Wucht trifft auf Geschmeidigkeit

Von Jochen Tittmar
Mittwoch, 14.03.2012 | 14:12 Uhr
Die Hoffungsträger: Chelseas Didier Drogba (l.) und Napolis Edinson Cavani
© spox
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Sollte der FC Chelsea im Champions-League-Rückspiel gegen den SSC Neapel ausscheiden, hätten die Blues die Spielzeit vollkommen in den Sand gesetzt. Der 34-jährige Didier Drogba soll dies verhindern. Auf der Gegenseite ruhen die italienischen Hoffnungen auf Edinson Cavani - einem Stürmer, der den modernen Angreifertypus verkörpert.

Uli Hoeneß hatte mal wieder Recht. Angesprochen auf die Auswirkungen der globalen Finanzkrise für die europäischen Topklubs sagte der aktuelle Präsident des FC Bayern München vor rund zwei Jahren: "Ich glaube, dass es englische Teams künftig schwieriger haben werden, in der Champions League Erfolge zu feiern."

Mit dem FC Chelsea, der am Mittwoch im Achtelfinalrückspiel gegen den SSC Neapel (20.30 Uhr im LIVE-TICKER und bei Sky) einen 1:3-Rückstand wettzumachen versucht, ist nur noch ein Verein von der Insel in der Königsklasse vertreten. Es zeichnet sich also ab, dass erstmals seit 1996 kein Team aus England das Viertelfinale erreichen wird.

Chelsea: Die nächste Zäsur steht an

Dass ausgerechnet die Blues diese Misere kurzzeitig verhindern können, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Die aktuelle Spielzeit des Vereins von der Stamford Bridge verläuft gelinde gesagt suboptimal. 18 Punkte Rückstand auf die Tabellenspitze in der Premier League, der nächste gescheiterte Trainer und ein offenbar schwer zu coachendes, überaltertes Team - Chelseas Hoffnungen auf einen versöhnlichen Saisonausklang ruhen auf der Champions League.

Unabhängig davon steht in London am Saisonende die nächste von Roman Abramowitsch gesponserte Zäsur an. Der könnten dann auch namhafte Spieler zum Opfer fallen. Spieler wie Didier Drogba, der zusammen mit John Terry und Frank Lampard Chelseas Gesicht einer Epoche wurde, die den einst blassen Verein auf internationales Topniveau hievte und in der nationale Titel den Trophäenschrank aufbesserten.

Fußball-Renaissance in Neapel

Drogba, der kürzlich neben dem 34. Geburtstag auch sein 100. Premier-League-Tor feierte, soll gegen Napoli für die nötigen Tore sorgen. Doch der Ivorer, dessen Vita weiterhin ohne internationale Trophäe auskommen muss, durchlebt aktuell die wohl schwierigste Spielzeit seit seinem Wechsel 2004 aus Marseille.

Sein Vertrag läuft zum Saisonende aus und es gilt als wahrscheinlich, dass Drogba den Verein nach acht Jahren verlässt und seine Karriere bei einem finanzstarken Klub ausklingen lässt. Vereine aus Katar, Russland und China stehen seit Wochen Schlange.

In einem ganz anderen Licht erstrahlt dagegen der Gegner der Blues. Der einst schwer angeschlagene SSC Neapel durchlebt derzeit eine wahre Renaissance und darf 20 Jahre nach seinem letzten Auftritt in der Elite des Fußballs gleich vom Einzug ins Viertelfinale träumen.

Cavani umfangreicher ins Spiel integriert

Die Italiener reiften im avantgardistischen 3-4-2-1-System unter Trainer Walter Mazzarri zu einem schwer zu bespielenden Gegner, der in Edinson Cavani einen Prototyp des modernen Stürmers in den eigenen Reihen weiß.

Der Neapolitaner besticht vor allem durch seine Dynamik und Geschmeidigkeit, Drogba kommt seit jeher durch Wucht und Kraft zur Geltung.

Edinson Cavani im Castrol EDGE Ranking

Was Ersteren am ehesten von Drogba abgrenzt: Der polyvalente Cavani ist deutlich umfangreicher ins Spiel der Azzurri integriert. Der 25-Jährige ist permanent in Bewegung und fungiert im Trio mit Ezequiel Lavezzi und Marek Hamsik nicht nur als reiner Stoßstürmer im Zentrum. Er weicht oft auf die Flügel aus, um Lücken für seine Mitspieler zu reißen. Nicht selten sieht man ihn bei gegnerischen Eckbällen am eigenen Fünfmeterraum, um defensiv auszuhelfen und bei Ballgewinn selbst die Konter einzuleiten.

Mazzari über Cavani: "Er ist ein moderner Stürmer"

Es ist nicht so, dass dem im Kopfballspiel stärkeren Drogba diese Eigenschaften grundsätzlich vollkommen abgehen würden. An vielen Tagen gehört der Ivorer weiterhin zu den weltbesten Stürmern, nur werden die guten Tagen immer weniger. Dafür bleibt er in der jüngeren Vergangenheit verglichen zu früheren Auftritten viel öfter blass.

Wie die Castrol EDGE Leistungsanalyse der Ligaspiele belegt, bewegen sich Cavani und Drogba in defensivtaktischer Hinsicht auf einem Niveau. Über 20 erfolgreiche Klärungsversuche sowie eine fast identische Anzahl gewonnener Zweikämpfe zeigen, dass beide ihre Defensivaufgaben nicht vernachlässigen.

Die Herangehensweise der Blues ist jedoch eher darauf fokussiert, Drogba als Target Man im Sturmzentrum einzusetzen. So segelten beispielsweise im Hinspiel deutlich mehr lange Bälle aus Chelseas Defensivverbund in Richtung Drogba. Aufgrund der höheren Laufintensität bekommt der bewegliche Cavani - obwohl er sich in der Körpergröße kaum von Drogba unterscheidet - dagegen die Zuspiele deutlich öfter direkt in den Fuß gespielt.

Didier Drogba im Castrol EDGE Ranking

Diese Art des vielseitigen sowie umtriebigen Stürmers nimmt im heutigen Fußball eine immer wichtigere Rolle ein. Für Neapels flexibel angelegtes Offensivspiel ist Cavani somit genau der richtige Typus Angreifer. "Er arbeitet für die Mannschaft und opfert sich für sie auf. Er braucht diese Laufintensität, um mit dem richtigen Rhythmus vor dem gegnerischen Tor aufzukreuzen. Der moderne Fußball besteht aus Angriffsspielern, die keine Anhaltspunkte geben. Er ist ein moderner Stürmer", adelt ihn Mazzarri.

Cavani bestätigt grandioses Vorjahr

Die Konstanz in den Leistungen während der aktuellen und der vergangenen Spielzeit gibt dem Trainer recht. Nach seiner Sahnesaison im Vorjahr (26 Serie-A-Treffer) steht der Uruguayer in Liga und Königsklasse zusammen bei derzeit 21 Buden in 32 Partien und untermauert damit, dass seine Mannschaft und er kein One-Hit-Wonder gewesen sind.

Drogbas Statistik aus dieser Zeit kommt da nicht mit: Zu Saisonstart hin und wieder nur Ersatzspieler, sowie aufgrund von Blessuren und des Einsatzes beim Afrika Cup mit weniger Spielanteilen ausgestattet, hat er in seinen 21 Saisonspielen (8 Tore) in beiden Wettbewerben bislang nur 15 Prozent seiner Chancen im Tor untergebracht. Cavani dagegen bringt jede vierte Chance im Kasten unter.

Die Blues-Verantwortlichen werden diese Zahlen zwar kaum heranziehen, um darüber zu entscheiden, ob sie den hochbezahlten Drogba unter allen Umständen an der Stamford Bridge halten wollen oder nicht. Auch wenn sein Stern in den vergangenen beiden Spielzeiten nicht mehr ganz so hell erstrahlt wie in seiner Glanzzeit, wird man den Rotstift vielmehr an der Gesamtgestaltung des Kaders ansetzen müssen.

Das gewisse Maß an Abhängigkeit, das Chelseas Fußball nicht nur in Bezug auf Drogba anheftet, soll ausgemerzt und die Verantwortung auf mehrere Schultern verteilt werden - so wie das beispielsweise beim bestens ausbalancierten Gefüge des Gegners aus Neapel funktioniert. Englische Medien schrieben bereits davon, dass Cavani verstärkt im Fokus der Chelsea-Scouts stehen soll...

Cavani auf Platz drei: Die Torjägerliste der Champions League

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