Matthias Sammer: Der Quälgeist tritt auf

Von Für SPOX in Minsk: Andreas Lehner
Montag, 01.10.2012 | 16:10 Uhr
Matthias Sammer (r.) sorgte mit seiner Kritik nach dem Bremen-Spiel für Aufsehen
© Getty
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Der FC Bayern München walzt durch die Bundesliga, doch Sportvorstand Matthias Sammer meckert. Präsident Uli Hoeneß dürfte begeistert sein, das antizyklische Handeln ist zurück. Vor dem Champions-League-Spiel bei BATE Borissow am Dienstag (20.30 Uhr im LIVE-TICKER) darf bloß kein Schlendrian aufkommen.

Da stand er nun, der sportliche Leiter des FC Bayern und sprach über den 2:0 Auswärtssieg seiner Mannschaft. "Man muss der Mannschaft ein Riesenkompliment machen, das war von A bis Z eine konzentrierte und überzeugende Leistung." Und weiter: "Wie sich die gesamte Mannschaft momentan als homogenes Team präsentiert, ist sehr überzeugend." Dann ging Christian Nerlinger freundlich lächelnd.

Der FC Bayern hatte am 6. Spieltag der Saison 2011/12 gerade 2:0 auf Schalke gewonnen. Eine ordentliche Vorstellung ohne die damals verletzten Mario Gomez und Arjen Robben. Mit 15 Punkten thronten die Münchner an der Tabellenspitze, acht Zähler Vorsprung auf das überschaubar gestartete Borussia Dortmund.

Es gibt unübersehbare Parallelen zur vergangenen Spielzeit. Die offensive Entschlossenheit (2011: 18 Tore, 2012: 19 Tore) und die defensive Kompaktheit (2011: 1 Gegentor, 2012: 2 Gegentore) zum Beispiel. Dazu die hinterherhinkende Borussia.

Der nächste Entwicklungsschritt

Es ist also eine gute Situation, zu zeigen, ob wirklich die richtigen Schlüsse aus der Vorsaison gezogen wurden, wie unisono behauptet wird. Die Aufrüstung des Kaders und die damit verbundene Rückkehr zur Rotation waren der Anfang.

Den nächsten Entwicklungsschritt treibt gerade Matthias Sammer voran. Vor einem Jahr auf Schalke analysierte S04-Coach Ralf Rangnick die Partie so: "Wir haben in der ersten Halbzeit versäumt, unsere Chancen zu nutzen. Wir hatten genug Möglichkeiten, um mindestens ein oder zwei Tore zu schießen. Umgekehrt haben wir kaum Chancen für Bayern zugelassen. Wenn es da 1:1 oder 2:1 für uns steht, dürfen sich die Bayern nicht beklagen."

Es gab also auch damals Ansatzpunkte für Kritik. Jetzt muss es nicht immer richtig sein, einer Mannschaft, die gerade mit einem Lauf durch die Bundesliga rauscht, nach einem deutlichen Auswärtssieg, ihre Fehler öffentlich aufzuzeigen. Aber bei einer Truppe wie dem FC Bayern, die durch die Erlebnisse der Vorsaison geprägt ist, ist dieser Weg durchaus eine Option.

Hoeneß ein Freund des Antizyklischen

Es war das angestrebte Ziel des Klubs, mit Sammer einen Mann zu installieren, der intern wie extern als Quälgeist auftritt. Präsident Uli Hoeneß war schon zu seiner Zeit als Manager ein Freund des Antizyklischen - und ist es auch heute noch wie die Causa Mario Gomez bewies.

Sammer hat schon zu Beginn seiner Amtszeit als Sportvorstand schnell klar gemacht, dass er die Extreme der Öffentlichkeit nicht mitgehen wird. Vor allem der radikale Umschwung nach dem EM-Aus der deutschen Nationalmannschaft gegen Italien war für ihn Anlass, den Medien auch mal den Spiegel vorzuhalten.

Den zu erwartenden Jubel- und Rekordüberschriften im Boulevard hat Sammer mit seiner Kritik entgegengewirkt und einen sanften Hinweis gegeben. "Es geht nicht immer darum, das Ergebnis zu bewerten, sondern darum, die Leistung zu bewerten", sagte der 45-Jährige. Und diese sei in Bremen über weite Strecken "ein richtiger Käse gewesen".

Startrekord nichts wert

Noch nie ist eine Mannschaft besser in eine Bundesligasaison gestartet. Die nächsten Gegner in der Liga wirken mit 1899 Hoffenheim, Fortuna Düsseldorf und Bayer Leverkusen nicht gerade Furcht einflößend.

"Der beste Start bedeutet mir gar nichts. Du kannst heute mal versuchen, irgendwo in München auf einen Balkon zu rennen - da wird dir keiner was überreichen", sagt Sammer.

Es ist die Zeit der Schulterklopfer gekommen, die im Mai noch als die größten Kritiker auftraten. Sammer will den Realitätssinn der Profis schärfen und dadurch die Konzentration und die Gier, wie er es nennt, hochhalten.

Die Spieler reagierten darauf mit Verständnis, von FCB-Boss Karl-Heinz Rummenigge gab es ausdrückliches Lob: "Matthias erkennt diese Gefahr. Es ist richtig, dass er dann den Finger in die Wunde gelegt hat - gerade nach einem Sieg ist es besser zu lösen."

Heynckes zieht mit

Auch Heynckes hat natürlich die Zeichen der Zeit erkannt und lässt das Feuer unter dem Hintern der Spieler köcheln. Die hätten nämliche seine "Geduld ein wenig überstrapaziert", er habe in der Halbzeit deshalb "deutliche Worte finden müssen".

Es sind Sätze, die Heynckes in dieser Form in der Vergangenheit selten gefunden hat. Die Zusammenarbeit mit Sammer scheint auch ihn zu befruchten. Beide betonen immer wieder, wie gut ihre Zusammenarbeit sei und wie sehr sie auch voneinander profitieren könnten. Dass die öffentliche Kritik von Sammer zuvor "mit dem Trainer abgesprochen" wurde, ist ein weiteres Indiz dafür.

Am Montag reisten die Bayern nach Minsk, wo sie am Dienstag am 2. Spieltag der Champions League auf BATE Borissow treffen. Es ist zwar Königsklasse, aber trotzdem versprüht der Auftritt im weißrussischen Herbst nicht gerade das Flair der großen europäischen Bühne. Die Konzentration kann da schon mal etwas schleifen.

Keinen Schlendrian aufkommen lassen

Es war also ein kein schlechter Zeitpunkt für den ersten kleinen Weckruf in Richtung Mannschaft, keinen Schlendrian aufkommen zu lassen. BATE wird versuchen, ein unangenehmer Gegner zu sein. Ein weiterer Sieg und die Bayern kommen ihrem Zwischenziel Gruppensieg ein Stück näher.

Und das Handeln von Sammer ist auch immer als Streben nach dem maximalen Erfolg zu verstehen. In Bremen hat er zum ersten Mal angedeutet, wie er diesem Ziel näher kommen und wie er den FC Bayern in Zukunft sportlich führen will.

Die Tabelle in Bayerns Gruppe F

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