Che, der Schwiegersohn Gottes

Von Fatih Demireli
Dienstag, 27.09.2011 | 12:35 Uhr
Sergio Agüero hat sich bei ManCity in kürzester Zeit zur gefährlichsten Offensiv-Waffe gemausert
© Getty
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Sergio Agüero ist derzeit die gefährlichste Offensivwaffe der Citizens. Der teuerste Transfer der Klub-Geschichte hat überragend eingeschlagen. Zur Freude seines Schwiegervaters Diego Armando Maradona, der Agüero verehrt, aber versucht hat, ihn zu Real Madrid zu transferieren. Doch Agüero tickt anders als sein prominenter Verwandter und hat Großes vor.

Eigentlich wollte Diego Maradona nur schnell ein Foto machen. "Babu, estoy con vos, te amo", stand auf einem Banner im Fanblock geschrieben. "Opa, ich liebe dich und werde dich immer unterstützen." Ein herzallerliebster Gruß von Benjamin, seinem erst zweieinhalb Jahre jungen Enkel aus dem fernen Manchester.

Maradona eilte herbei, schüttelte die Fans von Al Wasl ab, dessen Team er trainiert. Aber ein Fan, der ungünstiger Weise genau hinter dem Banner stand, aber seinen Helden unbedingt sehen wollte, klappte das Banner ständig hoch. Fotoschießen? Vergiss' es, Diego.

Ein Geschenk namens Benjamin

Als der nervende Fan nicht aufhören wollte, das Foto zu ruinieren, kickte ihm Maradona, wie zu seinen besten Zeiten, einen Ball wuchtig auf die Hand. Die Liebe zu seinem einzigen Enkel kennt keine Grenzen. "Ich werde ein fantastischer Opa sein. Ich kaufe ihm einen Ball und werde mit ihm Fußball spielen", frohlockte Opa Diego bei der Geburt Benjamins im Jahr 2009.

Eigentlich ist "Benja" ja schon alleine Grund genug, dass Sergio Agüero einen festen Platz im Herzen von Diego Armando Maradona findet. Tochter Giannina und Schwiegersohn Sergio schenkten ihm den Nachkommen, den sich Maradona so sehr gewünscht hatte.

Doch nicht nur wegen dieses Geschenks ist der "Schwiegersohn Gottes", wie Agüero in der Heimat genannt wird, des Schwiegervaters Liebling.

"Endlich auf dem Level, das er verdient"

Maradona schätzt ganz nebenbei auch noch die fußballerischen Fähigkeiten des Angreifers, der logischer Weise wie jeder andere halbwegs talentierte Fußballer in Argentinien schon in jungen Jahren mit seinem späteren Schwiegervater verglichen wurde.

"Er spielt endlich auf einem Level, das er verdient", sagte Maradona nach Agüeros Wechsel zu Manchester City. Jahrelang sprach sich Maradona medienwirksam dafür aus, dass Agüero zu einem Verein wechseln soll, mit dem er große Titel holen kann.

Maradona ließ sogar seine Kontakte spielen, damit sein Schwiegersohn eine hoch angesehene Adresse findet. "Ja, ich habe Real Madrid empfohlen, ihn zu verpflichten. Ich hatte das Gefühl, dass er sehr gut in ihre Mannschaft gepasst hätte", verriet Maradona, ungeachtet dessen, dass Jose Mourinho keinen Bedarf auf der Stürmerposition hatte und dass Agüero eigentlich auch kein Empfehlungsschreiben benötigt, um einen neuen Arbeitgeber zu finden.

Drogba hat es gewusst

Denn das Gefühl, dass Agüero ganz gut passen würde, hatten viele andere Klubs auch. Der Stürmer war - sowohl im vorherigen als auch in diesem Sommer - das absolute Highlight des Transfermarkts. Agüero wurde so stark umworben und thematisiert, dass die Transferspekulationen um seine Person mit der Zeit nervtötende Wirkung hatten.

Interessenten gab es reichlich. Da wäre Juventus, das lange und vergeblich mit Atletico verhandelte oder der FC Chelsea, bei dem es bemerkenswerter Weise Didier Drogba war, der vor Jahren als Erster beim CFC öffentlich auf die Fähigkeiten Agüeros aufmerksam machte.

"Es gibt nur ein Wort, mit dem sich Agüero beschreiben lässt: spektakulär", schwärmte der Ivorer nach einem Champions-League-Spiel zwischen Atletico Madrid und Chelsea in der Saison 2007/08: "Ohne Atletico nahetreten zu wollen, aber große Spieler landen irgendwann bei großen Klubs."

Der Fast-Wechsel zum FC Bayern

Carlo Ancelotti wagte kurz vor seiner Entlassung bei den Blues selbst einen öffentlichen Vorstoß: "Klar ist, dass jeder große Klub ihn im Visier hat", sagte der Italiener und trat wenige Tage später in die Sphäre der Arbeitslosigkeit ein.

Selbst mit dem FC Bayern wurde Agüero im Frühling 2011 kurz in Verbindung gebracht - und das nicht zum ersten Mal. Uli Hoeneß machte sich schon 2006 auf den Weg nach Argentinien, um das schon damals hoch angesehene Wunderkind von Atletico Independiente zu beobachten.

Hoeneß war es die Reise wert, einen Spieler unter die Lupe zu nehmen, der mit nur 15 Jahren in der ersten argentinischen Liga debütieren durfte und damit den Uralt-Rekord von Maradona aus dem Jahr 1976 brach. Agüero war mittlerweile 18 und schoss Tore in Serie.

Was der Bayern-Manager aber live sah, reichte nicht für eine Verpflichtung, die auf eine zweistellige Millionenhöhe taxiert wurde. "Vor dem Spiel lehnte Agüero an einem Zaun, während sich die Kollegen warm gemacht haben", erinnert sich Hoeneß. Auffällig wurde Agüero nur, als er einen Elfmeter verwandelte und sich feiern ließ.

Magath tobt

Um aber ganz sicher zu gehen, schickte Hoeneß seinen damaligen Trainer Felix Magath nochmals nach Südamerika. Was herauskam? Nur ein Anschiss von Magath: "Eines sage ich dir, stiehl' mir nie mehr meine Freizeit. Einen Spieler anzuschauen, der nur herumsteht, nicht läuft, dafür ist sie zu schade."

Fußball-Fachkenntnis sollte man Magath nicht absprechen, auch wenn Agüero mit der bezahlten Ablösesumme von 43 Millionen Euro bei Manchester City zum teuersten Transfer der Klub-Geschichte avanciert ist und für einen Bundesligisten heute praktisch unbezahlbar wäre.

Haben Magath und Hoeneß das Talent hinter dem damals faulen Genie nicht erkannt oder war ihnen das Risiko einfach zu hoch? Wahrscheinlich stimmt beides. Klar ist nur, dass sich Agüero auf rasante Art und Weise zu einem der besten Spieler der Welt entwickelt hat.

Valdano: Wie Romario!

Nicht nur, weil er so viele Tore schießt, sondern inzwischen auch extrem mannschaftsdienlich spielt.

"Er hat die gleichen Anlagen wie beispielsweise ein Romario: schnell, wendig, trickreich, kaltschnäuzig. Agüero hat keine Angst, auch in nahezu aussichtslosen Situationen seine Tricks auszupacken", schwärmt Argentiniens Fußballlegende Jorge Valdano: "Und wenn er auf die Schnauze fällt, versucht er's beim nächsten Mal wieder."

Bei Atletico Madrid, das den Techniker 2006 für 23 Millionen Euro nach Europa holte, benötigte Agüero zunächst einen großen Anlauf. Er aß Fastfood und trank literweise Cola - ansonsten (ver-)schlief er die ganze Zeit, berichteten Insider. Erst nachdem er sich heimisch fühlte im fernen Madrid und erst als er ein Verhältnis zu seinen Mitspielern aufbauen konnte, wurde er zur Wunder-Waffe.

Der Spitzname Kun

Agüero ist ein Familienmensch. Er hat sechs Geschwister, mit denen er in Don Bosco bei Buenos Aires bei Mama Adriana und Papa Leonel aufwuchs.

"Wir waren nicht arm", so Agüero, dem seine Großeltern in Anlehnung an eine japanische Zeichentrickserie in den 70er Jahren den Spitznamen "Kun" verpassten. Kun wird er heute Zuhause immer noch genannt. "Ich hatte eine schöne Kindheit", berichtet Agüero.

Und er hatte auch ein schönes Leben in Spanien mit seiner eigenen kleinen Familie. Die Fans von Atletico verehrten ihn, schoss er doch mit seinem kongenialen Sturmpartner Diego Forlan Tore en masse: 74 wurden es in 175 Spielen. Doch irgendwann entwuchs er den Kleidern Atletico Madrids, irgendwann war der nächste Schritt fällig, bevor es möglicherweise zu spät wurde.

Bei der Wahl seines neuen Klubs war es Agüero nicht nur wichtig, dass er marktgerecht bezahlt wird und dass er auch wirklich spielen kann. Wichtig war auch das Leben außerhalb des Platzes. Er, Giannina und der kleine Benjamin müssen sich heimisch fühlen.

Anruf bei Tevez

Als ManCity mit einem unterschriftsreifen Vertrag vorstellig wurde, telefonierte Agüero erst einmal mit seinen Landsleuten Carlos Tevez und Pablo Zabaleta, die schon seit Jahren für die Citizens spielen: "Ich habe mit ihnen viel gesprochen: über den Klub, aber auch über die Stadt. Eigentlich über alles, was mit Manchester zu tun hat", so Agüero.

Dass er sich wohlfühlt, beweist sein rasanter Einstand: Acht Tore erzielte er in sechs Liga-Spielen. Die Integration beschleunigten Aktionen wie nach dem Wigan-Spiel, als Agüero drei Mal traf.

Einige seiner Mitspieler wie Gael Clichy, David Silva und Co. verewigten auf dem Spielball ihre persönlichen Grußworte und überreichten nach dem Spiel Agüero das Präsent. "Das war nur der Anfang", schrieb beispielsweise Samir Nasri.

Fan von Michael Owen

Gemeinsam mit ihm, aber auch mit Silva und Edin Dzeko bildet Agüero eine gefährliche Offensivreihe, die Manchester City unberechenbar macht. Viele konzentrieren sich aber lieber auf das Privatduell zwischen Agüero und Wayne Rooney, die in der Torjägerliste vorne stehen.

Agüero gibt zu: "Es wird ein interessantes und schönes Duell mit ihm." Aber sein Antrieb sei der englische Nationalstürmer nicht: "Die Leute hier erzählen mir viel über die Rivalität mit United. Das ist für mich nichts Neues, ich kenne das von Atletico mit Real. Natürlich will ich viele Tore schießen, aber es geht mir bei City nicht um persönliche Titel, sondern um Erfolge mit der Mannschaft."

Wenn es einen Spieler bei Manchester United gibt, auf den sich der Fokus des Argentiniers richtet, ist es nicht Rooney, sondern eher Michael Owen. "Ich bewundere ihn seit seiner Zeit in Liverpool. Nur wegen Owen habe ich Premier League geguckt." Und nur wegen Owen, so heißt es, habe er jahrelang auf der Playstation nur mit dem FC Liverpool gespielt.

"Ich bin wie Che Guevara"

Anders als Owen hat Agüero derzeit alle Blicke auf sich gelenkt. Roberto Mancini klopft sich auf die Schulter, den Argentinier verpflichtet zu haben: "Wir hätten ihn nicht geholt, wenn wir von ihm nicht überzeugt wären." Gesträubt hat sich ohnehin niemand gegen den Transfer, aber dass der Neuankömmling so schnell einschlägt, hätte selbst Mancini wohl nicht erwartet.

Dass er schon wieder mit Maradona verglichen wird, beschäftigt Agüero nicht weiter, zumal er den Status seines Schwiegervaters unantastbar sieht. Aber er sagt auch: "Niemand wird wie Maradona, aber ich denke, gelegentlich gibt es eine totale Revolution im Fußball. Sie brauchen einen Revolutionär, der diese Dinge beginnt. Ich bin der Che Guevara des modernen Fußballs."

Was wohl Felix Magath dazu sagen würde?

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