meilenweit hinterher, der Portugiese steht unter großem Druck. Ihn hatten sie geholt, um endlich wieder die Königsklasse zu gewinnen. Selbst die monströse letzte Saison mit dem Gewinn der Meisterschaft zählt jetzt nichts mehr. Also teilt Mourinho mal wieder gegen seine Kritiker aus - und seien auch schon längst Geschichte in Madrid.

Mourinho und Khedira: Brüder im Geiste

Den Trainer hat ein Journalist einst ziemlich treffend beschrieben. "Jose ist ein Sniper, ein Scharfschütze", sagt Michael Robinson, der Ire ist und trotzdem einer der führenden TV-Experten Spaniens. "Er kriegt einen Umschlag mit einem Auftrag, erledigt seinen Job und geht. Ohne Spuren, ohne ein Erbe zu hinterlassen. Wann immer er gehen sollte, wird Real Madrid wieder bei Null beginnen müssen."

Ein bisschen deckt sich diese Ansicht, die man auch von Sami Khediras Wirken in Madrid haben könnte. Er ist Mourinhos Erfüllungsgehilfe auf dem Platz, dessen Bruder im Geiste. Denn streng genommen sind beide nicht das, was man bei Real Madrid als Standard definieren würde.

Khedira hat sich ein dickes Fell angeeignet

Khedira selbst geht mit seinem Image völlig gelassen um. Das dicke Fell hat er sich schnell wachsen lassen, spätestens nach Mourinhos völlig überzogener Kritik an den Integrationsfähigkeiten der beiden Deutschen nach lächerlichen drei Wochen wusste Khedira, wie die Dinge in Madrid so laufen.

Seine Bilanz hat so gar nichts von der eines Mitläufers. Einige Konkurrenten hat er verdrängt, einige haben den Verein seit seiner Ankunft vor über zwei Jahren mangels Perspektive schon verlassen. Dass in Luca Modric jetzt ein spielstarker Sechser neu gekommen ist, macht die Sache auf der einen Seite pikant.

Die Fans fordern den Kroaten, der in der Offensive auf den ersten Blick die bessere Besetzung zu sein scheint. Allerdings dürfte dem Spiel der Weißen dadurch auch jene Balance verloren gehen, die die Mannschaft in der letzten Saison ausgezeichnet hatte. Der Rekord-Saison mit 32 gewonnenen Partien, 100 Punkten und 121 erzielten Treffern.

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Selbst der dauernörgelnden "Marca" fiel am Wochenende das Ungleichgewicht auf, als mit Modric, Özil und Kaka drei zentrale, spielstarke Mittelfeldspieler auf dem Platz standen und sich gegenseitig die Räume zur Entfaltung nahmen.

Khedira fehlte am Samstag gegen Celta Vigo, in Dortmund (20.30 Uhr im LIVE-TICKER) soll der Deutsche wieder von Beginn an auflaufen. Um dann auch wieder seine ganz eigenen Mission umzusetzen. "Es gibt Spieler, die aufgrund ihrer außergewöhnlichen Klasse Tore erzielen und Spiele entscheiden können", sagte Khedira einst.

"Und es gibt Spieler, auf die sich der Trainer verlassen können muss. Ich glaube, es ist für jeden Trainer beruhigend, wenn er weiß: Wenn ich diesem Spieler Plan A mit auf den Weg gebe, dann setzt er diesen Plan auch um." Ein bisschen Klappern hat selbst der eher zurückhaltende Khedira in Madrid längst gelernt.

Real Madrids Kader 2012/13

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