Krise bei Real Madrid

Trainer ohne Team - Team ohne Trainer?

Von Daniel Reimann
Montag, 17.09.2012 | 22:16 Uhr
Jose Mourinho erlebt zurzeit seinen schlechtesten Saisonstart aller Zeiten als Trainer
© Getty
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Jose Mourinhos heftige Kritik am eigenen Team schlug große Wellen - und offenbart vor dem Champions-League-Kracher gegen Manchester City (20.30 Uhr im LIVE-TICKER) grundlegende Probleme bei Real Madrid. Das Verhältnis zwischen Mannschaft und Coach hat sich verschlechtert, manche Spieler erheben schwere Vorwürfe. Bereitet Mou etwa seinen Abschied vor?

Die Uhr tickt im Estadio Ramon Sanchez Pizjuan: 28, 29, 30 Sekunden sind gespielt, da wird Sevilla der erste Einwurf zugesprochen. Kaum ein Sevillaner ist mit aufgerückt, dagegen stehen acht Madrilenen im oder am eigenen Strafraum. Für Real dank eindeutiger Überzahl eine scheinbar ungefährliche Situation - wäre da nicht die komplett fehlgeschlagene Abstimmung.

Nur Pepe und der zurückgeeilte Gonzalo Higuain nehmen einen Gegenspieler in die Manndeckung, die weiteren sechs (!) Teamkollegen lassen die übrigen Sevillaner Jesus Navas und Ivan Rakitic gewähren. Der Einwurf landet bei Navas, der nach flinkem Doppelpass mit Rakitic direkt abzieht. Ein unplatzierter Flachschuss aus 18 Metern, der Iker Casillas vor keine größeren Probleme stellen sollte.

Doch das Gegenteil ist der Fall: Casillas rundet Madrids kollektiven Defensiv-Blackout ab, indem er Navas' Schuss unglücklich vor die Füße von Alvaro Negredo abprallen lässt und dessen Abstauber-Versuch nur mit Mühe zur Ecke abwehren kann.

Diese Ecke führte nicht nur zu Piotr Trochowskis Siegtor, sondern sie erscheint auch beispielhaft für die gegenwärtigen Probleme der Königlichen.

Mourinho gibt sich die Schuld

Denn nach dem Spiel prangerte Jose Mourinho seine eigenen Spieler an und die beschriebene Szene unterstreicht seine zentrale Anschuldigung. Mourinho bemängelte fehlende Konzentration, diagnostizierte ein Mentalitätsproblem und resümierte: "Ich habe zurzeit kein Team."

Die Schuld am derzeitigen Zustand der Mannschaft gab der Coach am Montag dann sich selbst. "Ich bin der Einzige, den man beschuldigen muss. Die Verantwortung für den grausamen Start von Real Madrid liegt bei mir. Real Madrid kann verlieren, aber nicht in dieser Art und Weise", sagte Mourinho dem Fernsehsender "TVE".

Mit nur vier Punkten aus vier Spielen ist der Start völlig misslungen und die öffentlichen Richtungswechsel von Mourinho lösen die Probleme nicht, die die Mannschaft in den ersten Spielen offenbarte.

Defensiv funktionierte die Abstimmung nur selten. Besonders deutlich wird diese Problematik bei Standards: Schon jetzt kassierten die Königlichen so viele Gegentore nach ruhendem Ball (drei) wie in der kompletten letzten Meisterschafts-Saison.

Ronaldo, di Maria und Özil formschwach

Doch auch das Spiel nach vorne krankt. Cristiano Ronaldo wirkt nach der öffentlichen Klubschelte gehemmter denn je, Angel di Maria bringt sich mit vogelwilden Laufwegen selbst um gute Gelegenheiten und Mesut Özil hat bereits vor Wochen die Bindung zum Real-Spiel verloren und bis heute nicht wiedergefunden.

Durch das Formtief dieses Kreativ-Trios gehen Madrids Offensivspiel die Ideen aus, die Konter verlaufen sich so häufig in Alibi-Pässen und egoistischen Abschlüssen.

Dabei ist der Kader bis auf kleinere Abgänge der gleiche wie in der vergangenen Saison, er wurde durch die 42 Millionen schwere Verpflichtung von Luka Modric sogar noch spektakulär verstärkt.

Eine Tatsache, die nur eine Schlussfolgerung zulässt: Am sportlichen Potenzial der Mannschaft kann es nicht liegen, alles deutet auf das von Mourinho angesprochene Mentalitätsproblem hin.

Verhältnis zwischen Team und Trainer verschlechtert

Doch wo hat dieses Mentalitätsproblem seinen Ursprung? Viele der aktuellen Symptome legen die Vermutung nahe, dass sich das Verhältnis zwischen Team und Trainer verschlechtert und auch der Zusammenhalt innerhalb der Mannschaft nachgelassen hat.

Dafür spricht beispielsweise Ronaldos Offenbarung Anfang September, als er sich nach dem 3:0 gegen Granada gegenüber den Medien über mangelnde Rückendeckung ausheulte: "Ich bin traurig. Die Leute im Verein wissen, weshalb."

Den genauen Grund für seine Trauer wollte CR7 nicht verraten, doch in einem Gespräch mit Präsident Florentino Perez soll er gestanden haben: "Ich fühle mich nicht geliebt". Die spanischen Medien spekulierten zudem über eine deutlich abgekühlte Beziehung zwischen den einst besten Freunden Ronaldo und Marcelo, die den Portugiesen belasten würde.

Mourinho unantastbar: "Ihr seid hochmütig"

Dabei ist Ronaldo nicht der einzige, der sich von den Vereinsoberen falsch behandelt fühlt. Nicht zuletzt Mourinhos unantastbare Art sorgte schon bei manchem Teamkollegen für Verärgerung.

Die renommierte Zeitung "El Pais" zitierte Ende August Torhüter Casillas, der im Training seinem Coach entgegentrat, nachdem dieser die Spieler als lustlos bezeichnet und zur Selbstkritik aufgefordert hatte: "Der Erste, der hier Selbstkritik üben sollte, bist du, für das, was du auf und neben dem Platz machst", soll Casillas gesagt haben. Auf die Bitte, Mourinho möge doch in Zukunft nicht mehr einzelne Spieler öffentlich kritisieren, soll dieser lediglich entgegnet haben: "Ihr seid hochmütig!"

Wenig später soll sich auch Sergio Ramos, der neben Casillas und Xabi Alonso zur "alten", eher Mourinho-kritischen Real-Fraktion gehört, mit seinem Coach angelegt und diesen auf eine Bevorzugung spezieller Spieler hingewiesen haben, welche trotz schlechter Auftritte nie öffentlich kritisiert werden.

Spieler: Mou entzieht sich seiner Verantwortung

Mourinhos Kredit innerhalb des Teams scheint besonders in der aktuellen Krise zunehmend zu schwinden. Das unterstreicht auch ein Bericht der "El Pais" vom Sonntag, in dem ein nicht näher genannter Spieler mit den Worten "Mourinho sieht sich selbst wie ein Promi" zitiert wird.

Demnach teilt ein Großteil des Teams die Meinung, der Trainer würde sich durch die Anschuldigungen gegenüber der Mannschaft nur selbst aus der Verantwortung ziehen, um im Extremfall sogar seinen eigenen Abschied vorzubereiten.

Dabei scheint ein Ende der Ära Mourinho in Madrid bisher immer nur im Falle eines Champions-League-Triumphes möglich. Denn sollte der Traum von "La Decima", Madrids zehntem Titelgewinn in der Königsklasse, in Erfüllung gehen, hätte der Portugiese mit Real nahezu alles erreicht und würde seine Aufgabe womöglich als abgeschlossen betrachten.

Mou zieht Konsequenzen: Özil muss bangen

Der erste kleine Grundstein für das große Ziel könnte am Dienstag gesetzt werden, wenn Manchester City zum Auftaktspiel der Gruppe D in die spanische Hauptstadt kommt. Schon in dieser Partie dürften sich Mourinhos Konsequenzen aus den jüngsten Auftritten bemerkbar machen - zum Leidwesen von Mesut Özil.

Madrids Gestalter, an dem das königliche Spiel zuletzt nur noch vorbeilief, hat Neuzugang Modric im Rücken, der sich auf der Zehner-Position besonders wohl fühlt und nach seinen zurückliegenden Einwechslungen stets für mehr Impulse gesorgt hat als Özil.

Der wiederum wird gegen City wohl auf die Bank müssen. Denn im sonntäglichen Trainingsspiel, in dem Mourinho die Teams wie üblich in Startelf und Ersatzspieler unterteilte, fand sich Özil plötzlich im B-Team wieder.

"Mourinhos Kommentare helfen in keinster Weise"

Modric und Co. hingegen haben die Chance, Mourinho auf dem Platz die passende Antwort auf die niederschmetternde Kritik zu liefern.

Geht es nach Madrids Ex-Präsident Ramon Calderon, waren Mourinhos öffentliche Vorwürfe ("Ich habe kein Team") die falsche Wahl: "Mourinhos Kommentare helfen dem Team in keinster Weise", sagte Calderon "RAC1" und fügte hinzu: "Die Spieler könnten genauso gut sagen, sie hätten zurzeit keinen Trainer."

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