Patrik Andersson im Interview

Andersson: "Ich konnte nicht die Sau rauslassen"

Von Interview: Jochen Tittmar
Freitag, 18.05.2012 | 11:56 Uhr
Patrik Andersson gewann 2001 mit dem FC Bayern München die Champions League
© Imago
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Patrik Andersson hat 2001 mit dem FC Bayern München die Champions League im Endspiel gegen den FC Valencia gewonnen. Elf Jahre später spricht der Schwede vor dem Champions-League-Finale 2012 (Sa., 20.30 Uhr im LIVE-TICKER) im Interview über Probleme in seinem Heimatland, sein Freistoßtor bei der Münchner Last-Minute-Meisterschaft im selben Jahr und empfiehlt seinem Ex-Klub Borussia Mönchengladbach Shootingstar John Guidetti.

SPOX: Herr Andersson, die Standardfrage zu Beginn: Was machen Sie derzeit?

Patrik Andersson: Ich habe im vergangenen Dezember den Trainerschein in Schweden gemacht und führe derzeit Gespräche mit dem Verband, um dort einzusteigen. Um welche Funktion es geht, darf ich aber nicht verraten. Vielleicht klappt es auch nicht, ich habe die Prüfung sozusagen nur zur eigenen Sicherheit gemacht. Eine Managertätigkeit kann ich mir noch eher vorstellen. Darüber hinaus betreue ich 23 Fußballakademien für Kinder und Jugendliche in ganz Schweden.

SPOX: Haben Sie auch noch Ihren Job als Skandinavien-Scout von Manchester United?

Andersson: Nein. Ich hatte einen Einjahresvertrag und habe 2011 nach der U-21-EM aufgehört.

SPOX: Wie sind Sie denn damals an diese Aufgabe gekommen?

Andersson: United hat auf dem skandinavischen Markt jemanden gesucht, der unabhängig seine Meinung abgibt. Ich habe ja keine Verbindung zu Vereinen und kann daher frei von der Leber weg urteilen. Es ging dabei aber weniger darum, unbekannte Talente zu entdecken, sondern vielmehr fertige Profis zu finden. Als Edwin van der Sar aufhörte, habe ich mich beispielsweise speziell auf mögliche Torhüter fokussiert.

SPOX: Apropos England: Dort ist Roy Hodgson nun neuer Nationaltrainer Englands geworden. In Malmö haben Sie einst unter ihm trainiert. Hat Sie seine Nominierung überrascht?

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Andersson: Die Auswahl war ja nicht besonders groß. Hodgson kann junge Spieler sehr gut ausbilden und ist taktisch hervorragend geschult. Sein Problem ist jedoch, dass er eigentlich nur mit Mannschaften, bei denen der Erfolgsdruck nicht sehr hoch ist, erfolgreich war. Bei Inter und Liverpool lief es dagegen gar nicht.

SPOX: Heißt?

Andersson: Es wird für ihn neu sein, nicht mehr täglich mit einer Mannschaft zusammenarbeiten zu können. Und man kennt ja die Engländer: Die Presse mischt sich ein, es herrscht ständig Unruhe. Englische Profis spielen in den großen Klubs zudem kaum eine gewichtige Rolle. Das gefällt mir an Euch Deutschen: Da steht das gesamte Land hinter dem Team.

SPOX: In Ihrem Heimatland Schweden gibt es einen regelrechten Strom an jungen Talenten, die das Land früh verlassen. Wieso ist das so?

Andersson: Ich finde, dass auch andere Spieler grundsätzlich zu früh gehen - zu einem Zeitpunkt, bei dem bei vielen noch keine wirkliche Entwicklung zu sehen ist. Und wenn sie dann das Land verlassen, schaffen es nur ganz wenige, sich noch einmal in ihrer fußballerischen Qualität zu steigern. Schau Dir Marcus Berg an: Bei ihm hat es beim HSV nicht gereicht, auch wenn es in Eindhoven besser für ihn lief.

SPOX: Was kann man dagegen machen?

Andersson: Das Problem ist: Die schwedische Liga ist sehr ausgeglichen. Die meisten Vereine bieten den Spielern mehr oder weniger dasselbe an. Wir haben keine Spitzenmannschaft, die auch international eine ordentliche Rolle spielt. Daher sehen die Spieler nach einiger Zeit keinen Anreiz, innerhalb der Liga zu wechseln und gehen eben.

SPOX: Der letzte schwedische Spieler, der in die Bundesliga wechselte, war Oscar Wendt von Borussia Mönchengladbach. Welchen schwedischen Kicker sollte man denn auf dem Zettel haben?

Andersson: John Guidetti ist ein richtig Guter. Aber auch für ihn gilt: Bei Feyenoord läuft es sehr gut für ihn, er muss seine Leistung aber in einer höherklassigen Liga erstmal bestätigen. Ihn könnte ich mir als Ersatz für Marco Reus bei Gladbach vorstellen.

SPOX: Guidetti war auch schon bei den Bayern im Gespräch. Der FCB versucht am Samstag nach elf Jahren wieder die Champions League zu gewinnen. Beim letzten Titelgewinn 2001 waren Sie dabei. Welche Erinnerungen haben Sie denn noch an die Party danach?

Andersson: Ich konnte nicht die Sau rauslassen. Drei Tage später hatte ich ein Qualifikationsspiel mit der schwedischen Nationalmannschaft und durfte da ja nicht völlig zerstört auflaufen. Das war schade, ich konnte den Sieg im ersten Moment gar nicht richtig genießen.

SPOX: Für Sie waren das damals sowieso aufregende Tage: Erst Ihr Last-Minute-Tor in Hamburg zur Meisterschaft, vier Tage der Triumph in der Königsklasse. Hatten Sie eigentlich schon einmal Mitleid mit Schalke, denen Sie den Titel entrissen haben?

Andersson: Nein. Wir hatten ja auch unsere Ziele damals. Was Schalke passiert ist, war bitter für sie, keine Frage, aber so grausam kann der Fußball nun mal sein.

SPOX: Wieso haben damals ausgerechnet Sie den Freistoß in Hamburg geschossen? Erster Schütze waren Sie ja sonst nicht.

Andersson: Mehmet Scholl war bereits ausgewechselt, Michael Tarnat saß auf der Bank und Stefan Effenberg hatte in diesem Match mit Freistößen kein Glück. Also durfte ich mein Glück mit Gewalt versuchen, das hatte schon zu Gladbacher Zeiten ein paar Mal geklappt.

SPOX: Das CL-Finale hätte für Sie dann aber nicht schlimmer beginnen können, schon nach zwei Minuten verschuldeten Sie mit einem Handspiel den Elfmeter zum 0:1.

Andersson: Das war eine ziemlich komische Situation, die mich auch total aufgeregt hat. Ich wollte einen Schuss blocken und bin dabei auf den Boden gefallen. Da ging es mir dann nur darum, meinen Kopf zu schützen. Das Handspiel war unabsichtlich, aber plötzlich hat der Schiedsrichter gepfiffen.

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SPOX: Es ging damit weiter, dass Sie im Elfmeterschießen den vierten Bayern-Strafstoß verschossen haben.

Andersson: Ja, so ist es leider gewesen. Was soll ich sagen? (lacht) Ich war natürlich heilfroh, dass Oliver Kahn das Spiel seines Lebens gemacht hat und meine zwei Patzer im Anschluss kein großes Thema mehr waren.

SPOX: In Deutschland geht eine große Mehrheit davon aus, dass der FC Bayern Chelsea schlagen wird. Sie auch?

Andersson: Die Bayern haben mich in beiden Spielen gegen Real Madrid auf jeden Fall sehr überzeugt. Gerade im Rückspiel war das für mich eine reife Mannschaftsleistung. Chelsea ist aber eine Mannschaft, die in der Königsklasse ziemlich zurückgezogen spielt und das Feld eng macht. Damit hatten die Bayern in dieser Saison häufig Probleme.

SPOX: Holger Badstuber fällt als Abwehrchef gesperrt ebenso aus wie David Alaba. Wie groß ist der Nachteil, dass die eingespielte Viererkette gesprengt wird?

Andersson: Ein Vorteil ist es jedenfalls nicht. Chelsea ist bei Standardsituationen stark, Badstuber gut in der Luft - da könnte es schon Probleme für die Bayern geben.

SPOX: Wie geht's denn jetzt aus?

Andersson: Ich tippe mit dem Herzen: 2:1 für die Bayern.

Patrik Andersson im Steckbrief

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